Nachbeben führt seine Zuschauer auf eine Schlaganfallstation, wo eine folgenschwere Fehleinschätzung eine Kette von Ereignissen auslöst, die weit über einen einzelnen Moment hinausreichen. Der Film erzählt von Verantwortung, Schuld und den unsichtbaren Nachwirkungen medizinischer Entscheidungen – für Patientinnen und Patienten ebenso wie für das behandelnde Personal. Wir haben uns zum Kinostart am 7. Mai 2026 mit Regisseurin und Drehbuchautorin Zinini Elkington über ihr Spielfilmdebüt unterhalten. Im Interview spricht sie über ihre intensive Recherche im Klinikalltag, das Konzept der „Second Victims“ und die Herausforderung, menschliche Fehlbarkeit differenziert darzustellen.
Klassische erste Frage: Wie würdest du deinen Film jemandem beschreiben, der nur den Titel kennt, aber nichts über Handlung oder Setting weiß?
Ich würde ihn als eine Reise in die Fehlbarkeit des Menschen beschreiben. Und auch als eine Reise hin zur Akzeptanz der eigenen Unvollkommenheit.
Es ist dein Spielfilmdebüt als Autorin und Regisseurin. Wie hat sich dieser Schritt im Vergleich zu deinen bisherigen Arbeiten angefühlt?
Ehrlich gesagt war ich überrascht, wie ähnlich sich der Prozess anfühlt. Die einzelnen Schritte sind dieselben wie bei Kurzfilmen – sie dauern nur deutlich länger. Schreiben, Drehen, Schnitt: alles ist zeitintensiver, aber es hat sich sehr natürlich angefühlt, nicht wie ein völlig neuer Job.
Der Film spielt auf einer Schlaganfallstation, wo eine folgenschwere Fehleinschätzung passiert. Wie hast du den Klinikalltag recherchiert?
Der Film basiert auf mehreren Jahren Recherche. Ich habe 2020 angefangen und allein zwei bis drei Jahre am Drehbuch gearbeitet. Ein wichtiger Teil war, dass ich selbst auf einer echten Schlaganfallstation in Dänemark war und Ärztinnen und Ärzte während Tag- und Nachtschichten begleitet habe. Auch die Hauptdarstellerin Özlem Saglanmak hat Schichten mit einer Neurologin verbracht. Diese unmittelbare Erfahrung war extrem prägend – wirklich in die Rolle der Menschen zu schlüpfen, die ich porträtieren will.
Deine Schwester ist Ärztin und wird im Abspann medizinische Beraterin genannt. Welche Rolle hat sie im Prozess gespielt?
Sie hat 2020 ihr Studium abgeschlossen und arbeitet seitdem im Krankenhaus. Wir sprechen viel, und sie hat ihre Erfahrungen mit mir geteilt. Außerdem beschäftigt sie sich stark mit den Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen und hat auch einen psychologischen Hintergrund. Ich war ehrlich gesagt schockiert, wie groß die Verantwortung ist, die sie täglich trägt – und gleichzeitig, wie eng und teilweise unmenschlich die Rahmenbedingungen sind. Daraus entstand mein Wunsch, einen Film über den Menschen im System zu machen.
Gab es Aspekte der Krankenhausrealität, die du bewusst abgeschwächt oder weggelassen hast?
Eher im Gegenteil. Viele Rückmeldungen – vor allem aus der Filmbranche – waren, dass es vielleicht zu komplex sei, zu viele Figuren und Ebenen. Aber genau das war mir wichtig. Der Film soll sich wie eine überfordernde Schicht anfühlen. Zuschauerinnen und Zuschauer sollen das Kino verlassen, als hätten sie selbst diesen stressigen Dienst erlebt. Dafür braucht es Komplexität – mehrere Patientinnen, Angehörige, Kolleginnen, Hierarchien. Diese Gleichzeitigkeit ist entscheidend.
Der Titel bezieht sich auf das Konzept der „Second Victims“. Wann bist du darauf gestoßen?
Während meiner Recherche. Ich hörte einen Podcast von Medizinstudierenden aus Kopenhagen, der sich mit „Second Victims“ beschäftigte – also dem medizinischem Personal, das nach einem medizinischen Fehler ebenfalls leidet. Das hat sofort etwas in mir ausgelöst. Es widerspricht der üblichen Erzählung, in der es nur um Schuld und individuelle Fehler geht. Dieses Konzept eröffnet eine differenziertere Perspektive: Der Patient ist das erste Opfer, aber alle Beteiligten können betroffen sein. Das fand ich sehr kraftvoll.
Wie hast du mit den Schauspielerinnen und Schauspielern gearbeitet, gerade im Hinblick auf Themen wie Schuld, Angst und Verantwortung?
Das war unterschiedlich. Die Darstellenden des Krankenhauspersonals mussten vor allem die Abläufe, Sprache und körperlichen Handlungen lernen – das ist eine sehr spezifische, professionalisierte Welt. Für die Rollen der Angehörigen ging es stärker um universelle Emotionen: Trauer, Angst, Scham, Verantwortung. Für mich persönlich war die Geschichte auch sehr emotional, besonders in Bezug auf die Mutterfigur. Als Mutter kenne ich diese Angst, etwas zu übersehen und dadurch mein Kind zu gefährden. Diese Angst ist universell – und sie war ein wichtiger Zugang für die Arbeit mit Trine Dyrholm.
Warum war es dir wichtig, den Alltag der Protagonistin vor dem eigentlichen Wendepunkt so ausführlich zu zeigen?
Authentizität war ein zentrales Ziel. Der Film ist auch eine Hommage an meine Familie, in der viele im Gesundheitswesen arbeiten. Deshalb war klar: Die Realität bestimmt die Inszenierung. Wir hatten medizinische Berater am Set, und die Schauspieler haben deren Handlungen direkt imitiert. Nicht Kamera oder Licht gaben den Ton an, sondern die Realität. Gleichzeitig wollte ich aber auch eine visuelle Ebene schaffen – also eine Balance zwischen realistischer Darstellung und filmischer Gestaltung.
Nachbeben verbindet psychologisches Drama mit Thriller-Elementen. Wie hast du diese Balance gefunden?
Der Film arbeitet grundsätzlich mit Kontrasten: Kontrolle und Chaos, Leben und Tod, Macht und Ohnmacht. Auch tonal wollte ich diese Gegensätze. Im echten Leben ist selbst in dramatischen Situationen nicht alles nur ernst – Menschen machen Witze, lachen. Diese Mischung ist wichtig. Die Thriller-Elemente helfen, eine Dynamik und Eskalation zu erzeugen. Sie machen das Erleben unmittelbarer.
Wie haben medizinische Fachkräfte reagiert, nachdem sie den Film gesehen haben?
Die Reaktionen waren sehr stark. In Dänemark hat der Film sogar dazu beigetragen, das Thema „Second Victims“ stärker in den Fokus zu rücken. Besonders bewegend war für mich, dass viele Menschen nach Vorführungen ihre eigenen Geschichten geteilt haben – oft zum ersten Mal, vor einem großen Publikum. Das war genau das, was ich mir erhofft hatte: einen Raum zu schaffen, in dem über solche Erfahrungen gesprochen werden kann.
Hat die Arbeit am Film deine Sicht auf medizinisches Personal verändert?
Ja, ich habe heute ein viel tieferes Verständnis für ihre Situation. Eine zentrale Frage war für mich: Kann man Empathie für jemanden empfinden, der einen Fehler macht? Und ich denke: ja. Aber was mich überrascht hat, ist, wie schwer es vielen Ärztinnen und Ärzten fällt, sich selbst zu vergeben. Sie setzen sich extrem unter Druck.
Letzte Frage: Arbeitest du bereits an neuen Projekten?
Ja, an mehreren. Eines spielt im Handball-Milieu und beschäftigt sich wieder mit Gruppendynamik und psychologischen Strukturen – diesmal im Sport. Es geht um eine junge Spielerin, die ihren Platz im Team finden will, ohne sich selbst zu verlieren.
Zinini Elkington, vielen Dank für das Gespräch.
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