(„Wreck-It Ralph“ directed by Rich Moore, 2012)

Ralph reichtsJede Geschichte braucht ihren Helden. Jemand, zu dem wir aufblicken, mit dem wir uns identifizieren können. Jemand, der dafür sorgt, dass alles ein gutes Ende nimmt. Aus diesem Grund braucht jeder Held auch einen Gegenspieler, den Bösewicht. Jemand, der das genaue Gegenteil von ihm verkörpert. Jemand, über den der Held triumphieren kann und dadurch erst zum Held wird. Doch was ist eigentlich mit dem Bösewicht? Mit seinen Bedürfnissen? Schon einmal darüber nachgedacht, was mit ihm passiert, wenn die Geschichte vorbei ist und er nicht mehr gebraucht wird?

Vermutlich nicht. Niemand tut das. Aus diesem Grund treffen sich in Ralph reichts auch regelmäßig die ungeliebten Gegenspieler zu einer Selbsthilfegruppe „Anonymen Bösewichte“. Deren Teilnehmer haben ein besonders hartes Los gezogen: Sie sind Bösewichte auf Abruf in Videospielautomaten. Wann immer ein Kind Geld einwirft, müssen sie zur Stelle sein, ihre verhasste Rolle einnehmen und bekommen dann eins auf die Mütze, während die Helden sich feiern lassen. Ralph ist einer dieser digitalen Punchingbälle. Seit 30 Jahren schon spielt er den Antagonisten in dem Spiel „Fix-it Felix Jr.“. Seine Aufgabe: Gebäude kaputtschlagen. Doch „zum Glück“ taucht jedes Mal der namensgebende Felix mit seinem magischen Hammer auf und repariert im Nu alles. Anschließend wird er auf dem Dach des Gebäudes mit einer Torte geehrt, alle sind glücklich!Ralph reichts Szene 1

Alle außer Ralph. Nicht nur, dass er vom Gebäude gestürzt wird, er fristet seine Zeit nach den Spielen allein auf einem Müllplatz. Doch jetzt reicht’s ihm! Als er uneingeladen in die Feier zum 30. Jahrestag seines Spiel platzt, erhält er das Angebot: Komm mit einer Medaille wieder und du darfst bei uns bleiben. Für Ralph, der sich nichts sehnsüchtiger als das wünscht, ist dieses Angebot – selbst wenn es nicht ernst gemeint ist – die einzige Chance, endlich einmal dazuzugehören. Zufällig erfährt er in einer Bar, dass eben eine solche Medaille der Lohn ist, wer beim Spielautomaten „Hero’s Duty“ siegreich ist. Also macht er sich auf den Weg dorthin, erlebt spannende Abenteuer und landet später auf Umwegen in einem weiteren Automaten „Sugar Rush“, wo er Vanellope trifft, die ebenso wie er eine Außenseiterin ist und nur einen großen Traum hat: endlich einmal im Kartrennen ihres Spielautomaten gewinnen und von den Spielern geliebt werden. Klar, dass Ralph die Gefühle des kleinen Mädchens gut versteht und ihr deshalb helfen möchte, wo er kann.

Von Super Mario Bros. über Street Fighter bis zu den berüchtigten Uwe-Boll-Streifen (u.a. Far Cry und Blood Rayne) – der Versuch, populäre Videospiele auf die große Leinwand zu bringen, endete meist in einem kompletten Desaster. Wie schlimm muss dann erst ein Film über Videospiele sein? Ralph reichts beweist, dass so etwas funktionieren kann, sehr gut sogar. Genauer ist der neueste Animationsfilm ein Fest für alle, die in den 80ern und 90ern mit Videospielen aufgewachsen sind. Wenn etwa Bowser („Super Mario“), Doctor Eggman („Sonic the Hedgehog“) oder Zangrief („Street Fighter II“) in dem an die „Anonymen Alkoholiker“ angelegten Treffen mit ihrem Schicksal als Bösewichte hadern, der in Vergessenheit geratene, inzwischen arbeitslose Q*bert auf der Straße lebt oder Ralph in der Kneipe aus dem Automatenklassiker „Tapper“ seinen Kummer ertrinkt, wird jedem Veteranen das Herz übergehen. Hinzu kommen viele kleinere Anspielungen, die die meisten Zuschauer nicht verstehen dürften, den Film für Fans aber zu einem Muss machen. Hier zeigt sich deutlich die Handschrift von Rich Moore, der schon als Regisseur einiger Folgen der Simpsons und Futurama Erfahrungen darin sammelte, Geschichten für ein jüngeres und älteres Publikum zugleich zu inszenieren.Ralph reichts Szene 2

Denn natürlich richtet sich Ralph reichts – nostalgischer Anspielungen zum Trotz – in erster Linie an die typische Disney-Zielgruppe: Familien und Kinder. Aber auch hier gibt sich der Film keine Blöße. Die eigentliche Handlung ist gut greifbar und selbst als Nichtvideospieler ohne Einbußen zu verstehen, die Figuren sind sympathisch, die Bilder bunt und familiengerecht, und an den Animationen gibt es wie bei den meisten Filmen aus der Micky-Maus-Schmiede ohnehin nichts zu meckern. Und natürlich steht im Mittelpunkt wieder eine Moral, die den Kleinen mit auf den Weg gegeben werden kann, darüber, was es heißt, wirklich ein Held zu sein. Disney ist damit das Kunststück gelungen, einen charmanten und witzigen Film zu kreieren, den sich die Familie bedenkenlos zusammen anschauen kann – auch wenn so mancher Junior sicher nicht verstehen wird, warum Papa und Mama an gewissen Stellen so glänzende Augen bekommen.

Ralph reichts ist seit 4. April auf DVD und Blu-ray erhältlich

Ralph reichts
4.5 (90%) 8 Artikel bewerten

Ralph reichts
Ralph reichts ist ein rundum gelungener Animationsfilm für die ganze Familie. Kinder werden mit der einfachen Geschichte, sympathischen Figuren, witzigen Einfällen und fantasievollen Schauplätzen ihren Spaß haben, ältere Semester erfreuen sich an den zahlreichen Anspielungen auf Klassiker aus der Videospiel- bzw. Spielautomatenwelt.
8von 10

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Eine Antwort

  1. Lorenz Mutschlechner

    Fand den Film auch sehr gelungen und überraschend erfrischend. Da man bei Disney natürlich darauf bedacht war einen möglichst gewinnbringenden Familienfilm zu produzieren gibt es auch ein paar Durchhänger, die aber die liebevoll gerenderten Figuren wieder wett machen. Daumen hoch, auch wenn meine Bewertung eher eine 7 von 10 wäre 😉

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