
Aus dem Traumpraktikum bei der Polizei wurde nichts, dafür darf Bibi (NALA) nun als Wärterin im Schloss Klunkerburg aushelfen, einem Museum. Voll öde! Weniger öde ist die schöne Spieluhr, das Herzstück der aktuellen Ausstellung. Als diese aber unter mysteriösen Umständen gestohlen wird, kommt Bibi doch noch mit der Polizei in Berührung, die in diesem Fall ermittelt. Hilfsbereit hext sie sich und ihre Freundin, Polizeipraktikantin Marita (Fia-Marie Lin), in die Vergangenheit, um zu beobachten, wer das Sicherheitssystem letzte Nacht unbemerkt überlisten konnte. Leider wirkt der Hexspruch viel zu gut: Bibi hext sich nicht in die letzte Nacht, sondern ins vorletzte Jahrhundert. Zurückhexen geht auch nicht mehr, da ihre Hexkraft aufgebraucht ist. Dafür treffen die beiden auf Fritzi von Klunkerburg (Carmen Diego), die im Besitz einer bestimmten Spieluhr ist …
Schlechter als der Vorgänger
Einmal ist keinmal, zweimal ist Zufall, dreimal ist ein Muster. Mit Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen wurde die beliebte Junghexe aus den gleichnamigen Hörspielen zum dritten Mal für mehrere Abenteuer auf der großen Leinwand aufbereitet. In einem Aspekt glichen sich die beiden Vorgängerreihen: Der jeweils zweite Teil, also Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen beziehungsweise Bibi & Tina – Voll verhext!, war besser als der jeweilige Vorgänger, also Bibi Blocksberg beziehungsweise Bibi & Tina – Der Film. Nun hat auch die Neuauflage eine Fortsetzung spendiert bekommen, bei der sich aufgrund der beiden Präzedenzfälle die Frage aufdrängt, ob der Trend weitergeführt wird oder ob es sich schlicht um einen Zufall handelte.
Reden wir nicht lange drumherum: Es handelte sich schlicht um einen Zufall. Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise ist in so gut wie jeder Hinsicht ein Rückschritt im Vergleich zum ersten Teil. Wer den ersten gesprochenen Satz im Film hört und sich an einem Detail daran stört, der kann direkt alle Hoffnung fahren lassen, mit den Dialogen hier warm zu werden. Die zwei Junghexen Flauipaui (Philomena Amari) und Schubia (Carla Demmin) liefern sich ein freundschaftliches Besenwettrennen, bei dem es darum geht, wer zuerst am „Neustädter Markplatz“ ist. Wer um alles in der Welt würde in dieser Situation das Reiseziel stadtgenau verorten? Bestand die Gefahr, dass es ansonsten für einen Marktplatz auf einem anderen Kontinent gehalten werden könnte? Ist Neustadt so riesig, dass jeder der zahlreichen Marktplätze noch einmal einen eigenen Namen zur Unterscheidung erhalten hat? Natürlich nicht, es ist einfach ein fauler Weg, den Zuschauern mitzuteilen, wo die Handlung spielt. Wer firm mit den Hörspielen ist, mag hier Anlass zur Diskussion und Gegenrede sehen, ein Hörspiel ist aber nun einmal etwas anderes als ein Film; der jeweilige Kontext spielt selbstverständlich ebenfalls eine Rolle.
Unsinniges Verbot
Die nächste Frage lässt nicht lange auf sich warten. Die zwei Junghexen fliegen über Bibi, die mit dem Fahrrad zur Schule fährt. Wenn es ein Schultag ist, wieso machen die beiden ein Wettrennen zum Marktplatz (der sich übrigens in Neustadt befindet) und nicht zur Schule? Egal, es drängt sich alsbald eine viel wichtigere Frage für diese Szene auf. Im Trialog erfahren wir, dass Bibi zum Fahrrad statt zu ihrem fliegenden Besen griff, da Mutter Barbara ihr dieses Fortbewegungsmittel verboten hatte. Warum? Das mag wie eine triviale Frage klingen; jemand, der etwas weniger pingelig als der Rezensent ist, hätte diese Szene für sich genommen vermutlich auch gar nicht weiter kommentiert. Es ist im Kontext dieser Filmbesprechung allerdings eine essenzielle, wie sich noch herausstellen wird.
Im Hörspiel bekam Bibi immer nur dann Flugverbot, wenn sie etwas angestellt hatte; meist als Folge ihrer Hexerei. Was geschehen sein mag, erfahren wir diesmal allerdings nicht. Auf dem weiteren Schulweg modifiziert Bibi sich mit ihren Hexenkünsten dann ihren Drahtesel zu einem Turbofahrrad; ein Flugverbot ging ja nun aber seltenst ohne ein Hexverbot einher. Das Flugverbot ist also keine intradiegetische Notwendigkeit, sondern dient lediglich dazu, eine zugegebenermaßen gelungene VFX-Sequenz umzusetzen und eine ebenso gelungene kleine Stuntsequenz zu zeigen, in der Bibi eine lange Treppe hinunterrast. Am Ende der Fahrt verwandelt sich das Fahrrad zurück und zerbricht kurz darauf in seine Einzelteile. Bibi verspricht, das Ding später wieder in Ordnung zu bringen. Das ist übrigens das letzte, was wir von diesem Fahrrad im Film zu sehen bekommen.
Papa Bernhard (Friedrich Mücke) humpelt im gesamten Film mit eingeschientem Fuß und Krücke herum. Was mag da wohl passiert sein? Das erfährt der Zuschauer leider nicht. Sämtliche Charaktere, die mit ihm interagieren, scheinen jedenfalls bestens Bescheid zu wissen, die Sache kommt nie zur Sprache. Abduktiv können wir schließen, dass sich Mücke wohl einfach im echten Leben eine entsprechende Verletzung zugezogen hat und die Dreharbeiten nicht verschoben werden konnten. Es hätte sich ja nun aber angeboten, aus der Not eine Tugend zu machen. Was wäre denn so falsch daran gewesen, einen missglückten Hexspruch Bibis vor dem Einsetzen der Filmhandlung für Bernhards missliche Lage verantwortlich zu machen? Wie es der Zufall will, wäre damit auch direkt der Grund für das Flugverbot geliefert worden. Dazu wäre es natürlich erforderlich gewesen, dass sich jemand für das Drehbuch interessiert. Eine unwahrscheinliche Alternative ist die Möglichkeit, dass eine kohärente Story im Schneideraum verunstaltet wurde.
Nicht lustig
Die Gags halten sich sowohl in Anzahl als auch in Treffgenauigkeit in Grenzen. Es gibt zwei ganz furchtbare Furzwitze, auf die der Film gut hätte verzichten können. In einem deutschen Kinderfilm scheint diese Art Joke ja nun seit einer ganzen Weile traurige Pflicht zu sein, aber selbst dann hätten sie ja wenigstens halbwegs unpeinlich inszeniert werden können. Fritzis angedachter Verlobter etwa posaunt das fälschlicherweise Martin Luther zugeordnete Zitat „Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?“ hinaus, nachdem er sich auf unschöne Weise Gehör verschafft hat. Das ließe sich schon irgendwie verschmerzen, wenn die Gesellschaft gerade gegessen hätte oder beim Essen säße, aber alle stehen ganz normal in einem Saal herum. Inwieweit soll dieses vermeintliche Zitat dann sein Verhalten rechtfertigen oder ihm dabei helfen, sein Gesicht zu wahren? Die zweite Instanz dieses Gags ist um ein Vielfaches schlimmer, da der Film nicht nur nichts verloren hätte, gäbe es sie nicht, sondern ihre Existenz darüber hinaus ein Plothole öffnet und den ganzen Moment ad absurdum führt.
Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise hat viele Probleme, aber die meisten davon lassen sich auf das Drehbuch zurückführen. Geschrieben wurde es wieder einmal von Bettina Börgerding, die anscheinend für sämtliche andere Kinoabenteuer der Figuren aus der von Elfie Donnelly erschaffenen Welt verantwortlich zeichnet. Wer über solch ein Monopol verfügt, muss sich vermutlich nicht mehr sonderlich viel Mühe geben. Wenn der Job sowieso gesichert ist, reicht es wohl, das absolute Minimum abzuliefern. Das Skript des ersten Teils war ja schon alles andere als ideal, es hier aber so zu unterbieten, ist eine Kunst für sich. Es ist dem Leser anfangs ein Versprechen gegeben worden, das nun eingelöst werden soll. Wie herausgearbeitet, bleibt der Film einige Erklärungen schuldig. Das ist insbesondere deshalb so erwähnenswert, weil dieser Film als solches ein einziges Expositionsfest ist. Wer ihn nicht gesehen hat, kann es sich vielleicht nicht vorstellen, aber bis auf die erwähnten Ausnahmen (und eine weitere, für die wir hier schon wieder keinen Platz haben) wird alles unfassbar übererklärt.
Die Pflanze Aloe Lara stärkt bei Verzehr die Hexenkraft. Als der Zuschauer den Namen bereits etwa fünfmal gehört und selbst Zeuge wurde, wie Bibi sich diese Eigenschaft zunutze macht, begibt es sich, dass Bibis Freundinnen sich zu ihr in die Vergangenheit hexen. Sie teilen ihr stolz mit, dass sie ihr etwas mitgebracht haben und präsentieren die Pflanze. Das ist soweit alles in Ordnung, aber möglicherweise weiß ja jemand noch nicht, was die beiden da in Händen halten, obwohl wir sie davor dabei beobachten konnten, wie sie sich die Pflanze in der Gegenwart schnappen, daher verbalisiert Bibi noch einmal explizit, dass die beiden Aloe Lara mitgebracht haben. Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise ist vollgepackt mit solchen „Habt ihr es jetzt auch wirklich alle verstanden?“-Dialogen für Erkenntnisse, die sich logisch aus dem bisher Gezeigten ableiten oder wie hier direkt mit eigenen Augen sehen lassen. Das ist auf merkwürdige Art faszinierend. Es erinnert ein wenig an den modernen Netflix-Trend, dass der Plot alle zwanzig Minuten noch einmal erklärt werden muss.
Noch mehr Nachlässigkeiten
Weitere Nachlässigkeiten finden sich in allen Departments. An einer Stelle sagt Bibi „Alo Lara“. Versprecher können immer passieren, es ist aber schwer vorstellbar, dass das der beste oder gar einzige Take gewesen sein soll. Da ihre Lippenbewegungen in dem Moment nicht zu sehen sind, hätte selbst in diesem Fall eines der zweitausendfünfhundert anderen Male als sie die Pflanze erwähnt in der Postproduktion unter die Szene gelegt werden können. Das wäre aber natürlich mit Arbeit verbunden gewesen. Die römische Vier auf der Spieluhr ist als IIII dargestellt, was zunächst vielleicht zur Annahme verleiten mag, die unmündigen Kinderzuschauer sollten nicht überfordert werden – zumindest bis die römische Fünf entdeckt wird, die korrekt als V auf der Uhr prangt.
Zum Schluss der Besprechung des ersten Teils hieß es hier: „Na ja, und so weiter. Auch wenn der Text vielleicht den Eindruck einer detaillierteren Rezension vermittelt, ist so vieles hier gar nicht erwähnt worden. Irgendwann ist es ja auch einmal gut. […] Fragen nach Inhalt und Plausibilität interessieren natürlich wieder niemanden, der so einen Film macht; die von mehreren ‚Förderer[n]‘ (wie es zwar korrekter-, aber wieder einmal inkonsistenterweise im Abspann heißt) ermöglichte Show muss ja schließlich weitergehen und wer hat schon die Zeit, sich eine erzählenswerte Geschichte auszudenken.“ Das ließe sich beinahe eins zu eins auf den neuen Teil übertragen, nur dass es diesmal einfach so viel schlimmer ist. Der erste Teil hatte das Herz vielleicht nicht am rechten Fleck, aber es ließ sich doch erahnen, dass sich irgendwo in der Umgebung ein Herz befindet. Der zweite Teil ist hingegen nur ein seelenloses Produkt.
Es ist wirklich so vieles gar nicht erwähnt worden; wer den Film nicht gesehen hat, kann sich keine Vorstellung davon machen. Sich mehr Gedanken über einen Film zu machen als diejenigen, die für ihn verantwortlich sind, gleicht jedoch einer Sisyphosarbeit. Daher soll sich abschließend auf die guten Dinge konzentriert werden, die es über Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise zu sagen gibt: Um Musicalnummern kommen wir auch diesmal nicht herum, erfreulicherweise gibt es im Vergleich zum Vorgänger hier aber etwas weniger davon. Die sechs Lieder sind leicht zu ertragen, gut choreografiert und schnell wieder vergessen. NALA überzeugt als Schauspielerin, alle ihre Kinderkollegen können einigermaßen mithalten. Der Großteil der erwachsenen Schauspieler hingegen … aber wir wollten uns ja auf das Positive konzentrieren. Die visuellen Effekte sind durchweg gelungen und der Film ist nicht mit ihnen überladen. Die Spieluhr ist wunderschön.
OT: „Bibi Blocksberg – Die total verhexte Zeitreise“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Gregor Schnitzler
Drehbuch: Bettina Börgerding
Vorlage: Elfie Donnelly
Musik: Dominik Giesriegel
Kamera: Ralf Noack
Besetzung: NALA, Philomena Amari, Carla Demmin, Fia-Marie Lin, Carmen Diego, Jakob Eberle, Rosalie Thomass, Friedrich Mücke, Ludger Bökelmann, Nilam Farooq, Fritzi Haberlandt, Palina Rojinski, Aithon Avgoustakis, Thorsten Merten
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