
Ein Jahr ist es her, dass Jessie (Carla Hüttermann) auf unglückliche Weise in den Tod gestürzt ist. Doch für ihre Mutter Ella (Birgit Minichmayr) und die jüngere Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling) ist seither die Zeit stehen geblieben. Regelmäßig gehen die beiden zum Friedhof, um der Toten zu gedenken, Melli hat ihren eigenen Weg gefunden, um ihre Schwester bei sich zu behalten. Jessies damaliger Freund Lux (Tristán López), der mit ihr auf dem Dach stand, als es passierte, versucht seinerseits, mit dem Leben weiterzukommen, was ihm mal besser, mal schlechter gelingt. Gemeinsam beschließen die drei nach Teneriffa zu fahren, ein Urlaub, den sie eigentlich mit Jessie hatten machen wollen. Doch auch dort spüren sie die Anwesenheit der Toten …
Die surreale Seite des Todes
Wie geht man damit um, einen geliebten Menschen verloren zu haben? Das ist eine Frage, mit der sich die meisten von uns irgendwann einmal auseinandersetzen müssen. Doch so universell diese Erfahrung ist, so wenig lässt sich darauf eine allgemeingültige Antwort finden. Das macht das Thema so dankbar für Filmschaffende, es kommen andauernd Titel heraus, in denen eine oder mehrere Hauptfiguren in eben einer solchen Situation stecken. See You When I See You etwa folgt einer Familie, die an dem Suizid der Tochter zu zerbrechen droht. Die Karte der Sehnsüchte handelt von einer jungen Frau, die durch Aufgaben ihrer toten Schwester ins Leben zurückfindet. So klingt das Leben spielt in einem galizischen Fischerdorf und zeigt, wie gemeinsames Musizieren ein gemeinsames Trauma überwinden kann. Insofern hat Everytime viel Konkurrenz, wenn es darum geht, wie auch hier um jemanden getrauert wird.
Doch der Blick lohnt sich, da die deutsch-österreichische Produktion einen ganz eigenen Weg gefunden hat, dieses Thema zu bearbeiten. Das verwundert nicht wirklich, handelt es sich doch um das neueste Werk von Sandra Wollner. Schon bei ihrem mysteriösen Nachkriegsdrama Das unmögliche Bild und The Trouble with Being Born um ein kleines Robotermädchen bewies die Regisseurin und Drehbuchautorin, dass sie bekannte Szenarien ganz anders zeigen und erzählen kann. Bei Everytime wird das früh deutlich, wenn sie den Schlüsselmoment um Jessies Tod zeigt. Ganz beiläufig geschieht das, zugleich so unvermittelt, dass der Film surreal wirkt. Letzteres wird sich später noch deutlich verschärfen. Ohne viel vorwegnehmen zu wollen, wird die Geschichte eine unerwartete Richtung einschlagen, als das Trio auf Teneriffa ankommt und dort eine seltsame Erfahrung macht.
Mehr Geist als Gefühl
Everytime ist dann auch eher ein geistig veranlagter Film, weniger ein emotionaler. Das bedeutet nicht, dass hier gar nichts gefühlt werden kann. So gibt es eine Szene, in der es dann doch einmal aus Ella herausbricht. Birgit Minichmayr (Die Blutgräfin) zeigt hier, dass sie sowohl die leisen wie auch die aufbrausenden Momente beherrscht. Im Vergleich zu den obigen Beiträgen, die doch sehr deutlich auf die Herzen abgezielt haben, ist das hier aber spröder und distanzierter. Wollner nutzt das Medium Film, um sich von dem Alltag fortzubewegen und mit teils sehr simplen Mitteln eine besondere Atmosphäre zu schaffen.
Und doch ist das Drama, das 2026 in der Sektion Un Certain Regard in Cannes Weltpremiere feierte, keine rein verkünstelte Kopfgeburt. Vielmehr gelingt es hier, eine Gefühlswelt, die kaum verbalisiert werden kann, in Bilder zu packen. Einen Menschen zu verlieren, der anschließend gleichzeitig da ist und abwesend ist, wird ebenso untergebracht wie die subjektive Wahrnehmung von Zeit. Momente werden gedehnt oder stark gekürzt, Vergangenheit und Gegenwart sind kaum voneinander zu trennen. Am Ende lässt einen Everytime sprachlos zurück und ist doch eine Einladung, über ganz viele Themen zu sprechen. Das wird sicherlich nicht allen gefallen. Aber es ist doch ein ganz besonderes Werk, das in Erinnerung bleibt und neugierig macht, was sich Wollner für das nächste Mal einfallen lassen wird.
OT: „Everytime“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2026
Regie: Sandra Wollner
Drehbuch: Sandra Wollner
Musik: Francesco Lo Giudice
Kamera: Gregory Oke
Besetzung: Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling, Tristán López, Carla Hüttermann, Naomi Elia Richard
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