Kritik

Berlin Alexanderplatz 2020

„Berlin Alexanderplatz“ // Deutschland-Start: 16. Juli 2020 (Kino)

Ein neues, schöneres Leben, das erhofft sich Francis (Welket Bungué), als er die weite Reise von Afrika nach Europa antritt. Doch schon auf dem Weg dorthin kommt es zur Katastrophe, als sein Schiff in einen Sturm gerät. Alle an Bord sterben, darunter seine eigene Freundin, Francis überlebt als einziger und schwört Gott, von nun an ein guter Mensch zu sein. Aber das ist nicht einfach, als illegaler Einwanderer ohne Papiere irrt er durch die Stadt, bis er auf den Drogendealer Reinhold (Albrecht Schuch) trifft, der ihn für seine Geschäfte einspannt. Erst als er die Prostituierte Mieze (Jella Haase) kennenlernt und sich in sie verliebt, scheint ihm das Glück wieder hold zu sein. Doch da steckt er schon viel zu tief in den kriminellen Geschäften drin, um so einfach aussteigen zu können …

Allzu oft dreht Burhan Qurbani ja leider keine Filme, genauer braucht er immer recht lange, bis ein neues Werk steht. Dafür weiß man im Vorfeld schon, dass es wieder etwas Außergewöhnliches wird, zudem mit hoher gesellschaftlicher Relevanz. Vor allem das Schicksal von Menschen mit Migrationshintergrund ist dem Sohn afghanischer Flüchtlinge eine echte Herzensangelegenheit. In seinem Debüt, dem Episodenfilm Shahada (2010), erzählte er von drei jungen Muslimen in Berlin. Das Schwarzweißdrama Wir sind jung. Wir sind stark. (2014) erinnerte an die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, als ein Wohnheim, in dem viele Vietnamesen lebten, in Brand gesteckt wurde. Und auch in seinem dritten Spielfilm widmet er sich Charakteren, die aus der Fremde kommen oder fremde Wurzeln haben, und einen Platz in Deutschland suchten.

Aus dem Urdeutschen wird ein Flüchtling
Dass sich Qurbani dafür einen der wichtigsten deutschen Romane des 20. Jahrhunderts genommen hat, Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz aus dem Jahr 1929, ist gleichermaßen verblüffend wie schlüssig. Er verlegt die damalige Handlung in die Gegenwart, aus dem urdeutschen Franz Biberkopf wird ein schwarzer Flüchtling aus Guinea-Bissau. Und auch sonst scheuten er und sein Co-Autor Martin Behnke (Dark) nicht davor zurück, das Buch umzuschreiben, anzupassen und neu zu interpretieren. Geblieben ist der verzweifelte Kampf des Individuums gegen die Großstadt, die Sehnsucht nach einem aufrechten, geregelten Leben in einer Welt, die dich nicht wahrnimmt, keine Chance, manchmal auch gezielt keinen Platz lässt.

Daraus hätte man ein nüchternes Dokudrama machen können, wie es sie zuletzt immer mal wieder gegeben hat, etwa bei Joy. Und tatsächlich hatte Qurbani ursprünglich auch vor, zumindest die Hauptfigur mit einem Laien zu besetzen. Am Ende kam es anders, Berlin Alexanderplatz ist auch nicht mit den Titeln zu vergleichen, sie sich sonst so in diesem Themenbereich herumtreiben. Anstatt auf Authentizität und Alltäglichkeit zu setzen, wird seine Interpretation der Vorlage zu einem schillernden Koloss, zu einem Monument des Ausdrucks, expressiv und monströs, ein Wechsel von knalligen Farben und inneren Abgründen, wie man ihn im deutschen Kino nun wirklich nicht oft zu sehen bekommt. Ein drei Stunden dauernder Film, der die einen mit großen Augen bewundernd in den Bann zieht, die anderen damit in die Flucht schlagen wird.

Aktuell und jenseits aller Zeiten
Es ist aber auch die Mischung aus Gegenwart und Vergangenheit, die das Drama, welches auf der Berlinale 2020 Weltpremiere hatte, zu einem der ungewöhnlichsten deutschen Filme des Jahres macht. Da treffen schnelle Schnitte auf elegische Szenen, eine altertümliche Sprache auf moderne Optik. Auch wenn Berlin Alexanderplatz im Hier und Jetzt spielt und aktuelle Themen aufgreift, der Kampf um Würde und Zugehörigkeit findet außerhalb der Zeit statt. Als Zuschauer fühlt man sich in dem Geschehen ebenso verloren und verirrt wie Francis, der durch die Stadt taumelt, durch das Leben taumelt, dem es nie vergönnt ist, auch mal irgendwo anzukommen.

Verstärkt wird der mal melancholische, mal explosive Wahnsinn durch ein fantastisches Ensemble. Welket Bungué als Fremdkörper, der einer Flipperkugel gleich durch die Gegend gefeuert wird und nicht versteht, wie ihm geschieht. Die oft unterschätzte Jella Haase, die als Erzählerin wie Hoffnungsschimmer erneut beweisen darf, dass sie mehr kann als vorlautes Dummchen. Doch die wahre Entdeckung ist ein entfesselt auftretender Albrecht Schuch (Systemsprenger, Atlas), der als gebückter Dämon Versuchung und Verdammnis ist und mit seiner überbordenden Unberechenbarkeit dem wild umherflirrenden Drama ein Gesicht gibt, anziehend und furchterregend zugleich. Bei Qurbani geht der surreale Albtraum mit einer Hoffnung einher, dass es ihn noch geben kann, den ersehnten Neuanfang. Dass all die umherirrenden Menschen, die keine Heimat mehr haben, eine solche finden können. Das kann man dann glauben oder nicht, so wie man hier allgemein nicht immer sagen kann, was nun real war. Aber es ist ein interessanter Schlusspunkt unter einen Film, der noch lange nachwirkt.

Credits

OT: „Berlin Alexanderplatz“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Burhan Qurbani, Martin Behnke
Vorlage: Alfred Döblin
Musik: Dascha Dauenhauer
Kamera: Yoshi Heimrath
Besetzung: Welket Bungué, Jella Haase, Albrecht Schuch, Joachim Król

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Berlinale 2020 Goldener Bär Nominierung
Teddy Award Nominierung
Deutscher Filmpreis 2020 Bester Film Silber
Beste Regie Burhan Qurbani Nominierung
Bestes Drehbuch Burhan Qurbani, Martin Behnke Nominierung
Bester Hauptdarsteller Welket Bungué Nominierung
Bester Nebendarsteller Albrecht Schuch Sieg
Beste Nebendarstellerin Jella Haase Nominierung
Beste Kamera Yoshi Heimrath Sieg
Beste Musik Dascha Dauenhauer Sieg
Bestes Szenenbild Silke Buhr Sieg
Beste Tongestaltung Simone Galavazi, Michel Schöpping Nominierung
Beste visuelle Effekte und Animation Frank Kaminski Nominierung

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Berlin Alexanderplatz (2020)
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Berlin Alexanderplatz (2020)
„Berlin Alexanderplatz“ verlegt den bekannten deutschen Roman in die Gegenwart, macht aus der urdeutschen Hauptfigur einen afrikanischen Flüchtling und baut dies zu einem schillernden Koloss aus, der drei Stunden lang das Publikum zwischen Alltag und surrealer Hölle hin und her hetzt. Das Drama ist dabei ein stilistisches Wunderwerk, getragen von ausdrucksstarken Schauspielern, das nahegeht, obwohl es auf Distanz bleibt, im Hier und Jetzt verankert und doch nirgends zu Hause.
9von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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