Mulan
© Disney

(OT: „Mulan“, Regie: Tony Bancroft/Barry Cook, USA, 1998)

MulanMan kann nicht unbedingt behaupten, dass das Leben von Fa Mulan nach Plan verläuft. Die Episode mit der Heiratsvermittlerin ist schnell beendet, als so ziemlich alles schief geht, was schief gehen kann. Schließlich hat das aufgeweckte Mädchen nur wenig für die traditionelle Frauenrolle des mittelalterlichen Chinas übrig. Während ihr das eher gleichgültig ist, bereitet ihr etwas anderes dafür umso größere Sorgen: Die Hunnen sind eingefallen, jede Familie muss einen Mann für die kaiserliche Armee stellen. Bei Familie Fa fällt die Wahl mangels Alternativen auf ihren Vater, der sehr pflichtbewusst ist, aber noch eine alte Verletzung mit sich herumträgt. Um ihn vor deinem Schicksal zu bewahren, beschließt Mulan, sich als Mann zu verkleiden und sich an Stelle ihres Vaters zu melden. Und das ist gleich doppelt gefährlich: Es fehlt ihr nicht nur an Kampferfahrung, auf die Täuschung steht zudem die Todesstrafe.

In den letzten Jahren hat sich die Zahl westlicher Filme, die in China spielen, ja deutlich erhöht – mit dem Ziel, das immense dortige Publikum anzuzapfen. Dass Disney bei der aktuellen Realfilmreihe, die auf älteren Zeichentrickfilmen basieren, auch Mulan wieder auskramen würde, ist daher keine große Überraschung. Bei der Animationsvorlage aus dem Jahr 1998 war das aber noch ein bisschen anders. Ein wenig hatte man zwar auch damals schon auf einen Erfolg im Reich der Mitte gehofft. Der 36. Teil der sogenannten Meisterwerke war jedoch in erste Linie ein Beispiel dafür, dass die Amerikaner inzwischen auf der ganzen Welt die Schatzkisten plünderten. Ob skandinavische Märchen (Arielle, die Meerjungfrau) oder französische (Die Schöne und das Biest), der Orient (Aladdin) oder griechische Mythologie (Hercules) – erlaubt war, was sich einem Publikum verkaufen ließ.

Formelhafte Verwässerung einer chinesischen Ballade
Bei Mulan war die Vorlage dann eben eine alte chinesische Ballade, die davon erzählte, wie eine junge Frau den Platz des Vaters in der Armee einnahm. Dieses Motiv übernahm Disney, reicherte es aber – wie so oft – mit eigenen Ideen an. Der vorlaute, nicht so ganz kompetente Minidrache Mushu ist beispielsweise ein echter Disney. Vielleicht hatte sich das Mäuseimperium zu sehr daran gewöhnt, irgendwelche lustigen, tierischen Sidekicks zu haben und wollte sich deshalb nicht zu weit vom Erfolgsrezept lösen. Rein wirtschaftlich hat sich die Adaption der Ballade auch gelohnt, die Einspielergebnisse waren Mitte bis Ende der 90er sehr konstant. Allerdings hatten die Filme damals aber auch schon angefangen, zu sehr nach Formel zu schmecken. Und so eben auch hier.

Eine junge Protagonistin, die über sich hinauswächst, Unterstützung von lustigen Viechern erhält und am Ende ihren Traumprinzen in die Arme fällt, das ist im Prinzip schon ziemlich 08/15. Die etwas feministischeren Tendenzen, die bei Disney seit Arielle, die Meerjungfrau existierten, die gab es hier natürlich durchaus. Eine weibliche Kämpferin, die am Ende alle rettet? Das ist nicht selbstverständlich. Bis zu den tatsächlich unabhängigen Heldinnen der letzten Jahre, etwa Die Eiskönigin – Völlig unverfroren oder Vaiana, war es aber noch ein weiter Weg. Mulan muss erst ein Mann werden, um Respekt zu erhalten. Immerhin darf sie sich währenddessen über das männliche Geschlecht lustig machen. Das Spiel mit Klischees war tatsächlich etwas Besonderes, wenn es schon der Film an sich nicht war. Oder die Musik, die es zu keinem Zeitpunkt mit den Ohrwürmern der frühen 90er aufnehmen kann, als ein Hit dem anderen folgte. Es dürfte nur wenige Menschen geben, die auf Anhieb ein Lied aus dem Film im Ohr haben.

Einfach und einfach nett
Auch visuell hat Mulan zwischenzeitlich etwas Staub angesetzt. Interessant ist auf jeden Fall der Wasserfarben-Look, der sich an alten chinesischen Bildern orientiert. Allerdings bedeutete das auch, dass hier alles etwas einfacher gestrickt ist. Wo vorherige Disney-Werke gerade auch durch Detailreichtum überwältigten, gibt es hier nur wenig zu sehen. Die Animationen sind wieder auf einem hohen Niveau, auch vereinzelte Effekte bei Licht oder sich bewegenden Blätter sehen klasse aus. Ansonsten fehlt dem Zeichentrickfilm aber das Besondere. Im Fall der CGI-Elemente ist der Streifen bald 20 Jahre später ohnehin veraltet. Nett ist der Film natürlich, teilweise auch witzig – Mushu und Mulans Großmutter haben einige flotte Sprüche drauf. Auch ein Ausflug in die Geisterwelt beschert uns lustige Momente. Wer die Disney-Animationsschiene mag, findet hier eine Menge von dem, was andere Filme zuvor groß gemacht haben. Aber eben auch nicht wirklich mehr.



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Disneys Version einer alten chinesischen Ballade ist witzig und vertraut auf viele bewährte Elemente der erfolgreichen Animationssparte. Trotz einer exotischen Kulisse und feministischen Tendenzen mangelt es „Mulan“ aber an wirklich hervorstechenden Elementen, auch der einfachen Optik und der wenig erinnerungswürdigen Musik wegen. Ein netter Film, der es mit den Vorgängern aber nicht wirklich aufnehmen kann.
6
von 10