Lieber Thomas

Albrecht Schuch als Schriftsteller Thomas Brasch in „Lieber Thomas“ (© Wild Bunch Germany)

In Lieber Thomas (Kinostart: 11. November 2021) verkörpert Albrecht Schuch den Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch von seinen frühen Jahren in der DDR bis zu seiner Zeit im Westen, als er versuchte, sich in seiner neuen Heimat als Künstler zu etablieren. Dabei zeigt ihn das Drama als einen Menschen, der konsequent seinen eigenen Weg suchte, was ihn immer wieder in Schwierigkeiten brach. Wir trafen den Schauspieler bei der Premiere des Films beim Filmfest München 2021 und sprachen mit ihm über widersprüchliche Figuren, die Aufgaben der Kunst und Freiheit innerhalb des Kapitalismus.

In Lieber Thomas spielen Sie den Schriftsteller Thomas Brasch. Was hat Sie an dem Projekt gereizt?

Der erste Punkt war, dass Thomas Wendrich das Drehbuch geschrieben hat. Ich kannte ihn aus der Zusammenarbeit an Die Täter – Heute ist nicht alle Tage, einem Drama über die NSU. Thomas Wendrich war selbst Schauspieler. Und das merkt man an seinen Texten: Er versteht es, eine Geschichte spielend zu erzählen und ein Gefühl zu erzeugen, anstatt einfach nur irgendwelche Erklärbär-Sätze einzubauen, wie man sie in Filmen zu oft hat. Das gefällt mir sehr gut. Ich kann mich sehr gut mit den Worten verbinden, die er schreibt. Über Thomas Brasch wusste ich nicht sehr viel. Aber ich kannte seinen Text „Warum spielen“ aus meiner Zeit an der Schauspielschule in Leipzig. Darüber hinaus hatte ich mich aber nicht mit Brasch beschäftigt. Das kam erst später. Als ich seine Texte gelesen hatte, war mir klar, dass das für mich als Schauspieler das größte Geschenk ist, ihn spielen zu dürfen. Ich lasse mich oft von Charakteren verführen, die vielseitig und widersprüchlich sind. Und das trifft eben auch auf Brasch zu.

Wie bereitet man sich als Schauspieler auf eine so widersprüchliche Figur vor, die man selbst auch nicht gekannt hat?

Ich habe viele Weggefährten und Weggefährtinnen getroffen. Texte gelesen, die Schauspieler, Dramaturgen und Regisseure über ihn geschrieben haben. Dann habe ich natürlich auch sehr viele seiner eigenen Texte gelesen und seine Filme gesehen. Ich bin in der Universität der Künste gewesen und habe mich in Unveröffentlichtes reingearbeitet. Das waren zum Teil nur kühlschrankmäßige Skizzen, die aber auf literarische Weise ein Hammer waren. Das habe ich alles in mir aufgenommen, musste irgendwann aber dazu übergehen, alles fliegen  zu lassen. Es gibt ohnehin nicht den einen Thomas Brasch, den wir wiedergeben können. Wir haben gar nicht den Anspruch zu sagen: So war der. Das wäre vermessen. Die ganzen Menschen, die ich getroffen habe, jeder von ihnen hatte seinen eigenen Blick auf ihn. Da gab es also von vornherein unterschiedliche Perspektiven. Und am Ende kommt noch mein eigener Filter hinzu.

Sie haben gemeint, dass Sie sich ihm auch über seine Texte annäherten. Ist es möglich, von einem Kunstwerk, egal welche Form das hat, auf den Menschen dahinter zu schließen?

Oft ist das nicht möglich. Oft versuchen Künstler auch nach außen ein Bild von sich zu erschaffen, das mit ihrer Persönlichkeit wenig zu tun hat. Sie sind dann mehr Unterhalter eines Selbstbildes, das sie versuchen aufrecht zu erhalten. Auf Thomas Brasch trifft das so aber nicht zu. Er hat immer alles sehr offen verhandelt und vermittelt. Er hat sich kaum versteckt bei dem, was er tat. Selbst in unserer kreativen Branche werden die Leute oft so stark kategorisiert, dass sie gar nicht die Möglichkeit haben, sich auch mal von einer anderen Seite zu zeigen. Da muss alles immer gleich sein. Damit werden aber nicht nur die Künstler und Künstlerinnen unterschätzt. Man unterschätzt auch das Publikum, das bloß nicht gefordert werden soll. Ich habe viele kennengelernt in meiner Branche, die sehr unglücklich sind, weil ihnen diese Verwandlungskunst nicht zugetraut oder zugestanden wird, obwohl das Teil unseres Berufes ist.

Weswegen sind Sie eigentlich zur Schauspielerei gekommen? Was wollten Sie verwirklichen?

Ich glaube, ich wollte mich erst einmal selbst verwirklichen. Die Schauspielerei war für mich ein Ventil, in dem ich mich absolut wohlgefühlt habe. Ich fühle mich total gut dabei, mich in andere Rollen hineinzuschmeißen und einen Live-Tagtraum ausleben zu können. In etwas hineinzuschlüpfen, andere Worte zu nutzen und etwas anderes im Moment zu sein, das hat auch immer etwas mit Träumen im Moment zu tun. Nicht Träumen im Sinne von Schlafen, sondern eine andere Realität im hier und jetzt herzustellen. Das fand ich immer faszinierend. Plötzlich wird aus geschenkter Energie gewonnene Energie. Außerdem muss ich einfach sagen: Es macht mir höllisch Spaß. Aber man muss behutsam mit diesem Glück umgehen. Alles, was zu viel und zu selbstbezogen stattfindet, ist nicht gesund. Und natürlich ist dieser Beruf auch sehr kräftezehrend und fordert einen hohen Tribut von dir.

Thomas Brasch ging irgendwann in den Westen, um dort seine Kunst ausüben zu können, stellt dabei aber fest, dass auch der Kapitalismus seine Regeln hat. Kann Kunst innerhalb des Kapitalismus überhaupt richtig frei sein? Sie ist dann oft doch mit finanziellen und wirtschaftlichen Zwängen verbunden.

Das ist eine der Grundfragen, die wir im Film stellen. Brasch selbst hat diesen Widerspruch in seiner Rede beim Bayerischen Filmpreis thematisiert. Es gibt da diese Kapitalabhängigkeit im System, an der man sich reibt und die dazu führen kann, dass man sich selbst nicht wiederfindet mit seiner Stimme. Ich glaube aber dennoch, dass die Kunst frei sein kann. Die Demokratie hat uns diese Möglichkeit der freien Kunst gegeben. Und die gilt es zu verteidigen. Auch wenn eine Kunst innerhalb eines System entsteht und von diesem finanziert wird, muss sie in der Lage sein, dieses System zu hinterfragen. Kunst muss Machtpersönlichkeiten an den Pranger stellen dürfen, mit eben den Mitteln, die jeder Künstler für sich zur Verfügung hat. In dem Moment, in dem sie das nicht mehr darf, wird es schwierig. Deswegen hat Thomas Brasch irgendwann auch die DDR verlassen. Er wollte eigentlich gar nicht weg. Aber in dem Moment, in dem er sein Buch nicht herausbringen konnte und seine Fragen nicht stellen durfte, war ihm klar, dass er als Künstler keine Zukunft mehr in diesem System hatte. Er wollte seinen Missmut äußern dürfen. Ob das gewählte künstlerische Mittel dann adäquat ist oder nicht, das ist eine andere Frage. Man muss auf keinen Fall jede Kunst gut und schön finden oder sich damit verbinden können.

Wie sieht es bei Ihnen selbst aus? Mussten Sie als Schauspieler Kompromisse eingehen?

Immer! Aber ich lebe auch von diesen Beschränkungen. Dir wird als Schauspieler vorgegeben, dass du nur von da bis da laufen darfst. Oder dass eine Szene vor dem Fernseher spielt, in dem ein Urlaubsvideo läuft, und nicht wie in meiner Vorstellung auf dem Balkon mit Blick aufs Meer. Dir werden die Worte vorgegeben, obwohl du selbst ganz andere nehmen würdest. Damit musst du umgehen können. Wobei diese Beschränkungen nicht zwangsläufig negativ sind. Sie können dir auch Räume eröffnen. Das finde ich so spannend an der Teamarbeit und ich bin auch ein großer Verfechter davon. Nur so kann zum Beispiel ein Film groß und genial werden, wenn jeder den Raum bekommt und Vorschläge macht und seinen Blick auf die Geschichte mitbringt. Der Regisseur, der Kameramann, die Schauspieler, sie alle haben eigene Vorstellungen. Und dann schaut man, wie das zusammenkommt und was in der einen Situation am sinnvollsten ist.

In diesem Zusammenhang spielt ja auch Kreativität eine große Rolle. Relativ früh im Film gibt es dieses wunderbare Zitat: „Übertreibung ist der Treibstoff der Fantasie.“ Würden Sie dem zustimmen?

Natürlich. Der kleinste gemeinsame Nenner ist doch: Ich befinde mich in einer Runde von Freunden und irgendeine Geschichte, etwa von einem Badeausflug, wird ausgeschmückt mit schönen Details. Erst dadurch wird eine Geschichte daraus und ist nicht nur eine Tatsachenbeschreibung. Das macht dann auch Spaß. Wir wissen in dem Moment meistens schon, dass das alles nicht so ganz stimmt. Aber solange das gut und schön und witzig beschrieben ist, lassen wir uns gerne darauf ein. Hinzu kommt: Übertreibung verdeutlicht auch und macht manches sichtbarer.

Bedeutet das dann aber nicht, dass Fantasie immer auf etwas Bekanntem basiert? Kann es auch eine Fantasie geben, die etwas völlig Neues erschafft?

Man kann sicher auch etwas Neues erschaffen. Ich kann mir in meiner Fantasie Orte, Menschen und Gefühle vorstellen, die nicht meine eigenen sind. Aber ich denke schon, dass man sich unbewusst immer auf etwas bezieht, das man kennt. Die Fantasie kann noch so groß und wild sein, die Quelle bleibe immer noch ich. Und dieses ich hat verschiedenes erlebt, was es geprägt hat. Deswegen ist es immer auch ein Selbstbezug, der da stattfindet.

Lieber Thomas ist primär ein Porträt des Künstlers Thomas Brasch. Gleichzeitig behandelt der Film aber auch die DDR und was es bedeutete, dort zu leben. Zuletzt erschienen wieder verstärkt Filme, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, entweder indem sie zur Zeit der DDR spielen oder die Folgen thematisieren. Warum ist es so wichtig, sich dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung so sehr damit zu beschäftigen?

Diese Geschichten sind nie rein historisch, sondern haben immer auch einen heutigen Aspekt. Das damals ist ja nicht wirklich vorbei. Wenn dieses Damalige dazu beiträgt, ein jetziges Jetzt oder baldiges Jetzt besser zu verstehen oder sinnvolle Rückschlüsse zu ziehen, dann sehe ich da nichts Verwerfliches.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Albrecht Schuch wurde am 21. August 1985 in Jena geboren. Schon vor der Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig spielte er Theater. Aber auch im Fernsehen war er mehrfach zu sehen, anfangs in mehreren Gastrollen in Serien, später in diversen Filmen. Schuchs erster großer Kinoerfolg war die Romanadaption Die Vermessung der Welt (2012), in der er den Naturforscher Alexander von Humboldt verkörperte. Beim Deutschen Filmpreis 2020 wurde ihm die selten Ehre zuteil, sowohl als bester Hauptdarsteller wie auch als bester Nebendarsteller ausgezeichnet zu werden. In dem Überraschungshit Systemsprenger (2019) spielte er einen Therapeuten, der sich eines gewalttätigen Mädchens annimmt, in der gefeierten Literaturverfilmung Berlin Alexanderplatz (2020) mimte er einen labilen Verbrecher.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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