Was haben wir gelacht
Hella von Sinnen in dem DOkumentarfilm "Was haben wir gelacht" (© BASIS BERLIN Filmproduktion / ZDF / Thomas Lütz)

Hella von Sinnen [Interview]

Mit Sendungen wie der Torten-Spielshow Alles Nichts Oder?! oder dem Comedy-Rateformat Genial daneben wurde Hella von Sinnen zu einer festen Größe im deutschen Fernsehen, ihre Schlagfertigkeit ist ebenso legendär wie die extravaganten Kostüme, die sie zuweilen trug. Doch wie war es für sie, in einer Branche tätig zu sein, in der überwiegend Männer das Sagen haben? Der Dokumentarfilm Was haben wir gelacht (Kinostart: 16. Juli 2026) gibt darauf eine Antwort. Gemeinsam mit den Komikerinnen und Schauspielerinnen Maren Kroymann, Esther Schweins und Gaby Köster sowie der Moderatorin Bettina Böttinger blickt sie zurück auf eigene Auftritte und gibt Einblicke in ein Showgeschäft, welches immer wieder durch frauenfeindliche und homophobe Witze auffiel. Wir haben uns kurz nach der Premiere auf dem Filmfest München 2026 mit der deutschen Komik-Ikone unterhalten. Im Interview spricht sie über tägliche Kämpfe, Grenzen des Humors und reaktionäre Kräfte.

In Was haben wir gelacht blicken Sie mit Kolleginnen auf Ihre Vergangenheit und den Humor der 1990er zurück. Wie sind Sie Teil des Projekts geworden?

Man kam auf mich zu und sagte mir, dass es da Damen gibt, die einen Dokufilm über Frauen und Humor machen, der im ZDF zur Primetime laufen sollte. Als ich im Interview saß, war mir gar nicht klar, dass er auch auf der großen Leinwand gezeigt würde. Ich war ja schon begeistert, dass das Zentrum der Finsternis um 20.15 Uhr einen Film über Frauen und Humor senden wollte, und habe deshalb zugesagt. Während des Interviews war ich zunehmend irritiert, als man mich auch Sachen über meine Kindheit gefragt hat. Denn eigentlich sollte es nur um Frauen und Humor gehen. Ich wollte über Hanne Wieder und Ursula Herking sprechen, über Lore Lorentz und Heidi Kabel. Über all diese wunderbaren Frauen, mit denen ich großgeworden bin und die von dem Patriarchat ignoriert wurden. Wenn es um Harald Juhnke ging, ging es nie um Grit Boettcher. Wenn es um Dieter Hallervorden ging, ging es nie um Rotraud Schindler. Und darüber wollte ich sprechen, um meine Empörung zum Ausdruck zu bringen, und in der Hoffnung, dass das ZDF viele schöne Ausschnitte bringt. Es wurde dann etwas anderes. Aber ich freue mich, dabei zu sein, mit meinen wunderbaren Kolleginnen Maren, Esther, Gaby und Bettina, und darüber zu sprechen, wie ich all die Jahre tapfer meine Frau gestanden habe.

Wie war es denn für Sie, auf diese Vergangenheit zurückblicken? Wir sehen in dem Film Glanzpunkte wie Alles Nichts Oder?!, hören aber auch von Erfahrungen, die weniger glanzvoll waren. Die Männer sind mit Ihnen ja nicht unbedingt gut umgegangen.

Bei mir ging es eigentlich. Die Männer sind mit mir gut umgegangen. Im Film ist eine Szene, bei der jemand behauptet, ich sei im Karneval gescheitert, wo ich renitent widerspreche, weil das nicht der Wahrheit entspricht. Ansonsten hat man die Ausschnitte, wo ich bei Stefan Raab und Harald Schmidt in der Sendung war. Ich hatte nie Probleme mit den Jungs, weil ich mit ihnen auf Augenhöhe war. Es gibt diese legendäre Folge von Wetten dass…?, wo ich mich mit dem kleinen Schwarzen auf die Couch setze und den Jungs direkt die Butter vom Brot nehme. Ich hatte damals gewettet, dass, wenn die Kandidatin ihre Wette vergeigt, ich die nächste Sendung von Wetten dass…? moderiere. Worauf Gottschalk spontan sagte, er kommt dann in die nächste Sendung von Weiber von Sinnen und macht sich nackig. Das waren Triumphe der deutschen Fernsehunterhaltung, wo wir auch unglaubliche Quoten eingefahren haben! Wenn ich im Einzelnen sehe, was da passiert ist, zum Beispiel der Bettina, dann ist das natürlich scheußlich. Aber wenn du dann die Maren mit ihren großartigen Sketchen siehst, dann kann ich mich nur freuen. Dass das in der damaligen Zeit nicht unanstrengend war, steht auf einem anderen Blatt. Was ich bemerkenswert finde: Viele, die sich Was haben wir gelacht anschauen, schämen sich fremd oder ziehen den Hut vor uns. Wenn du aber selbst mitten in dieser Situation warst – und für mich als lesbische Feministin war jeder Tag ein Kampf –, dann hast du gar nicht so den Blick darauf. Du willst es einfach nur besser machen und Widerworte geben, wenn wieder einmal irgendwo sexistische Idiotien passieren.

Ständig kämpfen zu müssen, verlangt einer aber einiges ab. Weshalb sind Sie dran geblieben?

Ich hatte keine andere Wahl. Dass ich lesbisch bin, habe ich mir ja nicht ausgesucht. Das ist nichts, was du entscheiden kannst. Und auch, dass ich Feministin bin, ist ein so starker Teil von mir. Ich war von Anfang an in der Frauenbewegung engagiert. Deswegen gab es für mich keine Alternative, als diesen Kampf zu führen. Ich bin ein temperamentvolles, aufgewecktes Mädchen. Ich bin auch schlagfertig und sehr direkt, was mir dann geholfen hat. Wobei ich vielleicht auch auf meine Weise geschützt war. Solche #metoo-Momente, dass eine Drehbuchbesprechung auf dem Hotelzimmer stattfindet, die hat Esther selbst erfahren. Bei mir kamen die Jungs gar nicht auf die Idee, mir irgendwie an die Wäsche gehen zu wollen.

In dem Film kommen Harald Schmidt und Thomas Gottschalk nicht gut weg. Haben die beiden den frauenfeindlichen Humor der damaligen Zeit aktiv geprägt oder waren sie eher Symptome davon?

Ich weiß gar nicht, ob Harald Schmidt wirklich so einen frauenfeindlichen Humor hatte. Und der Thomas Gottschalk sicherlich auch nicht. Er hatte diese läppische Kavaliersdelikt-Attitüde, die er selbst sicherlich charmant fand. Aber er war mit dieser unglaublich starken Frau zusammen, Thea Gottschalk. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass er tatsächlich frauenfeindlich war. Er hat sich in so einer dreieinhalbstündigen Sendung gehen lassen und hielt das für lustig, wenn er Steffi Graf die Knie betätschelte. Harald Schmidt hatte sogar zwei Frauen. Er muss die Frauen also eigentlich lieben. Die beiden saßen in den Redaktionen, in denen lauter Männer waren. Und je nachdem, was die gerade für Drogen genommen haben, fanden die das lustig. In der Show wurde natürlich eifrig geklatscht, weil das Publikum darauf geeicht ist zu klatschen, wenn eine Pointe von dem großen Entertainer kommt. Manche werden dabei vielleicht aber gedacht haben: Was ist das denn für eine Geschmacklosigkeit? Vielleicht hat Schmidt selbst danach gedacht, dass das zu weit ging. Harald Schmidt war immer auf Provokation und Krawall gebürstet. Das war aber auch immer Attitüde. Ich persönlich würde dem Harald Schmidt keine abgrundtiefe Frauenfeindlichkeit attestieren wollen. Dafür habe ich mich zu gut mit ihm verstanden. Umso erstaunlicher finde ich, dass die Menschen heute die AfD wählen und sich zurücksehnen nach dieser 50er-Jahre-Altherrenidylle. Da gibt es einen richtigen Backlash und die Leute echauffieren sich über Gendersternchen, weil sie offensichtlich den Schuss nicht gehört haben.

Denken Sie, dass mit diesem Backlash auch der Humor von früher zurückkehren wird?

Sehr gute Frage. Das bleibt abzuwarten. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass es viele gute Komiker gibt, die Nazis sind. Außerdem denke ich, dass all die Comedians und Comediennes, Kabarettisten und Kabarettistinnen in den Theatern ein Publikum generieren, bei denen solche Jungs nicht gut ankämen.

Ganz losgelöst von frauenfeindlichen Witzen: Gibt es einen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Humor?

Meine Theorie ist, dass Männer sich eher über andere lustig machen und dabei gern über Frauen, damit die anderen Herren sich auf die Schenkel klopfen können. Frauen, die auf die Bühne gehen, reden von vornherein mehr über sich selbst. Und sie lachen auch mehr über sich selbst. Das ist glaube ich der grundlegendste Unterschied.

Sie haben vorhin von Provokation gesprochen. Manche Witze sollen bewusst Grenzen überschreiten. Gibt es für Sie Grenzen des Humors, die Sie nicht überschreiten würden?

Das lässt sich so allgemein schwer beantworten. Jeder hat seine eigene Schmerzgrenze und Geschmacksgrenze. Auch die berühmte Gürtellinie sitzt ganz unterschiedlich. Persönlich fand ich immer Frauenarztwitze oder Hurenwitze grenzwertig und in der Regel geschmacklos. Oder die rassistischen Witze. Die waren mir zu läppisch. Da hatte ich mehr Spaß mit Marlene Jaschke, wenn sie über ihren Wellensittich Waltraut spricht. Mein Humor kam immer aus dem Alltag und beschäftigte sich mit Dingen, die ich selbst erlebt habe. Das ist komisch genug. Da muss ich nicht auf Geschmacklosigkeiten gehen, auf Sexismus gehen, auf Unverschämtheiten. Ich weiß aber nicht, ob es grundsätzlich Themen gibt, über die man keine Witze machen darf. Ich kenne beispielsweise genug Gehandicapte, die einen brüllguten Humor haben und die selber ihre Scherze darüber machen wollen. Da werde nicht sagen, dass es keine Witze dazu geben darf.

Vom Inhalt abgesehen, was würden Sie Comediennes, die heute anfangen, mit auf den Weg geben?

Zunächst einmal ermuntere ich jede*n, der*die den Mut hat, auf die Bühne zu gehen, sich nicht von den ersten Misserfolgen entmutigen zu lassen und den eigenen Weg zu suchen. Außerdem würde ich vielleicht noch dazu raten, mit einem Coach zu arbeiten, um das eigene Pacing zu trainieren. Dir bringt die beste Pointe nichts, wenn du sie falsch erzählt. Du musst ihr Raum geben, damit sie sich entfalten kann. Ganz schlimm finde ich es, wenn Leute etwas hinterherschieben wollen, etwa um sie zu erklären. Das ist furchtbar.

Kommen wir nach dem Negativbeispiel zu Positivbeispielen: Wen finden Sie von heutigen Comedians und Comediennes gut?

Da gibt es so viele. Oliver Polak zum Beispiel. Oder auch Özcan Coşar. Ich finde auch Maxi Gstettenbauer sehr witzig oder Ingmar Stadelmann. Auch Tahnee und Carolin Kebekus machen einen Superjob.

Wir leben in Zeiten, in denen vieles nicht zum Lachen ist. Wie bewahrt man sich da trotzdem seinen Humor?

Humor kann ein Ventil sein für die eigene Ohnmacht und Fassungslosigkeit. Humor kann auch ein ganz guter Mitteilungsweg zu sein, um über aktuelle Skandale und Ungerechtigkeit zu sprechen. Lachen ist wie Heulen ein zutiefst menschliches Bedürfnis, um sich zu entladen und auch wieder klarzuwerden. Du kannst nicht immer nur etwas in dich reinfressen und dich ärgern und dich ängstigen. Da gehst du vor die Hunde. Aber ich wage nicht zu prophezeien, wie man diesen Humor bewahren kann.

Letzte Frage: Was sind Ihre aktuellen Projekte? Woran arbeiten Sie?

Ich habe jetzt einen eigenen Vodcast „Gestatten, von Sinnen“. Dort kommt alle 14 Tage eine neue Folge. Bislang hatten wir Mike Krüger Teil 1 und Teil 2. Das war ein sehr schönes Gespräch, bei dem wir irgendwann auch zu der Debatte um das Gendersternchen kamen. Teil 3 war Claudia Roth. Das macht mir viel Freude und ist erstaunlich erfolgreich gestartet.

Vielen Dank für das Gespräch!



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