Im Spiegel meiner Mutter
© COIN FILM I Silviu Guiman

Im Spiegel meiner Mutter

Im Spiegel meiner Mutter
„Im Spiegel meiner Mutter“ // Deutschland-Start: 13. August 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Das Leben von Ursula Scheuner (Corinna Harfouch) ist eine Baustelle. Nicht nur, weil die Professorin für Archäologie in einem Institut arbeiten muss, das bei vollem Lehrbetrieb saniert wird. Sondern vor allem, weil ihre demente Mutter Hildegard (Hildegard Schmahl) vor zwei Tagen in einem Pflegeheim gestorben ist. Beim Ausräumen des länger leer stehenden Elternhauses steigen alte Erinnerungen hoch – die Beziehung zwischen Ursula und ihrer Mutter war äußerst problematisch. Wie in Trance tappt die Professorin durch ein berufliches und privates Chaos. Und so scheint es auf den ersten Blick recht naheliegend, dass Ursulas neue Assistentin Mel (Carla Juri) ihrer Chefin nicht nur beruflich, sondern auch privat unter die Arme greift. Als erstes soll Mel die im Keller des Instituts versteckte Moorleiche säubern, von der sich die Wissenschaftlerin eine kleine Sensation und wieder mehr Anerkennung für ihre Arbeit verspricht. Aber Mel verhält sich wie eine merkwürdige Mischung aus Schutzengel und Therapeutin in Jutta Brückners bildstarkem Drama.

Raum öffnende Zwischenwelten

Sanft fliegt die Kamera über das nächtliche Moor. Aus dem tiefdunklen Wasser ragen abgestorbene Baumstämme, auf der Tonspur erklingen dissonante elektronische Klänge. Die Szenerie erscheint unwirklich, die subjektive Perspektive gespenstisch. Ein Traum? Oder Wirklichkeit? Das ist nicht immer sofort klar in den kunstvoll komponierten Einstellungen von Kamerafrau Daniela Knapp. Eindeutiger Realismus wechselt sich ab mit Zwischenwelten. Die haben einen inhaltlich motivierten Hintergrund, sie entsprechen dem Schockstatus des Verlustes, der Orientierungslosigkeit von Trauer. Aber die Bilder besitzen auch ein ästhetisches Eigenleben. Sie lassen sich nicht auf den Status als Bedeutungsträger reduzieren, sondern kommunizieren miteinander und öffnen den Raum, der Dialogen und eindeutigen diskursiven Zuordnungen versagt bleibt. Widersprüchliches beansprucht hier seinen Platz, etwa der Hass auf die Mutter und die Sehnsucht nach ihrer Liebe. Oder das Gefühl, nie als eigenständiges Wesen wahrgenommen worden zu sein, bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sich wirklich abzugrenzen.

Zwei Filme hat Jutta Brückner bereits über das Verhältnis von Müttern und Töchtern gedreht. Die Dokumentation Tue recht und scheue niemand (1975) rekonstruierte anhand von Fotos das Leben ihrer Mutter und stellte es in einen Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit kleinbürgerlicher Verhältnisse. Im ebenfalls stark autobiografisch inspirierten Spielfilm Hungerjahre – In einem reichen Land (1980) reflektierte die Regisseurin ihre Pubertät. Im Presseheft zu Im Spiegel meiner Mutter schreibt Jutta Brückner nun, dass sie eigentlich glaubte, mit den beiden ersten Filmen sei das Mutter-Tochter-Verhältnis auserzählt gewesen. Warum sie nun, mehr als 35 Jahre später, den letzten Teil einer Trilogie gedreht hat, versteht man auf Anhieb. Der Tod der eigenen Mutter erschüttert lange eingeübte Haltungen und unerbittliche Grabenkämpfe.

Jahrtausende alter Frauenhass

Weshalb autobiografisches Erzählen hier so unter die Haut geht, muss ebenfalls nicht lange erklärt werden. Wir alle, ob Frauen oder Männer, kommen aus dem Schoß der Mutter – nicht von ungefähr begeistert sich die Archäologin für die göttlich verehrten Urmütter des Matriarchats, etwa der fast 30 000 Jahre alten Venus von Millendorf. Aber wir müssen uns von unserer Gebärerin irgendwann lösen, Jungen fällt das nach bestimmten feministischen Wissenschaftsrichtungen leichter als Mädchen. Und so spürt Im Spiegel meiner Mutter mit filmischen Mitteln einem Prozess nach, der sowohl individuell wie auch gesellschaftlich von höchster Bedeutung ist. Er tut dies in individueller Geschichtsforschung, aber im ständigen Kontakt mit den Biografien von uns allen. Und er spiegelt die Ebenen ineinander. Das Schicksal der Moorleiche etwa steht unter anderem für Phänomene des Frauenhasses, die sich in Jahrtausenden nicht geändert haben. Außerdem reflektiert die Tote, nachdem ihr Rätsel teilweise gelöst ist, die Spannungspole mütterlicher Liebe – echte Zuneigung zum Kind im Gegensatz zur Selbstliebe der Mutter, die ein Ersatzobjekt für eigene Wünsche sucht.

So beschrieben, könnte man den Film auch für eine Art wissenschaftlichen Essay halten. Aber nichts wäre falscher als das. Vor zu viel theoretischer Festlegung schützt allein schon die wunderbare Figur der Assistentin Mel mit ihrer Vielschichtigkeit. Ist die junge Frau überhaupt real? Verkörpert sie ein jüngeres Ich von Ursula? Weiß sie Dinge, die die Wissenschaftlerin vergessen oder verdrängt hat? Vielleicht ist von allem etwas dabei, vielleicht noch viel mehr. In jedem Fall steht die Figur für alles, was den besonderen Reiz des Films ausmacht: Dass er ebenso betörende wie glaubwürdige Bilder findet für einen Prozess, der zu den schmerzlichsten im Leben eines Menschen gehört. Und dass er dabei nicht stehen bleibt, sondern die Möglichkeit der Heilung andeutet. Als Ursula beginnt, wieder zu sich selbst zu finden, verbrennt sie ihre alten Kinderspielsachen, die die Mutter bis zuletzt aufbewahrt hatte. Zugleich duscht sie in voller Montur unter einem Gartenschlauch. Feuer und Wasser verschmelzen in einer Überblendung. Ein faszinierendes Bild.

Credits

OT: „Im Spiegel meiner Mutter“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Jutta Brückner
Drehbuch: Jutta Brückner
Musik: Maciej Siedzlecki
Kamera: Daniela Knapp
Besetzung: Corinna Harfouch, Carla Juri, Hildegard Schmahl, Nina Kunzendorf, Samuel Finzi, Sebastian Schwarz, Rosa Enskat

Bilder

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Im Spiegel meiner Mutter
fazit
„Im Spiegel meiner Mutter“ erzählt von einer Archäologin, die nach dem Tod ihrer Mutter nicht nur in der Erde, sondern in ihrer eigenen Vergangenheit graben muss. Regisseurin Jutta Brückner vollendet ihre Trilogie über Mütter-Tochter-Beziehungen mit einem vielschichtigen, bildstarken Drama.
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