
Ah Jong (Chow Yun-fat) ist ein Auftragskiller. Jede seiner Missionen erledigt er präzise und nach den Wünschen seiner Auftraggeber. Nachdem jedoch bei einem seiner Einsätze die Sängerin Jennie (Sally Yeh) schwer verletzt wird und zu erblinden droht, beschließt Ah Jong, dass es an der Zeit ist, mit dem Dasein als Killer aufzuhören. Er bittet seinen alten Freund und Kontakt Fung Sei (Chu Kong) darum, ihm noch einen letzten, gut bezahlten Auftrag zu beschaffen, nach dessen Erfüllung sich Ah Jong ein für alle Mal zur Ruhe setzen will. Das Geld will er für Jennies Operation einsetzen, damit sie ihr Augenlicht zurückerhält.
Die Mission läuft jedoch nicht nach Plan. Zwar kann Ah Jong seine Zielperson ausschalten, doch nun ist Detective Li Ying (Danny Lee) ihm auf den Fersen. Der impulsive Polizist ist seinem Vorgesetzten ein Dorn im Auge, weil er bei seinen Einsätzen schon mehr als einmal unnötige Risiken eingegangen ist.
Darüber hinaus haben auch Ah Jongs Auftraggeber von dem Zwischenfall erfahren und wollen den Killer nun ihrerseits eliminieren. Eine Truppe schwer bewaffneter Söldner ist nun hinter Ah Jong her – doch der findet in Li Ying einen unverhofften Verbündeten, der sich mit ihm gegen die Übermacht stellt.
Ein romantisches Gedicht
Spätestens mit A Better Tomorrow, in Deutschland auch bekannt unter dem Titel City Wolf, sowie dessen Fortsetzung hatte sich Regisseur John Woo einen gewissen Ruf bei Actionfans und Kritikern erarbeitet. Mit seinem nächsten Projekt wollte er seine Handschrift als Filmemacher weiterentwickeln, was jedoch Konflikte mit seinem langjährigen Produzenten Tsui Hark mit sich brachte, der den ersten Entwurf zu The Killer gar ablehnte. Dennoch hatte Woo auch bei diesem Film die komplette kreative Kontrolle, weshalb auch The Killer eine Art Melange aus vielen verschiedenen Inspirationen und Einflüssen ist, die beim Kino eines Jean-Pierre Melville beginnen und bei MAD-Cartoons aufhören. Doch es sind keineswegs nur diese Anspielungen, die den Reiz von The Killer ausmachen, sondern seine Dimensionen, die immer wieder die Grenzen des Genres ausreizen und wie ein Drama auf einer ganz großen Bühne wirken. The Killer ist jedoch vor allem Woos romantischster Film, weshalb er ihn unter anderem als „romantisches Gedicht“ bezeichnet hat.
Schon dem Kino Jean-Pierre Melvilles, Woos großem Vorbild, liegt eine gewisse Romantik und Melancholie inne. Alain Delon als „eiskalter Engel“ ist eben nicht nur der berechnende Profi-Killer, sondern auch ein Außenseiter und gerade daher einsam. Die Welt um ihn herum reflektiert diese Einsamkeit und Kälte, weshalb sich der Wunsch nach einer Bindung, einem Gefühl artikuliert. In John Woos The Killer ist diese Idee sogar noch deutlicher ausgedrückt, wenn Ah Jong durch einen unglücklichen Zwischenfall daran erinnert wird, was ihm in seinem Leben fehlt. Chow Yun-fat spielt ebenfalls einen Außenseiter, der aber schon lange nach einer Form der Absolution sucht, sie aber bislang nicht gefunden hat. Ihn umgibt eine Traurigkeit und Melancholie – eine Gewissheit, dass auch ihn eines Tages jenes Schicksal ereilen wird, das schon den Opfern seiner Morde zuteil wurde. Die Kirche, die als Ort so etwas wie den visuellen Rahmen von The Killer definiert, scheint marode, unfertig und stets von Baugerüsten umgeben zu sein, weshalb sie für die Hauptfigur lediglich ein Ort des Rückzugs ist, der aber keineswegs jene spirituelle Ruhe bietet, die er schon seit langer Zeit sucht.
Chow Yun-fat spielt einen Killer, aber auch einen Romantiker. Es ist nicht einfach nur die Liebe an sich, sondern auch Aspekte wie Freundschaft, Loyalität und Kameradschaft, die ihn ausmachen, weshalb er nie wirklich in die Unterwelt hineinpasst, zu der man ihn eigentlich zählen sollte. Li Ying spricht sogar selbst von der großen Empathie in seinen Augen sowie seiner großen Emotionalität. Als Außenseiter in den eigenen Reihen ist es beinahe unausweichlich, dass er eine große Faszination für den Killer entwickelt, dessen Fahndungsplakat mehrfach in seinem Büro zu finden ist. Auch er ist ein Romantiker in seinem Herzen, der an Heldentum glaubt in einer Welt, in der Helden eigentlich zu einem Mythos geworden sind.
Blut und Patronen
Woo gelingt es trotz (oder gerade wegen) der zahlreichen Actionszenen, die großen Emotionen seiner Helden zu zeigen und zu betonen. Ihre Emotionalität wird zu ihrer Motivation, aber auch zu einer Falle, wenn sie missbraucht wird. Woo inszeniert dies als eine große Oper, bei der natürlich das exzessive Finale nicht fehlen darf, das wie eine Arie aus Patronen und Explosionen wirkt. Die Actionszenen sind essenzielle narrative Elemente, welche die Beziehung der Figuren zueinander betonen sowie die Gefühlslage der Charaktere widerspiegeln. Woo ist ein Meister darin, diese Momente nicht allein durch Explosionen und Schusswechsel zu inszenieren, sondern sie mit einer Dramaturgie zu versehen, die diese Szenen an und für sich besonders macht.
Inmitten des Kugelhagels definieren sich bei John Woo die Helden, doch ebenso zeigt sich ihr tragisches Schicksal oder ihre fatale Disposition. Die vermeintlichen Gegner werden dort zu Freunden und bestätigen ihre emotionale Bindung – eine Idee, die John Woo in Hard Boiled wieder aufgreifen sollte.
OT: „Dip huet seung hung“
Land: Hongkong
Jahr: 1989
Regie: John Woo
Drehbuch: John Woo
Kamera: Peter Pau, Wong Wing-Hang
Musik: Lowell Lo
Besetzung: Chow Yun-fat, Danny Lee, Sally Yeh, Chu Kong, Kenneth Tsang, Shing Fui-On
Toronto International Film Festival 1989
Sundance 1990
Internationales Filmfest Oldenburg 2026
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