Lieber Thomas
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Lieber Thomas

Inhalt / Kritik

„Lieber Thomas“ // Deutschland-Start: 11. November 2021 (Kino) // 21. April 2022 (DVD/Blu-ray)

Als Horst Brasch (Jörg Schüttauf) mit seiner Familie in den 1950ern in die DDR zieht, dann um teilzuhaben an diesem jungen Staat, von dessen System und Prinzipien er fest überzeugt ist. Sein Sohn Thomas (Albrecht Schuch) ist da ganz anders. Der entdeckt später die Macht der Worte und setzt alles daran, sich durch seine Texte Gehör zu verschaffen. Das tut er tatsächlich, wenngleich nicht so, wie es sein Vater gern hätte. Immer wieder eckt der angehende Schriftsteller an, sei es durch seine Arbeiten oder auch indem er mit seiner Freundin Sanda (Ioana Iacob) an einer Protestaktion beteiligt. Nach einer Reihe schwieriger Jahre beschließt er, dass er nicht weiter in dem Land bleiben kann, das ihn als Künstler derart einschränkt. Und so macht er sich gemeinsam mit Katarina (Jella Haase) auf in den Westen – wo schon ganz neue Probleme auf ihn warten …

Ein Mann, der nirgends reinpasste

Ein bisschen irreführend ist der Titel Lieber Thomas ja schon. Es gibt sicherlich eine Menge, das man über Thomas Brasch sagen könnte. Das tut der Film auch, wenn er dem Schriftsteller und Künstler zweieinhalb Stunden durchs Leben hinterherhechtet. „Lieb“ ist aber auch nach diesem geballten Material nicht unbedingt das erste Adjektiv, das einem zu dem widerspenstigen Tausendsassa einfallen würde. Wenn überhaupt, dann passt das Wort nur als Teil einer Liebeserklärung, die das Drama darstellt. Als eine solche könnte man den Film durchaus bezeichnen. Zumindest ist spürbar, mit welcher Faszination alle Beteiligten an einen Menschen erinnern, der so konsequent seinen Weg suchte, dass er grundsätzlich nur auf der Durchreise sein konnte. Denn so wirklich reingepasst hat er nirgends.

Dabei porträtiert Regisseur Andreas Kleinert seinen Protagonisten nicht zwangsläufig als reinen Rebellen. Thomas Brasch wird in dem Film vielmehr als jemand beschrieben, der sich von niemandem etwas vorschreiben oder sich einengen lassen will. Angetrieben von einem künstlerischen Schaffungsdrang und einer kaum zu bändigenden Lebenslust rast er durch die Welt, vor Leidenschaft brennend. So sehr brennend, dass man nie genau sagen kann, ob er nun für sich oder andere die größere Gefahr darstellt. Ruhemomente gibt es in Lieber Thomas dabei kaum, was man bei einer derart exzessiven Laufzeit erst einmal schaffen muss. Wer sich hier irgendwie erwartet hat, eine ganz ruhige Darstellung seines Lebens zu Gesicht zu bekommen, der irrt. Der Film ist ebenso wild wie sein Titelheld.

Grandios gespielter Sonderling

Für manche könnte das schon zu wild sein. Gerade weil der Film wie besessen davonrast und sich dabei nicht um das hinterherhechelnde Publikum kümmert, das gar nicht immer weiß, wie ihm geschieht, könnten da so manche vorzeitig aussteigen. Zumal Kleinert sich nicht darum schert, wie solche Biopics normalerweise aufgebaut sind. Ob es nun die Schwarzweißbilder sind, der Verzicht auf große Höhepunkte oder die plötzlich auftauchenden und wieder verschwindenden Nebenfiguren: Lieber Thomas ist kein biederes Gefälligkeitskino, wie es solche Künstlerporträts gerne mal sind. Was aber nicht heißen soll, dass einem der Film nicht gefallen kann. Im Gegenteil: Das Werk, das beim Filmfest München 2021 Premiere feierte, hat sogar jede Menge zu bieten.

Allen voran natürlich Albrecht Schuch, der nach einer lange eher unspektakulärem Schauspielkarriere gerade einen wahnsinnigen Lauf hat und sich einige der spannendsten aktuellen Filme des deutschen Kinos ausgesucht hat. Nach seinem doppelten Triumph mit Systemsprenger und Berlin Alexanderplatz beim Deutschen Filmpreis 2020 war er dieses Jahr bereits in den zwei interessanten Romanadaptionen Fabian oder Der Gang vor die Hunde und Schachnovelle zu sehen. Mit Lieber Thomas unterstreicht er noch einmal sein Talent: Die Darstellung des rastlosen Literaten, der nach der Wende in Vergessenheit geraten ist, macht ihn auf jeden Fall zu einem heißen Anwärter, sobald die nächste Filmpreisrunde losgeht.

Zeitdokument und Porträtannäherung

Aber auch inhaltlich ist das Drama spannend. Lieber Thomas wird zu einer Gegenüberstellung zweier konkurrierender Systeme und dem Versuch, in beiden Kunst zu betreiben. Gerade der naheliegende Vergleich der Zeit in der DDR und der nach der Emigration wird so zu einem gleichermaßen persönlichen wie politischen Porträt. Und auch als Zeitdokument ist der Film sehenswert, wenn Kleinert einige Jahrzehnte abarbeitet. Endgültige Antworten springen dabei zum Ende hin zwar nicht unbedingt heraus. Aber so wie die Suche von Brasch nach künstlerischem Ausdruck ein bemerkenswertes Erbe zurückgelassen ist, ist auch die filmische Annäherung an den Autor ein packendes Unterfangen, welches Lust darauf macht, die tatsächliche Kunst von Brasch kennenzulernen.

Credits

OT: „Lieber Thomas“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Andreas Kleinert
Drehbuch: Thomas Wendrich
Musik: Daniel Michael Kaiser
Kamera: Johann Feindt
Besetzung: Albrecht Schuch, Jella Haase, Ioana Iacob, Jörg Schüttauf, Anja Schneider, Joel Basman, Emma Bading

Bilder

Trailer

Interview

Wie hat er sich dem Schriftsteller Thomas Brasch angenähert? Und kann eine Kunst im Kapitalismus frei sein? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarsteller Albrecht Schuch in unserem Interview zu Lieber Thomas gestellt.

Albrecht Schuch [Interview]

Filmfeste

Filmfest München 2021
Filmkunstmesse Leipzig 2021
Jüdisches Filmfestival Berlin Brandenburg 2021
Filmfest Emden Norderney 2021
Film Festival Cologne 2021
FILMZ 2021

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Lieber Thomas
Fazit
„Lieber Thomas“ ist ein überlanges, exzessives und eigenwilliges Porträt des Autors Thomas Brasch. Doch genau das ist die Stärke: Auch dank eines lichterloh brennenden Albrecht Schuch lernen wir hier einen faszinierenden Menschen kennen, der in keine Kategorie passte und unbeirrt nach einer Möglichkeit der künstlerischen Selbstentfaltung suchte.
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