Basierend auf einem wahren Vorbild erzählt 23 000 Leben (Netflix-Start: 17. Juli 2026) die Geschichte der Organisation Jugend Rettet. Bei dieser haben sich junge Menschen wie Kitty (Mala Emde) und Lukas (Louis Hofmann) zusammengetan, um mit einem gekauften Schiff Geflüchtete zu retten, die auf hoher See verunglückt sind. Denn sie sind es leid mitanzusehen, wie die Politik all diese Leute im Stich lässt. Erfahrungen haben sie keine, sie sind sich auch nicht immer einig, was das Richtige ist. Aber sie haben Erfolg, wo andere nichts tun, zahlreiche Verunglückte können sie retten. Ein Erfolg, der anderen ein Dorn im Auge ist, in den Augen der italienischen Justiz sind sie Kriminelle. Wir haben den Cast bei der Premiere beim Filmfest München 2026 getroffen. Im Interview sprechen Hofmann und Emde über die Arbeit an dem Drama, die Vorbildfunktion der Mitglieder und was sie aus dem Film gelernt haben.
Was hat euch beide an 23 000 Leben gereizt? Warum wolltet ihr diesen Film drehen?
Louis Hofmann: Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Geschichte spielt 2015, als Merkel sagte: „Wir schaffen das.“ Damals gab es eine große Welle der Solidarität und die Menschen hatten ein Gefühl der Verantwortung und dass man Menschlichkeit zeigen müsse. Über die Jahre hat sich das ein bisschen verlaufen, obwohl sich die Situation auf dem Mittelmeer nicht wirklich verändert hat. Wir hatten dieses Jahr wieder Höchstwerte an Menschen, die dort verunglücken und sterben. Als dieses Drehbuch kam, fand ich es schön, dass jetzt wieder darüber gesprochen wird. Es ist wichtig, wieder dorthin zu schauen. Das Drehbuch habe ich in einem Rutsch gelesen und es hat mich sehr berührt. Ich hatte das Gefühl, dass wir hier vielleicht etwas bewegen können.
Mala Emde: Als ich das Drehbuch bekommen habe, war ich erst erstaunt, dass Markus Goller und Oliver Ziegenbalg etwas zum Thema Seenotrettung machen, weil ich die beiden Namen eher mit Komödien verbinde. Bislang war das Thema auch eher bei Arthaus-Filmen zu finden. Ich fand das Drehbuch dann so spannend, dass ich es beim Lesen nicht mal weglegen konnte, um mir ein Glas Wasser zu holen. Ich sah darin auch eine Chance, ein in meinen Augen wichtiges Thema ins Bewusstsein des Publikums zu holen. Ich finde es enorm wichtig, die richtigen Geschichten zu erzählen und achte da bei meiner Rollenauswahl sehr drauf.
Wie präsent war dieses Thema für euch, als ihr das Drehbuch bekommen habt?
Mala Emde: Ich muss mir da selber an die Nase fassen. 2015 war das alles noch sehr präsent. Und ich begleite auch jemanden, der nach Deutschland gekommen ist, im Rahmen einer Patenschaft. Ansonsten muss ich aber gestehen, dass das Thema bei mir in den Hintergrund gerückt ist. Ich habe mich beim Drehbuchlesen schon richtig dabei ertappt gefühlt, wie wenig ich noch darüber nachgedacht habe. Und dabei sind – wie ich dann durch den Film erfahren habe – dieses Jahr schon jetzt mehr Menschen im Mittelmeer gestorben als in den Jahren zuvor. Deswegen fand ich es sehr gut, sich noch einmal mit Jugend Rettet und der Iuventa zu beschäftigen, nochmal die Vergangenheit anzuschauen, um sich der Gegenwart bewusst zu werden.
Glaubt ihr denn, dass Filme dabei helfen können, dass das Thema wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt?
Louis Hofmann: Wir haben einen Film gemacht, der mit vielen Misconceptions aufräumt und Sachen zeigt, die man so in Filmen noch nicht gesehen hat. Zum Beispiel, was die Küstenwache so macht, Thema Pushbacks. Wir haben uns bei dem Film sehr viel Mühe gegeben, die ganzen Details zu zeigen und damit vielleicht auch informativ zu überraschen. Gleichzeitig ist es eine Geschichte, die einen abholt. Und das vor einem internationalen Publikum. Die Geschichte berührt und kann einen vielleicht auch motivieren, wenn da eine Gruppe von Jugendlichen sich zusammentut, weil sie nicht länger bei der Ungerechtigkeit zusehen will. Dabei ist das auch ein Prozess. Der erste Gedanke von Lukas ist nicht, ein Schiff zu kaufen, sondern Essen vorbeizubringen. Aber je mehr er sich damit auseinandersetzt, umso mehr will er tun. Das ist wie eine Welle. Da kann der Film schon helfen, dass man bei sich selbst schaut und überlegt: Was will ich eigentlich machen?
Mala Emde: Jeder Mensch hat auch andere Fähigkeiten. Es gibt nicht die eine Heldengeschichte, wie man hilft. Niemand wird dazu geboren, seinen Job aufzugeben und Aktivist zu werden. Wir sehen auch im Film, wie sich diese Gruppe daran reibt, weil sie alle unterschiedliche Vorstellungen haben. Aber das muss dann ausgehalten werden. Das sind alles Menschen, die sagen: Ich fange jetzt einfach mal an und dann schauen wir weiter.
Die Reaktionen auf die Gruppe waren dabei sehr unterschiedlich. Für die einen sind sie Helden. Andere haben sie abgelehnt, zum Teil sogar kriminalisiert.
Louis Hofmann: Das stimmt. Wir haben im Film eine Szene, in der jemand im Radio anruft und der Gruppe vorwirft, dass sie die ganzen Geflüchteten nach Deutschland bringen. Aber ich habe das Gefühl, dass viele, die einen solchen Hass schüren, wenig Kontakt haben mit Menschen, die eine solche Fluchtgeschichte hinter sich haben. Der Film bietet eine solche Auseinandersetzung an und kann die Distanz verringern. Wenn man ein größeres Verständnis hat für die Lage der anderen und Empathie empfindet, dann ist da vielleicht nicht mehr der Platz für einen solchen Hass.
Für eure Figuren ist das alles komplettes Neuland, was sie da tun. Sie bringen sich dabei zum Teil auch selbst in Gefahr. Wo zieht man dabei die Grenze zwischen vorbildhaft und fahrlässig?
Mala Emde: Ich verstehe die Frage. Aber letztendlich ist es so, dass das eine Situation ist, die von der Politik geschaffen wurde. Das müsste alles so nicht sein. Natürlich bringen sich die Menschen in Gefahr, die für solche NGOs tätig sind. Aber das tun sie, weil Leute ertrinken und nichts dagegen gemacht wird. Das ist wie bei einem Hausbrand. Da wird dir auch gesagt, du sollst nicht reingehen, um jemanden herauszuholen, sondern die Feuerwehr rufen. Aber was, wenn es keine Feuerweht gibt? Was tust du dann?
Louis Hofmann: Genau. Es geht nicht darum, was die Aktivisten und Aktivistinnen da tun. Wo sind wir davor falsch abgebogen, dass wir überhaupt in eine solche Situation geraten konnten? Die Menschen werden aktiv, weil die Politik nichts macht.
Wobei eure Figuren durch ihre Aktionen die Gesamtsituation nicht ändern.
Mala Emde: Das nicht. Aber das müssen sie auch nicht. Ganz viele NGOs haben sich zum Ziel gesetzt, dass sie die Seenothilfe irgendwann beenden können, weil die Gründe für eine solche Flucht aufgelöst werden. Kein Mensch möchte aus seinem Land fliehen. Niemand möchte sein Zuhause verlassen. Darum müssen wir uns also kümmern.
Die Geschichten machen einen betroffen. Trotzdem erscheint uns das Schicksal dieser Geflüchteten oft weit weg. Daraus leitet sich dann auch die Frage ab: Ab wann fängt die Verantwortung Nichtbetroffener an? Wann wird aus den Geschichten anderer meine eigene?
Mala Emde: Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben. Das ist so universell, dass uns das grundsätzlich alle etwas angeht. Wir haben alle drei Pfeiler in unserem Leben, um die wir uns kümmern dürfen und müssen. Da ist zum einen unser Privatleben. Dann ist da die Arbeit. Aber da ist eben auch das Gemeinwohl, unser gesellschaftliches Zusammensein. Und das ist etwas, das uns oft nicht mehr wirklich nahegebracht wird. Dabei ist das Gemeinwohl ein wichtiger Teil unseres Menschseins! Das habe ich für mich auch aus dem Film für mich mitgenommen.
Louis Hofmann: Das war jetzt so großartig, dem habe ich nichts hinzuzufügen.
Dann lasst uns etwas über die Vorbereitung des Films sprechen. Ihr standet dabei im Austausch mit den realen Mitgliedern der Organisation. Wie sah das genau aus?
Louis Hofmann: Ich habe damit angefangen, dass ich mir auf YouTube ganz viele Videos angeschaut habe von Sea-Watch, SOS Humanity und Mission Lifeline. Das hat mir aber noch nicht gereicht. Also habe ich bei Sea Watch angefragt, ob ich bei einem ihrer Trainings mitmachen könnte. Die haben ein kleines Rettungsschiff bei Lampedusa, das dort im Hafen liegt, bis es gerufen wird. Wir haben dort dann mehr über die Theorie und die Historie erfahren, aber auch die Praxis. Wie lässt man ein Boot zu Wasser? Was heißt es, auf dem Wasser ausgesetzt zu sein? Das war für mich der erste intensive Berührungspunkt mit Menschen, die sich so einsetzen. Im Grunde habe ich aus diesen Begegnungen dann auch meine Figur geschaffen. Denn für uns war klar, dass wir kein Biopic machen wollten über die realen Aktivisten. Wir wollten eine Figur, die möglichst breit angelegt ist, damit sich das Publikum mit ihr identifizieren kann.
Wie sehr waren die Organisationen dann noch involviert, eben weil es kein Biopic ist?
Louis Hofmann: Sehr. Die waren beratend beim Drehbuch dabei. Beim Dreh waren sie auch dabei.
Mala Emde: Wir haben in der Mittagspause zusammengesessen und konnten sie über alles fragen, also auch, wie sie sich in bestimmten Situationen fühlen.
Louis Hofmann: Das war eines der größten Geschenke, die ich je beim Dreh hatte.
Also war das eine rein positive Erfahrung? Weil ihr da ja schon auch eine Art Verantwortung tragt, deren Geschichte gerecht zu werden.
Mala Emde: Auf jeden Fall. Das war ein Tanz, auf einer Seite dieser Verantwortung gerecht zu werden, auf der anderen Seite aber auch eine Geschichte zu erzählen, die für sich steht. Das ist auch etwas, was das Publikum erlebt. Da ist nicht nur etwas, das auf einer wahren Begebenheit beruht und interessant ist. Man fühlt auch etwas dabei. Das ist die Kraft von Filmen und Kino: Man hat nicht einfach nur einen Standpunkt, sondern darf sich auch bewegen.
Und wie waren die Erfahrungen für euch beim Dreh, nicht nur bei diesem Austausch, sondern auch den intensiven Szenen, die ihr spielt?
Louis Hofmann: Das hatte oft wenig mit der Figur zu tun. Das waren Momente, in denen der Kopf ausgeht und der Körper übernimmt. Das ist physisch anstrengend und emotional überfordernd. Logistisch überfordernd, wenn man hundert Menschen vor sich in einem Schlauchboot hat, eine bewusstlose Frau weitergereicht wird, Leute ins Wasser fallen, während sich das Boot bewegt. Man muss da auf so viel achten, dass du gar nicht mehr darüber nachdenken kannst, wie du etwas spielen möchtest. So ist es mir zumindest ergangen. Mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Aber die ersten Takes haben mich schon immens gestresst und überfordert und überwältigt. Ich bin dann auch irgendwann kurz in Tränen ausgebrochen, als es vorbei war und wir eine Szene geschafft haben. Und wenn du dir dann vorstellst, dass es bei einer echten Seenotrettung keinen solchen Endpunkt gibt, sondern es immer weitergeht, da kannst du dir nur annähernd vorstellen, wie sich das in echt anfühlt.
Das habe ich mich auch schon gefragt, wie das ist, so etwas zu spielen, wenn die Geschichte größer wird als man selbst.
Louis Hofmann: Ganz genau. Es ging nicht mehr um Lukas und das, was ich mir für ihn überlegt habe. Es ging nur noch um die Situation. Und das ist das Schönste am Spielen, wenn es nur noch darum geht, in dieser Situation zu sein, ganz ohne diesen Außenblick. Man wird in das alles hineingeschmissen und muss irgendwie mit dieser Situation klarkommen. Das ist ein wahnsinnig tolles und aufregendes Erlebnis. Du setzt dich in eine Achterbahn und wirst am Ende wieder ausgespuckt.
Was habt ihr allgemein für euch aus der Arbeit an diesem Film mitgenommen?
Louis Hofmann: Zum einen das Verständnis für die Arbeit in solchen Organisationen und die Menschen, die sich auf eine Flucht begeben. Aber es hat mir auch für mich selbst für mehr Klarheit gesorgt. Eine Ordnung. Was sind meine Werte? Was will ich eigentlich? Vielleicht schafft es der Film, diese Reflektion auch bei den Zuschauern und Zuschauerinnen hervorzurufen.
Mala Emde: Bei mir waren es vor allem zwei Punkte. Zum einen, dass ein Thema, das am Anfang so groß erscheint, doch machbar ist, wenn du klein mit einem ersten Schritt anfängst. Kein Thema ist zu groß, keine Frage ist zu dumm. Aber auch, wie stark es ist, was diese Menschen geleistet haben. Sie haben so vielen das Leben gerettet und mussten sich dabei Hass aussetzen. Und trotzdem haben sie weitergemacht. Für mich sind sie eindeutig Vorbilder.
Vielen Dank für das Interview!
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