(„Life, Animated“ directed by Roger Ross Williams, 2016)

Life Animated

„Life, Animated“ läuft ab 22. Juni 2017 im Kino

Manche Geschichten aus dem wahren Leben sind so gut, dass sie kein Drehbuchautor besser hinbekommen hätte. Oder eine Marketingabteilung. Im Fall von Life, Animated dürfte es die von Disney sein, deren Augen zeitgleich vor Rührung und Dollar-Zeichen glänzt. Ein Junge, der mit den Trickfilmen des Mäuseimperiums Anschluss an die Welt da draußen findet? Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Traum. Vor allem, weil Familie Suskind vorher einen absoluten Alptraum durchmachen musste. Eine glückliche Ehe, zwei Kinder, ein kleines Häuschen – eigentlich hatten sie alles, was sie für das eigene Glück brauchten. Bis es ihnen wieder genommen wurde.

Owen, der jüngere der beiden Buben, hatte zunächst wie jedes andere Kind gewirkt, entwickelte sich normal, war aufgeschlossen, ausgelassen. Bis er mit drei Jahren begann, sich immer weiter zurückzuziehen und auch abzubauen. Seine Sprache degenerierte zu einem Gebrabbel, er bekam Probleme bei der körperlichen Koordination und wirkte so, als wäre er nicht mehr Teil dieser Welt. Aus gutem Grund: Sie war ihm zu viel. Autismus lautete die Diagnose der Ärzte. Owen konnte mit den vielen Reizen der Außenwelt nicht umgehen, die Erfahrungen nicht verarbeiten und entzog sich diesen daher. Jeder Versuch der Eltern, ihn wieder aus der Isolation zu locken, schlug fehl. Hoffnung aus Besserung gab es keine.

Neue Hoffnung durch bunte Trickfilmfiguren
Bis Familie Suskind aus reinem Zufall entdeckt, dass Owen mithilfe von Disney-Trickfilmen kommunizieren und lernen kann. Die hatte er schon immer gern gesehen. Doch was er aus diesen mitnahm, das hatten selbst seine Eltern nicht realisiert. Bis er sprach. Erst war es nur die genuschelte Wiederholung eines Satzes aus Arielle, die Meerjungfrau, welche Ärzten zufolge wahrscheinlich nichts zu bedeuten hat. Später kam jedoch einer hinzu, der nicht einfach nachgesprochen wurde, sondern Peter Pan nutzte, um eine Situation im Familienleben zu verstehen. Danach dämmerte den Suskinds so langsam, was da passierte: Die bunten Zeichentrickgeschichten halfen Owen, die verwirrenden Eindrücke dieser Außenwelt zu ordnen und begreifbar zu machen. Was umgekehrt bedeutete, dass die Eltern auf diese Weise auch mit ihm kommunizieren konnten.

All dies erzählt Life, Animated, welches auf dem gleichnamigen Buch von Vater Ron Suskind basiert, größtenteils im Rückblick. Owen selbst ist inzwischen Mitte 20 und kurz davor eine eigene Wohnung zu beziehen. Hilfe braucht er natürlich noch immer, gerade bei den vielen Alltagsaufgaben, die ein Erwachsenenleben so mit sich bringt. Aber er kann wieder normal reden, laufen, träumt sogar davon, arbeiten zu gehen. Dass dies trotz allem ein Traum bleiben kann, das wird nur manchmal angedeutet – etwa in den Gesprächen mit Bruder Walter, der sich jetzt bereits Sorgen darüber macht, in 20 Jahren allein für Owen verantwortlich zu sein.

Ein schönes Märchen, das keinen Platz für Kritik lässt
Für diese kritischeren Gedanken ist ansonsten in Life, Animated kein Platz. So wie die Filme von Disney auch mag der Held zwischendrin zweifeln und an Problemen scheitern, doch später lockt das obligatorische Happy End. Etwas unbefriedigend, wenn auch nachvollziehbar, ist zudem der große Sprung: Der Film erzählt nur von den frühesten Erfahrungen, bevor es gleich in die Gegenwart geht. Was dazwischen passiert ist, erfahren wir nicht, auch nicht, welche Rolle Disney heute noch spielt. Auffallend ist beispielsweise, dass es vor allem die Filme der 90er sind, die gezeigt werden, sprich die aus Owens Kindheit. Während Aladdin und Der König der Löwen so regelmäßig zu Wort kommen, fehlen die Filme des letzten Jahrzehnts komplett. Hat er die Welt der Trickfilme hinter sich gelassen? Wie nützlich sind sie bei seinem heutigen leben? Hält er sich einfach nur an den Erinnerungen an seine Kindheit fest, ist selbst ein Peter Pan?

Der Film macht dazu keine Angaben, so wie er allgemein relativ wenig über das Grundthema hinaus spricht. Am Ende ist die für einen Oscar nominierte Geschichte von Owen Suskind selbst ein Märchen, das einen staunen, lachen und vielleicht sogar auch ein wenig weinen lässt. Vor allem die Passage geht zu Herzen, wenn sich der Junge für all die vergessenen Figuren einsetzt, die so wichtig bei Disney sind und doch nie im Mittelpunkt stehen. „No sidekick gets left behind“, schreibt er in sein Notizbuch, träumt von einer Welt, in der es die Gehilfen sind, um die sich alles dreht. Figuren, die wie er selbst schnell an den Rand geschoben werden. Dass diese Passagen selbst in Animationsform umgesetzt wurden, die an Disney erinnern und doch ganz anders sind, machen die nostalgisch stimmende Feel-Good-Dokumentation zu einem besonderen Vergnügen.

Life, Animated
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Life, Animated
Ein autistischer Junge findet über Disney-Trickfilme Anschluss ans Leben, das ist zu schön, um wahr zu sein! Ein bisschen märchenhaft ist „Life, Animated“ natürlich schon, spart sich kritische Fragen aus. Dafür geht der Dokumentarfilm zu Herzen und lässt einen auch jenseits der bunten Geschichten von Happy Ends träumen.
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