Tom Wlaschiha IGSF Aufmacher
Photo by Lorenzo Palizzolo/Getty Images for Italian Global Series Festival

Tom Wlaschiha [Interview 2026]

Vor allem durch seine Rollen als Jaqen H’ghar in Game of Thrones und Dmitri Antonov in Stranger Things dürfte Tom Wlaschiha vielen Leserinnen und Lesern ein Begriff sein. Im Rahmen der zweiten Ausgabe des Italian Global Series Festival fungiert er als Juror in der Kategorie Limited Series. Wir treffen Tom in Rimini und sprechen über die Arbeit in einer Festivaljury, die zunehmende Erwartung politischer Positionierung prominenter Persönlichkeiten sowie seine zukünftigen Projekte.

Viele kennen dich vermutlich noch aus Game of Thrones als Jaqen H’ghar. Aktuell läuft ja die dritte Staffel von House of the Dragon. Verfolgst du die Spin-offs noch, weil du selbst Teil dieses Universums bist?

Ehrlich gesagt hat Game of Thrones so lange einen großen Teil meines Lebens eingenommen, dass ich gerade eine kleine Mittelalter- beziehungsweise Fantasy-Pause mache. Ich habe die neuen Serien bisher also nicht weiterverfolgt. Aber man muss ja auch nicht immer alles genau sofort schauen, wenn es erscheint.

Du bist hier Mitglied der Festivaljury. Wenn ich richtig recherchiert habe, ist das bereits dein dritter Einsatz als Juror bei einem Filmfestival. Wie wird man eigentlich Jury-Mitglied? Wurdest du dafür angefragt und war das etwas, das du nach deiner ersten Erfahrung unbedingt wieder machen wolltest?

Es gibt sicher verschiedene Wege. Bei mir kam das über meine Verbindung zur Region Emilia-Romagna. Ich habe hier den italienischen Netflix-Film Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel gedreht und später auch einige Projekte für das Tourismusbüro der Region umgesetzt. Dadurch bin ich angesprochen worden.

Grundsätzlich versuchen Festivals ihre Jurys möglichst vielfältig zusammenzustellen und Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Filmbranche einzuladen. Schauspieler, Produzenten oder andere Filmschaffende. Man sagt natürlich schnell zu, wenn man gefragt wird, ohne zunächst daran zu denken, wie viel Arbeit tatsächlich dahintersteckt. Man muss schließlich im Vorfeld eine ganze Menge anschauen. Aber es macht auf jeden Fall Spaß.

Schaut ihr alle Serien schon vor dem Festival oder passiert das erst während der Veranstaltung?

Wir bekommen die Serien bereits vorher als Screener zugeschickt. Ich hätte sie theoretisch auch hier während des Festivals sehen können, aber das wäre zeitlich kaum möglich gewesen. Ich bin erst gestern Abend angekommen, weil ich momentan noch in Deutschland drehe.

Bis wann musstet ihr eure Entscheidung treffen?

Eigentlich bis gestern. Da fand bereits das entscheidende Jury-Meeting statt, teilweise auch remote. Dort haben wir gemeinsam festgelegt, wer die Preise in unserer Sektion erhält.

Du bist Teil der Limited-Series Jury unter dem Vorsitz von Nicholas Meyer. Wie läuft so eine Entscheidungsfindung ab? Hat der Jurypräsident im Zweifel das letzte Wort?

Es darf keinen Gleichstand geben. Falls es tatsächlich dazu kommen sollte, hat der Jurypräsident die entscheidende Stimme. Ansonsten war die Atmosphäre aber überhaupt nicht hierarchisch. Nicholas hat das Treffen moderiert und jeder konnte seine Favoriten vorstellen und erklären, warum er sie ausgewählt hat. Interessanterweise waren wir uns, obwohl wir uns vorher nicht abgesprochen hatten, erstaunlich oft einig.

Du hast inzwischen einige Erfahrungen als Juror gesammelt und natürlich jahrzehntelange Erfahrung als Schauspieler. Hat man trotzdem manchmal Zweifel, ob man andere künstlerische Leistungen überhaupt bewerten sollte?

Das ist grundsätzlich schwierig. Bei jedem Kunstpreis ist es schwer, eine objektive Entscheidung zu treffen. Es ist letztlich ein bisschen so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Wenn man schauspielerische Leistungen wirklich direkt vergleichen wollte, müsste man fünf Schauspieler dieselbe Rolle spielen lassen. Unterschiedliche Figuren miteinander zu vergleichen, ist dagegen sehr schwierig.

Deshalb spielen für mich auch andere Kriterien eine Rolle. Wie originell ist eine Idee? Hat man so etwas vielleicht noch nicht gesehen? Nur die reine schauspielerische Leistung miteinander zu vergleichen, finde ich sehr schwierig.

Hast du dabei ein festes Bewertungssystem oder gehst du eher nach deinem Bauchgefühl?

Wir haben vier Kategorien bewertet: Beste Schauspielerin, bester Schauspieler, beste Serie und beste Regie. Ich gehe da eigentlich ganz naiv heran. Ich schaue die Serien wie jeder andere Zuschauer auch und frage mich: Spricht mich das an? Interessiert mich das? Macht es mir Spaß? Möchte ich weiterschauen?

Von jeder Serie haben wir zwei Episoden bekommen. Bei manchen dachte ich hinterher tatsächlich, dass ich jetzt gerne sofort die dritte Folge gesehen hätte. 

Also habt ihr bewusst nicht die kompletten Serien gesehen?

Nein, das wäre zeitlich gar nicht machbar. Dafür bräuchte man mehrere Wochen.

Natürlich macht das die Entscheidung nicht einfacher. Manche Serien sind echte Slowburner und entwickeln sich erst in Folge vier oder fünf richtig. Andere steigen sofort sehr stark ein. Wir bekommen zwar eine kurze Inhaltsbeschreibung der gesamten Serie, aber natürlich wird das Ende nicht verraten.

Gibt es während des Festivals Gespräche mit Cast oder Regie, die eure Sicht auf die Serien beeinflussen könnten?

Nein. Genau das soll vermieden werden. Es gibt keine Beeinflussung.

Filme und Serien greifen heute immer häufiger aktuelle politische Konflikte auf. Gleichzeitig wird von Festivaljurys oder Filmschaffenden oft erwartet, sich öffentlich zu politischen Themen zu äußern, wie zuletzt beispielsweise in Berlin oder Venedig. Findest du diese Erwartungshaltung gerechtfertigt?

Ich weiß nicht, ob diese Erwartungshaltung fair ist. Ich spreche jetzt vor allem für Regisseure, weil sie mit ihren Filmen tatsächlich Aussagen treffen. Schauspieler können sich natürlich ebenfalls äußern, aber sie treffen mit ihrer Rolle nicht automatisch eine politische Aussage.

Ich finde grundsätzlich, dass man das trennen sollte. Natürlich kann sich jeder Künstler äußern, wenn er das möchte. Ich persönlich sehe das aber so: Ich bin Schauspieler und habe genauso wie jeder andere einfach eine Meinung. Diese Meinung erhebt keinen Anspruch darauf, richtiger oder wichtiger zu sein als die anderer Menschen. Warum sollte meine Meinung automatisch mehr Gewicht haben? Ich positioniere mich zu Themen, bei denen ich das möchte. Aber ich finde nicht, dass Künstler grundsätzlich verpflichtet sein sollten, sich zu politischen Fragen zu äußern.

Gerade vor dem Hintergrund der Diskussionen um Aussagen von Wim Wenders auf der Berlinale?

Ja, das war sicher unglücklich. Aber Künstler sind eben auch nur Menschen. Sie dürfen sich irren, sie dürfen Fehler machen und sie dürfen sich auch entscheiden, zu bestimmten Themen gar nichts zu sagen.

Ich werde heute Abend unter anderem The Tribute und Raza Brava sehen. Kannst du schon verraten, ob ich mich auf gute Serien freuen darf?

Wir haben insgesamt sieben Serien gesehen und das Niveau war durchgehend sehr hoch. Manche fand ich im Gesamtkonzept und in ihrer Originalität stärker als andere. Ich könnte dir jetzt natürlich mehr verraten, aber das mache ich lieber nicht.

Wenn eine Serie aus dem eigenen Land zur Debatte steht: Enthält man sich dann bei der Abstimmung?

Darüber hatte ich vorher tatsächlich auch nachgedacht. In unserem Fall war das aber gar nicht notwendig. Wir waren fünf Jurymitglieder und es gab keine Situation, in der meine Stimme aufgrund meiner Nationalität eine besondere Rolle gespielt hätte.

Du hast Filmfestivals inzwischen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erlebt – mit eigenem Film, als Gast und jetzt als Juror. Welche Rolle macht dir persönlich am meisten Spaß?

Wenn man selbst einen Film präsentiert, ist das immer mit viel Stress verbunden. Man hetzt von Termin zu Termin, macht Fototermine, Presse und Screenings. Das macht natürlich Spaß, aber ehrlich gesagt genieße ich Festivals am meisten ganz inkognito. Wenn ich keine Verpflichtungen habe, mir einfach einen Film aussuchen und mich in einen dunklen Kinosaal setzen kann.

Zum Abschluss: Woran arbeitest du gerade und wo werden wir dich als Nächstes sehen?

Ich drehe aktuell einen Kinderfilm, eine norwegisch-deutsche Koproduktion mit dem Titel Uncle Egg. Gedreht wird sowohl in Norwegen als auch in Thüringen. Die Hauptrolle spielt Kristofer Hivju, den ich natürlich noch aus Game of Thrones kenne.

Damals hatten wir allerdings keine gemeinsamen Szenen. Wir kannten uns eher vom Catering oder von Premieren. Bei Game of Thrones gab es einfach so viele Figuren und Handlungsstränge, dass es eher die Ausnahme war, tatsächlich miteinander vor der Kamera zu stehen.



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