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Titane

„Titane“ // Deutschland-Start: 7. Oktober 2021 (Kino)

Seit einem schweren Autounfall in ihrer Kindheit trägt Alexia (Agathe Rousselle) eine Metallplatte im Kopf. Diese sei völlig ungefährlich, wurde ihr damals gesagt, solange sie nicht verrutsche. Tatsächlich führt die inzwischen zu einer jungen Frau herangewachsene Alexia ein gesundes Leben ohne Einschränkungen. Dafür aber mit seltsamen Vorlieben: So fühlt sie sich zunehmend zu Objekten aus Metall hingezogen und entdeckt irgendwann auch ihre Lust am Morden. Als sie nach einer Reihe von diesen untertauchen muss, beschließt sie, die Identität eines Jungen anzunehmen, der vor Jahren verschwunden ist, und kommt auf diese Weise bei dessen Vater Vincent (Vincent Lindon) unter. Der empfängt seinen verlorenen Sohn mit offenen Armen und bietet ihm ein neues Zuhause. Doch die Herausforderungen sind groß für Alexia, die ihre wahre Identität um jeden Preis unterdrücken muss …

Weibliche Horror-Visionen

In den letzten Jahren haben eine Reihe von Regisseurinnen bewiesen, dass das einst fest in Männerhand befindliche Horrorgenre bei Frauen ebenfalls sehr gut aufgehoben ist und interessante Ergebnisse mit sich bringt. Ob nun Jennifer Kents Der Babadook, Saint Maud von Rose Glass oder kürzlich Prano Bailey-Bonds Genrehommage Censor, die nachrückenden Filmemacherinnen haben ganz eigene Geschichten zu erzählen, mit ganz eigenen Visionen. Dabei können sie nicht weniger hart sein als ihre männlichen Kollegen. Berüchtigt ist das Beispiel Raw der Französin Julia Ducournau: Als ihr Film über eine Jugendliche mit gesteigerter Fleischeslust beim Toronto International Film Festival 2016 im Programm lief, haben einige das Bewusstsein verloren ob der sehr expliziten Darstellung.

Bei Titane, dem zweiten Kinofilm Ducournaus, sind bislang keine vergleichbaren Reaktionen überliefert. Dafür sorgte der Film anderweitig für Furore, als die Regisseurin die erst zweite Frau wurde, welche die begehrte Goldene Palme in Cannes erhielt. Vor ihr war das nur Jane Campion für Das Piano gelungen. Dabei ist die Geschichte um eine junge Frau, die mit dem Einsetzen einer Metallplatte einige unheimliche Veränderungen durchmacht, nicht weniger provokativ als das Debüt. Es ist auch nicht weniger gewalttätig. Zumindest in der ersten Hälfte, wenn Alexia mehr oder weniger zufällig entdeckt, dass so ein Mord richtig viel Befriedigung verschafft, nutzt sie die unterschiedlichsten Gelegenheiten, um dieser Lust nachzugehen. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, wen es trifft. Was anfangs noch als Kommentar zu #MeToo durchgehen würde, wenn Frauen zu Objekten reduziert werden, wird zu einem wahllosen Blutrausch.

Lust an Bildern und grotesken Szenen

Aber auch zu einem faszinierenden Blutrausch. Ducournau erzählt von der mörderischen Odyssee mit Lust an den Bildern, einer Vorliebe fürs Groteske und teilweise mit schwarzem Humor. Nach einem recht wilden Ritt wird es in der zweiten Hälfte jedoch deutlich ruhiger. Nicht die Exzesse von Alexia bestimmen das Geschehen, sondern das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Ersatzvater Vincent. Für ein Publikum, das sich an den anfänglichen bizarren Splatterorgien erfreute, mag das enttäuschend sein. Wenn überhaupt erzeugt Titane Spannung durch die Frage, ob Alexia ihr Geheimnis bewahren kann – zumal Rayane (Lais Salameh), einer von Vincents Untergebenen bei der Feuerwehr, schnell Verdacht schöpft und das brüchige Glück bedroht. Doch das ist nur ein Nebenaspekt.

Stattdessen betreibt Ducournau ihre Dekonstruktion vermeintlich sicherer Konzepte unbeirrt weiter. Bei Titane kommt letztendlich alles auf den Prüfstand. Eine Familie, die aufgrund von Blutsverwandtschaft gebildet wird, macht einer Wahlfamilie Platz. Sexualität kann die unterschiedlichsten Formen annehmen. Die Grenzen zwischen Mensch und Objekt verschwimmen gleich in mehrfacher Hinsicht. Später wird Alexia zu Adrien, ändert ihr Geschlecht – und gleichzeitig wieder nicht. Und überhaupt: Identität wird hier nicht als unverrückbare Einheit angesehen, sondern als eine Art Kontinuum beschrieben. Alexia findet ihren Halt darin, ihr altes Selbst auseinanderzubauen und mit neuen Versatzstücken anders anzuordnen. Das klappt nicht immer alles so wie gedacht, an manchen Stellen bricht dann doch die Biologie durch oder alte Teile – darunter bei einer eigenwilligen Tanzszene, die allen Anwesenden eine Überdenkung ihrer Bilder abverlangt.

Die Suche nach eigenen Antworten

An deren Stelle tritt aber kein neues klares Bild. Überhaupt hält sich Titane im Hinblick auf klare Aussagen zurück: Ducournau will mit ihrem Werk Fragen stellen. Antworten gibt es bei ihr wenige. Und die beschränken sich größtenteils darauf festzustellen, dass die Welt und die Menschen nicht so eindeutig sind, wie wir sie gern hätten. Das ist nicht ganz einfach zu verkaufen. Anders als der vorangegangene Goldene-Palme-Gewinner Parasite, der bei all den Grenzüberschreitungen und Wendungen recht konkret wurde, hat die französische Mischung aus Drama, Fantasy und Horror kein wirkliches Crowdpleaser-Potenzial. Vielmehr dürfte ein großer Teil des Publikums erst einmal fassungslos vor diesem eigenartigen Werk stehen, das sich seiner eigenen Eigenartigkeit erfreut und dabei doch Bezug zu unserer Lebenswirklichkeit herstellt. Ein Werk, das mal schockierend, dann wieder zärtlich ist, zerstörerisch und gleichzeitig heilsam.

Credits

OT: „Titane“
Land: Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Julia Ducournau
Drehbuch: Julia Ducournau
Musik: Jim Williams
Kamera: Ruben Impens
Besetzung: Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Garance Marillier, Lais Salameh

Bilder

Trailer

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Titane
„Titane“ erzählt von einer jungen Frau, der nach einem Unfall als Kind eine Metallplatte in den Kopf operiert wurde und die als Erwachsene ihre Vorliebe für Objekte und Mord entwickelt. Der Film stößt das Publikum mit bizarren und brutalen Szenen vor den Kopf, zerstört nebenbei viele feststehende Konzepte wie Familie und Identität. Doch er hat auch seine zärtliche Seite, wenn auf den Trümmern unserer alten Bilder neue entstehen, denen wir selbst noch Bedeutung geben können und dürfen.
8von 10
Leserwertung: (1 Judge)
8.9

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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