(„Aladdin“ directed by Ron Clements, John Musker, 1992)

AladdinGeld hat er keins, ebenso wenig eine echte Perspektive. Dafür aber geschickte Hände. Und die nutzt der Straßendieb Aladdin vor allem, um gemeinsam mit seinem kleinen Äffchen Abu seine Mitbürger um Essen und Geld zu erleichtern. Bei einem seiner Raubzüge lernt er die verkleidete Prinzessin Jasmin kennen, die es leid ist, immer nur im Palast eingesperrt zu sein. Für Aladdin ist es Liebe auf den ersten Blick. Aber was kann ein niemand wie er schon einer solchen Traumfrau bieten? Die Antwort liefert ihm ein alter Mann, der ihm von einer Höhle erzählt, in der unglaubliche Schätze lagern sollen. Was Aladdin dabei nicht ahnt: Bei dem Mann handelt es sich in Wahrheit um den Großwesir Dschafar, der ganz andere Pläne im Sinn hat, als einem jungen Liebesglück zu helfen. Ausgesprochen finstere Pläne sogar.

Mit dem Beginn der Disney Renaissance Ende der 1980er hatte Disney ein Erfolgsrezept gefunden, das tatsächlich funktionierte und eine Reihe großer Klassiker hervorbrachte. Man nehme ein altes Märchen, modernisiere es ein wenig, bereichere es um farbenfrohe Nebenfiguren und eingängige Lieder, setzte das Ganze mit der neuesten Technik um, die der Zeichentrick damals zu bieten hatte. Nachdem die Amerikaner zuvor bei Arielle, die Meerjungfrau und Die Schöne und das Biest im Fundus der europäischen Geschichte herumstöberte, wendeten sie sich beim 31. abendfüllenden Animationsfilm Aladdin dem Orient zu. Genauer „Aladin und die Wunderlampe“, einem der bekanntesten Märchen der späteren Fassung von „Tausendundeine Nacht“.

Schwungvolle Musik, orientalisch angehaucht
Ein Selbstläufer sollte man meinen. Tatsächlich war die Entstehungsgeschichte von Aladdin jedoch ein wenig holprig, mehrere Versionen der Geschichte wurden geschrieben, auch weil Studio-Boss Jeffrey Katzenberg mit dem Ergebnis unzufrieden gewesen sein soll. Dem fertigen Film merkt man diese Schwierigkeiten kaum an. Im Gegenteil: Er ist einer der leichtfüßigsten und mitreißendsten, die das Mäuseimperium im Laufe der Zeit produziert hat. Dabei hat Alan Menken deutlichen Anteil daran, der wie schon bei Arielle, die Meerjungfrau und Die Schöne und das Biest die Filmmusik geschrieben hat. Die ist insgesamt etwas orientalischer angehaucht und sehr schwungvoll angelegt. Lediglich bei den Nummer-eins-Hit „A Whole New World“ – erneut mit einem Oscar ausgezeichnet, erstmals auch mit einem Grammy – durften auch die Schnulzenanhänger hemmungslos schwelgen.

Die Romanze zwischen dem Dieb und der Prinzessin spielt insgesamt jedoch eine weniger wichtige Rolle als bei den beiden vorangegangenen Musical-Hits. Sie ist natürlich der Katalysator des Geschehens. Und wieder einmal müssen Disney-Helden lernen, sich selbst zu akzeptieren, ehrlich zu sein, den wahren Wert eines Menschen zu erkennen, sich für andere zu opfern. Man darf aber auch einfach seinen Spaß haben, denn der Humor wurde hier noch einmal deutlich ausgebaut. Wieder einmal durften vor allem Nebenfiguren als Comic Relief herhalten – der diebische Affe Abu, der ständig meckernde, sarkastische Papagei Iago, der wendige magische Teppich, der korpulente Sultan, der am liebsten mit kleinen Puppen spielt.

Geistreiche Unterhaltung
Und dann gibt es natürlich noch ihn: der Dschinn. Er ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Er ist es, auf den Dschafar scharf ist. Er ist es, der die beiden Liebenden zusammenbringt. Mit unserer klassischen Vorstellung eines Lampengeists hat Disneys Interpretation nur wenig gemeinsam. Unterwürfig? Ein vornehmer Diener? Nichts dergleichen! Der heimliche Held von Aladdin ist ein unglaublich wandelbarer Zeitgenosse, der ständig sein Aussehen verändert, ein wenig selbstverliebt ist, keine Spur zurückhaltend. Wer kann, sollte sich diesen Wirbelwind im englischen Original anschauen. Nicht nur, dass hier diverse Wortspiele besser funktionieren, Robin Williams füllte die Zeichentrickfigur mit so viel Leben, Elan und Witz, dass es einen immer wieder vom Sofa fegt. Neben ihm, den kuriosen Tieren und einem wunderbar verschlagen Dschafar haben die beiden Liebenden natürlich kaum eine Chance. Bei dieser geballten Ladung an Exzentrik müssen zwei normale Menschen verblassen. Aber sie schlagen sich doch zumindest achtbar, sind beide dickköpfig und trickreich genug, um zumindest ein wenig Charakter zu bekommen.

Bei den Bildern muss man sich in der Hinsicht keine Gedanken machen. Die visuelle Umsetzung des Märchens war vor 25 Jahren eine Wucht und ist es auch heute noch – mit kleinen Einschränkungen. An den Animationen gibt es nach wie vor nichts zu meckern. Die Figuren sind von einer beeindruckenden Agilität, die Bewegungen vielseitig und immer flüssig. Hinzu kommen die vielen kreativen Einfälle: Ständig passiert etwas, gibt es kleine, feine Details, welche die altbekannte Geschichte aufwerten. Lediglich bei den Computereinsätzen zeigt sich doch, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist. Durfte man 1992 noch mit offenem Mund im Kinosessel sitzen, während wir durch die fiktive Stadt Agrabah rauschen, ist so manches am Rechner entstandene Element heute einfach veraltet. Und auch das Zusammenspiel von handgezeichneten und per Technik konstruierten Elementen will nicht mehr so richtig passen. Aber das sind kleinere Mäkel. Ansonsten nimmt uns das Dream Team Ron Clements und John Musker (Vaiana, Basil, der große Mäusedetektiv) mit auf ein wunderbares Abenteuer, das Spannung und Spaß, Witz und Dramatik in einer seltenen Perfektion bietet.

Aladdin
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Aladdin
Die Elemente sind bekannt, aber in einer Perfektion ausgearbeitet, wie man sie selbst von der Disney Renaissance kaum kannte. Es gibt ein spannendes Abenteuer, starke, teils überaus witzige Figuren und dazu einen eingängigen Soundtrack, welcher der alten Geschichte neuen Schwung verleiht.
9von 10

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