Regisseurin Julia Ducournau
© Philippe Quaisse

Bei den Filmfestspielen von Cannes 2021 gewann das Fantasy-Drama Titane sensationell die Goldene Palme. Darin erzählt Regisseurin Julia Ducournau die Geschichte des Mädchens Alexia, das nach einem schweren Autounfall eine Metallplatte in den Kopf transplantiert bekommt. Jahre später entwickelt sie eine Leidenschaft für Maschinen, aber auch für das Töten. Auf der Flucht vor dem Gesetz lernt sie eines Tages Vincent kennen und gibt sich als dessen Sohn aus, der Jahre zuvor verschwunden ist. Tatsächlich nimmt er sie bei sich auf, was für die junge Frau aber bedeutet, ihre Identität und ihr Aussehen zu verändern. Zum Kinostart am 7. Oktober 2021 unterhalten wir uns mit der französischen Regisseurin über das Konzept von Familie, die Beständigkeit von Identität und gesellschaftliche Konstrukte.

 

Du hast mit Titane schon einen sehr ungewöhnlichen Film gedreht. Könntest du uns etwas über die Entstehungsgeschichte verraten? Wie bist du auf die Idee gekommen?

Die Leute denken oft, dass bei Geschichten am Anfang eine Art Geistesblitz steht, der alles andere nach sich zieht. Aber so funktioniert das nicht. Das ist unmöglich. Zumindest für mich. Bei mir ist das immer ein langwieriger Prozess, bei dem die verschiedenen einzelnen Elemente und Ideen miteinander verbunden werden. Oft handelt es sich dabei um Bilder, da ich sehr visuell arbeite. Ich weiß bei diesen Bildern zuerst oft selbst nicht, was ich mit ihnen anfangen soll oder was sie bedeuten. Aber es sind Bilder, die eine starke Reaktion auslösen. Die mich in irgendeiner Form bewegen oder vielleicht verstören. Was am Anfang des Films stand: Ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen. Das wird man so vermutlich nicht vermuten, wenn man sich Titane anschaut, dessen bin ich mir voll bewusst. Aber es ist tatsächlich ein Film über Liebe. Eine Liebe abseits jeder Vorbestimmtheit oder Normen oder Erwartungen. Ich wollte zwei Menschen vorstellen, die sich gegenseitig nicht lieben müssen, die es am Ende aber aus freien Stücken tun, weil sie sich dafür entscheiden. Sie entscheiden sich zusammen zu bleiben. Sie lieben sich für die Essenz, die sie in dem jeweils anderen sehen. Da spielt es keine Rolle, wie alt sie sind oder welches Geschlecht sie haben. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob sie Menschen sind.

Auf dem Weg zu dieser Liebe stellst du eine Reihe von traditionellen Konzepten in Frage. Eines davon ist das der Familie. Laut der herkömmlichen Ansicht besteht diese aus Vater, Mutter und Kind. In Titane wird das aufgelöst. Was macht in deinen Augen eine Familie aus? Gibt es sie überhaupt?

Es kann sie zumindest geben. Titane handelt von der Suche nach einer Familie. Nur ist es eine Familie, die man sich selbst aussucht. Die Hauptfigur beginnt in einer Familie, die rein biologisch ist, zu der sie aber keinen Bezug hat. Und eben weil diese nichts mit ihr anfangen kann, braucht sie eine neue. Das bedeutet aber nicht, dass biologisch miteinander Verwandte keine Familie sein können. Das können sie schon, wenn sie sich dafür entscheiden. Aber das eine führt eben nicht zwangsläufig zum anderen. Du hast in dem Film zwei Vaterfiguren. Da ist der biologische Vater, der ein schrecklicher Vater ist. Er sieht seine Tochter nicht an, hilft ihr auch nicht dabei, sich selbst zu finden. Diese Vernachlässigung und Gleichgültigkeit dem eigenen Kind gegenüber ist für mich die größte Gewalt innerhalb des Films.

Vincent, dem sie auf der Flucht zufällig begegnet, ist das genaue Gegenteil. Das macht aus ihn aber nicht einfacher oder unschuldig. Zu Beginn des Films ist er ein furchteinflößender Charakter, sehr aggressiv und autoritär. Er sperrt sie in das Zimmer und will sie nach seiner Vorstellung formen. Was ihn aber von dem biologischen Vater unterscheidet: Er schaut sie an. Er nimmt sie wahr, die ganze Zeit, so sehr dass er sie fast schon durchbohrt. Aber das hilft ihr, eigene Konturen zu entwickeln. Die beiden Väter sind damit Gegensätze. Man kann sie aber auch als einen Charakter betrachten, der sich im Laufe der Zeit verwandelt und lernt, sie für die Person zu sehen, die sie ist. Deswegen will ich mit Titane keinen Gegensatz zwischen einer biologischen und einer erwählten Familie aufbauen, sondern eine Familie aufzeigen, die sich in einer ständigen Bewegung findet. So wie der Film insgesamt ständig in Bewegung ist. Du fängst mir etwas an, das ganz groß und barock ist und am Ende zu etwas sehr Purem und Existenziellen wird.

Die größte Veränderung findet dabei natürlich bei Alexia selbst an. Sie lässt nicht nur ihre alte Familie hinter sich, sondern nimmt die Identität eines verschwundenen Jungen an. Sie wird also zu jemand komplett anderem. Wenn nichts an ihrer Identität beständig ist, gibt es überhaupt so etwas wie eine Identität?

Ich glaube schon, ja. Aber sie existiert außerhalb der gesellschaftlichen Konstrukte, zu denen für mich auch das Geschlecht gehört. Wobei ich auch schon das Wort „existieren“ in dem Zusammenhang nicht mag. Ich würde sagen, dass Identität immer ein „werden“ ist, kein „sein“. Wir sind ständig dabei, jemand zu werden und uns dabei zu verändern. Zum Glück! Wir haben die Freiheit, uns zu hinterfragen und uns zu verändern. Wir sind nicht dazu gezwungen, unser ganzes Leben lang dieselbe Person zu bleiben. Ich denke sogar, dass je mehr du dich mit der Zeit veränderst und damit auseinandersetzt, wer du bist, umso näher wirst du am Ende an deine Essenz kommen.

Kann es nicht auch vorkommen, dass du diese Essenz verlierst und dich von dem entfernst, der du bist?

Absolut. Es kann vorkommen, dass sich jemand selbst verliert. Das ist auch das, was Alexia zu Beginn des Films erlebt. Für mich waren das Szenen, die sehr schwer zu schreiben waren. Es ist schwer, einen Menschen zu beschreiben, der sich so weit von seiner eigenen Menschlichkeit entfernt hat und den Zugang zu sich selbst verloren hat. Deswegen ist sie am Ende des Films für mich menschlicher, als sie es zu Beginn war, trotz der zahlreichen Science-Fiction-Transformationen, die sie durchmacht. Am Anfang ist sie wie eine Maschine und unglaublich kalt. Erst durch die Liebe, die sie durch Vincent erfährt, lernt sie wieder, zu sich selbst zu finden. Titane beschreibt also den Weg zu einer Menschlichkeit und dem eigenen Ich.

Wenn alles ständig in Bewegung ist: Woher weiß ich, dass ich dieses eigene Ich gefunden habe?

Das weißt du nie. Ich hatte früher immer diese Vorstellung, dass du dich bei deinem letzten Atemzug für das erkennst, das du bist. Inzwischen glaube ich nicht mehr daran. Der Sinn des Lebens besteht für mich nicht darin, dieses Selbst gefunden zu haben, sondern in der Freiheit, es suchen zu dürfen. Das ist es, was für mich zählt.

Du hast diese gesellschaftlichen Konstrukte erwähnt, von denen wir uns lösen müssen während unserer Suche. Aber ist das überhaupt wirklich möglich? Können wir uns von den Erwartungen lösen, die andere an uns haben?

Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Meine Filme befassen sich mit der Frage, inwiefern wir von diesen Konstrukten abhängig sind und ob wir uns von diesen lösen können. Ich suche nach dieser Freiheit. Das bedeutet aber nicht, dass ich die Antwort gefunden habe. Kunst muss meiner Ansicht nach auch gar nicht alle Antworten bereithalten, sondern sollte herausfordern und die Menschen dazu bringen, überhaupt über das alles nachzudenken. Sie sollte Diskussionen anstoßen.

Ein wichtiger Punkt während Alexias Reise ist der ihres Körpers. In Titane bedeuten Körper Schmerz, können aber auch Lust bedeuten. Ist es ein Segen oder ein Fluch, dass wir einen Körper haben, gerade auch im Hinblick auf Identität?

Das ist für mich gleichbedeutend mit der Frage, ob das Leben ein Segen oder ein Fluch ist. Die Menschen haben früher immer stark zwischen dem Körper und dem Geist unterschieden und tun das zum Teil heute noch. Für mich war das immer falsch. Körper und Geist sind Teil einer Kontinuität, welche das Selbst ausmacht. Ich halte auch nichts von der Vorstellung, dass der Körper die Hülle des Geistes ist. Denn dafür wird er zu sehr von dem Geist mitbestimmt. Wenn du zum Beispiel viel Stress hast und deswegen irgendwo Ausschlag bekommst, dann will dir dein Körper sagen: Hör auf, das geht so nicht. Der Körper kann uns sehr viel darüber sagen, wie der Geist funktioniert. Narben sind ein anderes schönes Beispiel, weil sie deine Geschichte erzählen. Sie machen dich einerseits verwundbar, weil andere sie sehen können und damit dich sehen. Sie können dich aber auch stark machen und sind ein Teil von dir.

Wir haben uns die ganze Zeit über Konzepte unterhalten, die du in Frage stellst, von Familie über Geschlecht bis zu Identität. Gibt es etwas, das für dich nicht hinterfragt werden kann? Eine universelle Wahrheit, die für dich feststeht?

Das ist eine gute Frage, die für mich schwer zu beantworten ist. Für mich ist die Menschheit ein Zyklus, der sich fortwährend verändert. Und ich kann in diesem Zyklus nichts sehen, das wirklich Bestand hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Julia Ducournau wurde am 18. November 1983 in Paris, Frankreich geboren. Sie studierte an der Filmhochschule La Fémis und machte dort 2008 ihren Abschluss. Nach mehreren Kurzfilmen gab sie 2016 ihr Langfilmdebüt mit dem kontroversen Horrorfilm Raw. 2021 folgte ihr zweiter Spielfilm Titane, für den sie als erst zweite Frau die Goldene Palme bei den Filmfestspielen von Cannes erhielt.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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