
Die Stadt als ein sich ständig verändernder Raum trägt immer auch Erinnerungen mit sich. Dies können offensichtliche Dinge wie Gedenkstätten oder Mahnmale sein, doch manchmal ist die Präsenz der Vergangenheit schwieriger zu fassen, obwohl sie allgegenwärtig ist. Birmingham im US-Bundesstaat Alabama ist ein solcher Ort, an dem sich beide Aspekte begegnen. Auf der einen Seite steht der Sloss Furnaces National Historic Landmark, ein ehemaliges Eisenhüttenwerk, das an die einstige Wirtschaftskraft der Stadt und ihre Rolle innerhalb der Industrialisierung des Landes erinnert. Im Kelly Ingram Park hingegen zeigen Skulpturen die Bedeutung der Stadt für die Bürgerrechtsbewegung der 1950er- und 1960er-Jahre. Martin Luther King Jr. schrieb im dortigen Gefängnis seinen „Letter from Birmingham Jail“ – ein prägendes Dokument der Bewegung. Die „Magic City“, wie sich Birmingham selbst nennt, definiert sich über einen Bezug zu jenen großen Utopien der US-amerikanischen Gesellschaft – des wirtschaftlichen Aufschwungs und des gesellschaftlichen Wandels. Heute sind es vor allem die genannten Bauten und Monumente, die an diese Utopien erinnern. Als Herman Poole Blount 1914 in Birmingham geboren wurde, wuchs er inmitten dieser Entwicklungen und Visionen für die Zukunft auf. Die Geschichte sowie der sozial-politische Wandel seiner Heimatstadt prägten ihn und später auch seine Musik, die ihn weltweit bekannt machen sollte. Schon bevor er auf der ersten großen Bühne stand, sprach er davon, dass er nicht von diesem Planeten sei und seine Geschichte eine andere sei als die, die man in Schulbüchern liest. Sun Ra, wie sein Künstlername lautete, wollte sich nicht vorschreiben lassen, wer seine Geschichte erzählt – er wollte sie selbst schreiben, durch seine Musik. Auch wenn er immer wieder seine apolitische Haltung betonte, war der von ihm vertretene Afrofuturismus weitaus mehr als „bloße“ Kunst. Er verband damit die Botschaft, dass ein anderes Leben, auf einem anderen Planeten möglich sei, was sich in seiner Musik widerspiegelte – ebenso wie in dem Film Space Is the Place, der sinnbildlich für die afrofuturistische Utopie steht. Die Dokumentation The Magic City – Birmingham selon Sun Ra erzählt die Geschichte des Musikers und Denkers gemeinsam mit der seiner Heimatstadt. Die Regisseure Guillaume Maupin und Pablo Guarise blicken dabei nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Gegenwart der Stadt, darauf, wie die Geschichte sie geprägt hat und welche Spuren Musiker wie Sun Ra hinterließen. Neben Archivmaterial greifen die Filmemacher auf Interviews mit den Nachkommen Blounts zurück, stellen wichtige Stationen seines Lebens nach und zelebrieren nicht zuletzt seine Musik sowie deren Vision einer anderen Welt, in der das Leben von Afroamerikanern nicht länger von Elend, Brutalität und Ungleichheit geprägt ist. Die magische Stadt und die Schattenwelt Wenn man als Autofahrer die Stadtgrenze Birminghams erreicht, bereitet ein großer Schriftzug den Reisenden auf die Ankunft in der „Magic City“ vor. Wie viele wird auch Blount davor gestanden haben und sich als Teil dieser „magischen Stadt“ gesehen haben – mit dem Unterschied, dass der Künstler dieses Versprechen wörtlich nahm. Von der anderen Seite betrachtet liest man den Schriftzug natürlich rückwärts und verkehrt, doch für Sun Ra war dies eine Bestätigung dessen, was er schon lange wusste: Er war Teil eines ganz besonderen Ortes, eines Ortes, der sowohl helle Seiten als auch viele Schatten mit sich brachte. Es ist daher nur konsequent, dass Sun Ras 1966 veröffentlichtes Album The Magic City aus zwei langen Stücken besteht – zum einen „The Magic City“ und zum anderen „The Shadow World“. Die Stadt wird zur Klanglandschaft und die Musik zum Spiegel ihrer Versprechen und Möglichkeiten, aber auch ihrer Widersprüche. Dies lässt sich auch auf die Dokumentation gleichen Titels übertragen, die auf dem DOK.fest München 2026 zu sehen ist. Maupin und Guarise erzählen die Biografie des Künstlers Sun Ra parallel zur Geschichte Birminghams – dem Aufkommen der Stahlindustrie, ihrer Rolle als Zentrum der Bürgerrechtsbewegung und dem Schicksal, das viele Regionen der USA teilen. Postindustrielle Ruinen lassen den einstigen Glanz erahnen, während Mahnmale an die Konfrontationen zwischen Protestierenden und Polizei erinnern. Mittendrin sehen wir nachgestellte Szenen von Proben von Sun Ras Band. The Magic City – Birmingham selon Sun Ra zeigt den Musiker als Bindeglied dieser beiden Extreme und inszeniert ihn zugleich als zentrale Figur innerhalb des fortlaufenden Narrativs eines Ortes Über allem steht das Verständnis Sun Ras von Kunst als „konstante Kreation“. Der Künstler wirkt wie ein Getriebener, der noch nicht einmal Schlaf findet, weil ihm sein eigener Schaffensdrang keine ruhige Minute lässt. Er verarbeitet alles, was er über seine Heimatstadt und sein Land gelesen und gehört hat, denkt es jedoch weiter zu einer eigenen Geschichte und schließlich zu einer Vision – einem futuristischen Gegenentwurf zur Realität der USA seiner Zeit. Selbst bei seiner Beerdigung geht die Musik weiter, als Wegbegleiter Sun Ras spielen und singen – eine weitere Archivaufnahme, die anlässlich des Todestages des Musikers einer kleinen Versammlung von Menschen gezeigt wird. Die Kreation ist noch lange nicht zu Ende, scheinen diese Bilder zu sagen, auch wenn der Körper inzwischen selbst zur Erinnerung geworden ist. Brussels International Film Festival 2025 Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
OT: „The Magic City – Birmingham according to Sun Ra“
Land: Belgien
Jahr: 2025
Regie: Guillaume Maupin, Pablo Guarise
Drehbuch: Guillaume Maupin, Pablo Guarise
Kamera: Alexi Van Hennecker
DOK.fest München 2026
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