Inhalt / Kritik

„Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ // Deutschland-Start: 5. August 2021 (Kino)

Eigentlich hatte Jakob Fabian (Tom Schilling) mal große Pläne mit seinem Germanistikstudium. Anstatt große Gesellschaftsromane zu schreiben, verdient er sein Geld jedoch als Werbetexter. Dabei gäbe es so viel in dieser Welt, worüber es sich zu schreiben lohnte. Wenn er beispielsweise nachts mit seinem besten Freund Stephan Labude (Albrecht Schuch) durch Berlin zieht, in Kneipen, Ateliers und Bordellen ein und ausgeht. Aber auch die politische Entwicklung beschäftigt die beiden, wenn sich im Deutschland der frühen 1930er Nationalsozialisten und Kommunisten unversöhnlich gegenüberstehen. Erst die Begegnung mit Cornelia Battenberg (Saskia Rosendahl) lässt Fabian wieder an eine bessere Welt glauben. Doch die nächsten Schicksalsschläge warten bereits …

Eine Gesellschaft im Umbruch

Heute dürften viele den Namen Erich Kästner in erster Linie mit seinen Kinderbüchern und den damit verbundenen Verfilmung in Verbindung bringen. Das fliegende Klassenzimmer etwa oder auch Das doppelte Lottchen. Dabei war der deutsche Schriftsteller auch ein ebenso aufmerksamer wie kritischer Beobachter der gesellschaftlichen Entwicklung, weshalb er früh zur Zielscheibe der Nationalsozialisten wurde. Immer wieder wurde er verhört und aus wichtigen Verbänden ausgeschlossen. 1933 wurden seine Bücher zusammen mit vielen anderen, die nicht mehr als deutsch genug galten, verbrannt. Doch Kästner ließ sich nicht mundtot machen und vertreiben. Er schrieb weiter, unter einem Pseudonym, blieb ein überzeugter Pazifist und Warner.

In seinem 1931 veröffentlichten Roman Fabian – Die Geschichte eines Moralisten sind die Schreckensjahre des Dritten Reiches noch eine unkonkrete Zukunft. Doch die Schatten sind bereits sichtbar, ebenso das Ende der Weimarer Republik, einer Zeit des Umbruchs, die viele interessante Strömungen hervorbrachte, gleichzeitig aber an sich selbst zerbrach. Diese Stimmung fängt auch Fabian oder Der Gang vor die Hunde ein, eine eher freie Verfilmung des Stoffes. Auch sie spielt im Jahr 1931, weshalb es immer wieder Verweise auf die damalige gesellschaftliche Situation gibt. Und doch ist das Werk kaum mit dem zu vergleichen, was man von einem Historiendrama erwarten würde. Die Geschichte ist fest in ihrem Setting verankert und doch auf eigenwillige Weise losgelöst. Ein Zeitporträt, das keines ist.

Sinnsuche zwischen Sehnsucht und Zynismus

Zum Teil ist das natürlich auch schon in dem Roman angelegt, welcher mit schnellen Schnitten aufwartet, dafür aber nur wenig Plot hat. Gleichermaßen ist Fabian oder Der Gang vor die Hunde ein Stimmungsbild, ein Blick auf eine Gesellschaft zwischen Sehnsucht und Zynismus. Da wird ein Seitensprung schon einmal vertraglich festgezurrt, werden Affären mit mächtigen Männern eingegangen, weil das vernünftig ist. Die Menschen begeben sich in den Abgrund, zelebrieren ihn teilweise. Und doch ist da die Idee einer besseren oder anderen Welt. Fabian selbst, eine Art Alter Ego Kästners, beobachtet diese Widersprüche. Er kommentiert sie manchmal auch. Und doch kommt er nicht dagegen an, nimmt im Gegensatz zu Labude, der sich in jeden Kampf wirft, nur eine ironische Distanz ein.

Davon ist auch der Film geprägt, der viel von Voice overs begleitet wird. Diese helfen manchmal, den Weg durch die Unübersichtlichkeit zu finden, die durch das nahezu quadratische Bildformat noch verstärkt wird. Manchmal auch nicht. Fabian oder Der Gang vor die Hunde erzählt von einem Chaos, gesellschaftlich, politisch, persönlich, von Gefühlen, die sich nicht wirklich eingrenzen lassen. Das Drama, welches im Wettbewerb der Berlinale 2021 Premiere feierte, ist mal schmerzhaft nah dran an der Existenz und dann doch wieder poetisch entrückt. Sie eilen alle umher, auf der Suche nach etwas, das echt ist und Bestand hat, kommen aber doch nie am gewünschten Ort an. Sofern es überhaupt diesen Ort gibt, diesen Zustand der Sinnhaftigkeit und Ordnung.

Stark gespielter Rausch

Dominik Grafs Interpretation ist inszenatorisch verspielt, mal verträumt durch die Gegend schlendernd, dann wieder einem Rausch verfallend. Und sie ist hervorragend besetzt: Tom Schilling (Oh Boy, Werk ohne Autor) ist für die Figur des sinnsuchenden Träumers eine naheliegende Besetzung. Albrecht Schuch bringt erneut eine Rastlosigkeit mit sich wie in Berlin Alexanderplatz, nur nicht dämonisch ausgeprägt, sondern idealistisch-verzweifelt. Und dann ist da noch Saskia Rosendahl (Mein Ende. Dein Anfang.), deren Figur fester im Leben steht als die beiden Männer. Doch ihr Pragmatismus geht ebenfalls mit einer Sehnsucht einher, wenn sie gleichzeitig Juristin ist und doch lieber Schauspielerin wäre. So wie in diesem pessimistischen, irgendwie schönen und zugleich tieftraurigen alle gern irgendwie anders wären, eine andere Welt hätten, ohne genau sagen zu können, wohin die Reise denn gehen sollte. Stattdessen wird an einem Jetzt festgehalten, das von Anfang an brüchig ist. Und vielleicht nicht einmal ein Jetzt.

Credits

OT: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Constantin Lieb, Dominik Graf
Vorlage: Erich Kästner
Musik: Sven Rossenbach, Florian Van Volxem
Kamera: Hanno Lentz
Besetzung: Tom Schilling, Albrecht Schuch, Saskia Rosendahl, Meret Becker, Michael Wittenborn

Bilder

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Fabian oder Der Gang vor die Hunde
„Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ nimmt uns mit ins Jahr 1931 und zeigt eine Gesellschaft im Umbruch mit ungewissem Ausgang. Das ist mal schön, dann wieder sehr traurig, ein wilder Wechsel aus Traum und Rausch, bei dem die Figuren von Sehnsüchten getrieben sind und doch jedes Mal von der Realität eingeholt werden.
8von 10
Leserwertung: (1 Judge)
9.6

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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