Strange World Disney
© Disney
„Strange World“ // Deutschland-Start: 24. November 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Viele Jahre ist es inzwischen her, dass sich bei einer Expedition die Wege von Jaeger Clade und Searcher trennten. Während der legendäre Abenteurer weiterzog, um endlich herauszufinden, was sich jenseits der Berge befindet, nahm sein Sohn eine eigenartige Pflanze mit nach Hause. Diese schenkte den Menschen von Avalonia Reichtum, verwandelte einfache Dörfer in florierende Städte mit einer hoch entwickelten Technologie. Als diese jedoch auszufallen droht und die Pflanzen eine seltsame Krankheit zu befallen scheint, macht sich eine von Callisto angeführte Crew auf den Weg in das Innere ihrer Welt, wo sie sich Antworten auf ihre Fragen erhoffen. Dabei muss Searcher, der im Gegensatz zu seinem Vater ein leidenschaftlicher Farmer ist und eigentlich lieber zu Hause geblieben wäre, feststellen, dass sein Sohn Ethan sich unbemerkt der Expedition angeschlossen hat. Und das ist nur eine von vielen Überraschungen, die ihn in Folge erwarten …

Reise in die filmische Vergangenheit

Natürlich hat die Corona-Pandemie ganz allgemein starke Spuren in der Filmlandschaften hinterlassen, von der Produktion bis zu der Art und Weise, wie wir Filme konsumieren. Ein Bereich, der ganz besonders davon betroffen wurde, ist der des Animationsfilms. Viele schafften es erst gar nicht mehr in die Kinos, sondern wurden gleich zu Streamingdiensten abkommandiert. Die wenigen, die doch noch veröffentlicht werden, leiden überwiegend unter enttäuschenden Besucherzahlen. Dass sich da ein Wandel vollzieht, zeigt ein Blick auf Disney. Wo ihre Filme früher absolute Events waren, wird heute mit den Schultern gezuckt. Von Raya und der letzte Drache nahm kaum niemand Notiz. Encanto enttäuschte letztes Jahr ebenfalls, wurde erst durch die nachgeschobene Veröffentlichung auf Disney+ zu einem Hit. Und so wird dann auch gemunkelt, dass Strange World ebenfalls noch vor Weihnachten auf der Mäuseplattform erscheint. Das würde zumindest erklären, warum der Film kaum beworben wird und nirgends Hype zu spüren ist.

Qualitativ lässt sich dieses Desinteresse hingegen kaum begründen. Tatsächlich ist der Film einer der stärksten Disney-Filme der letzten Jahre. Wenn wir hier einer Familie in eine eigenartige Unterwelt folgen, in der sie die Ursprünge der Pflanze zu klären hoffen, dann ist das im besten Sinn ein Familienfilm. So dürfen ältere Zuschauer und Zuschauerinnen nostalgisch zurückdenken an eine Zeit, als es in Filmen oder auch Büchern und Comics noch richtige Abenteuer zu erleben gab. Tatsächlich erinnert Strange World ganz bewusst an solche klassischen Geschichten, wie man sie etwa in den Romanen von Jules Verne oder sogenannten Pulp-Magazinen fand. Die Reise zum Mittelpunkt der Erde bietet sich als Referenz an. Aber auch andere Vorbilder lassen sich finden, wenn sich vor den Figuren auf einmal eine ganz neue Welt auftut.

Familienabenteuer mit Humor und Herz

Diese Welt gehört dann auch zu den ganz großen Stärken des Films. Das Designteam durfte sich hier mal so richtig schön austoben und sich an fantastischen Landschaften und grotesken Wesen versuchen. Dabei sind Faszination und Schauer oft nah beieinander, wenn man gar nicht so genau weiß, ob man hier lieber näher rangehen oder schreiend davonlaufen soll. Dazu trägt auch die ungewöhnliche Farbgebung bei, die stark auf Violett setzt und damit eine unwirkliche Stimmung erzeugt. Das mag auf Dauer ein bisschen monoton sein, lässt sich inhaltlich aber durchaus begründen. Und trotz des recht eng gesteckten Rahmens dieser Welt lässt sich in Strange World sehr viel entdecken und bewundern. Es gibt nur selten Filme, die einen noch derart staunend umherblicken lassen.

Dabei ist das Ganze mehr als bloßer Style over Substance. Don Hall und sein Co-Regisseur Qui Nguyen, der auch das Drehbuch geschrieben haben, packten eine ganze Menge Stoff in ihren Film. So handelt die Geschichte von ganz klassischen Familienthemen, wenn gleich drei Generationen nach dem Sinn des Lebens suchen. Das führt zu diversen Parallelen, aber auch Widersprüchen und Gegensätzen. So kann sich der Farmer Searcher nicht in dem Abenteurer Jaeger wiederfinden. Ethan wiederum will sich von Searcher emanzipieren, ohne deshalb gleich wieder ein Abbild seines Großvaters zu werden. Innerhalb dieses Trios werden kontinuierlich die Koordinaten neu abgesteckt, mal in die eine, mal in die andere Richtung gegangen. Das ist alles nicht wirklich neu, aber doch gut erzählt und mit einer gelungenen Mischung aus Humor und Emotionalität.

Altmodisch und zeitgemäß zugleich

Bei den eingeschobenen größeren Themen wie der ökologischen Botschaft und der Bekennung zu Diversität darf man geteilter Ansicht sein. Erstere ist nicht unbedingt subtil und zudem nicht bis ins Detail durchdacht, Letztere wirkt auch etwas gewollt. Immerhin bleibt aber eine unnötige Problematisierung aus. Stattdessen konzentrieren sich Hall und Nguyen auf ihr Abenteuer und die sich wechselnde Familiendynamik. Der wohltuend altmodische und zugleich zeitgemäße Film gehört damit zu den Höhepunkten des vierten Quartals. Es wäre daher Strange World auf jeden Fall zu wünschen, dass er sein Publikum findet, egal ob nun in den Kinosesseln oder auf der heimischen Couch. Hier darf man gleichzeitig von der großen weiten Welt träumen und das wieder schätzen lernen, was direkt um einen herum wartet.

Credits

OT: „Strange World“
Land: USA
Jahr: 2022
Regie: Don Hall, Qui Nguyen
Drehbuch: Qui Nguyen
Musik: Henry Jackman
Kamera: Henri Decaë
Animation: Disney Animation Studios

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über die Arbeit an Strange World erfahren möchte: Wir hatten die Gelegenheit, zum Kinostart ein Interview mit den Regisseuren Don Hall und Qui Nguyen sowie dem Produzenten Roy Conli zu führen.

Don Hall / Qui Nguyen / Roy Conli [Interview]

Special

Schneewittchen und die sieben ZwergeSeit 1937 hat Disney die Geschichte des Animationsfilms maßgeblich mitbestimmt. Wir blicken in unserem Jubiläumsspecial zurück auf das legendäre Studio und stellen Dutzende ihrer Werke vor.

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Strange World
fazit
„Strange World“ ist ein insgesamt sehr sehenswerter Animationsfilm, der sich vor klassischen Abenteuergeschichten verneigt. Da treffen eine fantasievolle Optik, eine sich ständig wechselnde Familiendynamik, Humor und actionreiche Momente aufeinander. Das Ergebnis ist dabei gleichzeitig wohltuend altmodisch und sehr zeitgemäß, auch wenn die gesellschaftlichen Aussagen ein bisschen erzwungen sind.
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