
Als die Konzertpianistin Lucy (Léa Seydoux) mit ihrem Mann Philip (Laurence Rupp) und dem gemeinsamen Sohn aufs Land zieht, hoffen sie, dort ein wenig Ruhe zu finden. Denn die kann der unter einem Burnout leidende Filmemacher gut gebrauchen. Die Ruhe ist aber schlagartig vorbei, als eines Tages plötzlich die Polizei vor der Tür steht und das Haus durchsuchen will. Lucy weiß zunächst nicht, wie ihr geschieht. Doch um sie geht es auch nicht, sondern Philip. Erst nach und nach realisiert sie, welchen Vorwurf die Sonderermittlerin Elsa (Jella Haase) ihm macht: Er soll Kinderpornografie besitzen. Während Lucy das verarbeiten muss und sich auch um den eigenen Sohn Sorgen macht, muss sich auch Elsa mit einer hässlichen Anschuldigung auseinandersetzen, die ihren Vater Hermann (Sylvester Groth) betrifft …
Tabuthema aus ungewohnter Perspektive
Wenn sich Marie Kreutzer mit einem neuen Film zurückmeldet, dann weiß man vorher schon: Einen Wohlfühlfilm erwartet man besser nicht. In Der Boden unter den Füßen (2019) erzählte sie von einer toughen Unternehmensberaterin, die die Kontrolle über ihr Leben verliert. Mit Corsage (2022) zeigte sie uns die österreichische Kaiserin Elisabeth von einer ganz anderen Seite, fernab vom Kitsch, die bei ihren Bemühungen an ihre Grenzen stößt. Nun meldet sich die österreichische Regisseurin und Drehbuchautorin mit ihrem neuen Werk Gentle Monster zurück. Erneut erzählt sie aus dem Leben einer Frau, diesmal sind es sogar zwei, die in Sinnkrisen geraten, während sie mit einer Gesellschaft zu kämpfen haben, in der Frauen oft nicht viel zu sagen haben – oder zumindest im Schatten der Männer stehen.
Dabei sind die Protagonistinnen in Kreutzers Filmen keine unterwürfigen Frauen, man findet bei ihr kein Heimchen am Herd. Stattdessen sind sie alle selbstbewusst, intelligent, haben eigene Ideen und Vorstellungen. Die beiden Frauen in Gentle Monster haben es auch zu etwas gebracht, haben sich in der Musik bzw. der Polizei durchgesetzt. Interessant an dem Film ist, welche Perspektive er einnimmt. Anfangs weiß man noch nicht so genau, worum es eigentlich gehen soll. Erst nach und nach stellt sich heraus, dass die Themen Kinderpornografie bzw. sexuelle Übergriffe angesprochen werden. Diese kommen in Filmen natürlich immer mal wieder vor. Üblicherweise wird dann aber entweder aus der Sicht des Opfers oder des Täters erzählt. Hier sind es die Angehörigen der Täter, die im Mittelpunkt stehen und sich mit der Frage befassen müssen, ob sie die Menschen, die ihnen am nächsten stehen, überhaupt kennen.
Wortlos geht die Welt zugrunde
Das ist eine Frage, die wir uns fast alle irgendwann einmal in unserem Leben stellen. Ob es Familienmitglieder sind, jemand aus dem Freundeskreis oder andere, mit denen wir immer wieder zu tun haben: Wir können uns in allen täuschen. Gentle Monster zeigt auf, wie schwierig es ist, eine solche Täuschung zu akzeptieren, auch weil sie aus dem Nichts kommt. Es ist nicht wahr, was nicht wahr sein darf, weil vieles von dem, was wir sind, auf solchen Annahmen beruht. Zumal nach außen hin nichts darauf schließen lässt, dass diese Männer Täter sind. Sie sind keine abstoßenden Monster, die einem unheimlich sind, sondern unauffällige Normalos. Verbunden sind damit eine ganze Reihe spannender Fragen. Ab wann wird Loyalität zu einem Fehler? Wie gehen wir als Gesellschaft mit solchen Übergriffen um?
Das Drama, das 2026 im Wettbewerb von Cannes Weltpremiere feierte, gibt darauf keine Antworten. Ganz behutsam nähert es sich diesen Themen an, muss dabei vieles auch gar nicht verbalisieren. Das passt auch deshalb gut, weil es im starken Maße um Sprachlosigkeit geht. Wir haben gar nicht die Worte, um das auszudrücken, was da geschieht – und was in uns geschieht. Der Film kann sich dabei ganz auf sein internationales Ensemble verlassen, welches auch nur mit Blicken und Mimik vermittelt, was man wissen muss. Leichter Stoff ist Gentle Monster natürlich nicht. Der Film verzichtet zwar auf jegliche Schockmomente oder großes Drama – und lässt einen trotzdem erschüttert zurück, wenn ganz leise eine Welt vor unseren Augen zerbricht und unklar ist, ob sich diese noch einmal zusammensetzen lässt.
OT: „Gentle Monster“
Land: Österreich, Deutschland, Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Marie Kreutzer
Drehbuch: Marie Kreutzer
Musik: Camille
Kamera: Judith Kaufmann
Besetzung: Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp, Catherine Deneuve, Sylvester Groth
Cannes 2026
Filmfest München 2026
Toronto International Film Festival 2026
BFI London Film Festival 2026
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