Inhalt / Kritik

Raw

„Raw“ // Deutschland-Start: 26. Oktober 2017 (DVD/Blu-ray)

Als jüngste Tochter von zwei Medizinern und als eine der besten Schülerinnen ihres Abschlussjahrgangs beginnt Justine (Garance Marillier) ihr erstes Semester an der veterinärmedizinischen Fakultät und folgt damit ihrer älteren Schwester Alexa (Ella Rumpf). Wie auch die anderen Erstsemester wird Justine einem Aufnahmeritual von den oberen Semestern unterzogen, was ihre Zugehörigkeit zur Zunft der Tiermediziner besiegelt. Zwar lässt die junge Frau alles über sich ergehen, doch als sie eine Hasenniere essen muss und später mit Tierblut übergossen wird, überkommt die lebenslange Vegetarierin Ekel. Ermutigt durch Alexa macht sie dennoch mit und erduldet diese wie auch viele andere Repressalien, denn sie möchte auf jeden Fall nicht als Außenseiterin dastehen. Allerdings geht die Tortur nicht folgenlos an Justine vorüber, denn kurz danach entwickelt sich auf ihrem Körper ein seltsamer Ausschlag, was ihre behandelnde Ärztin als eine allergische Reaktion abtut.

Doch es verändert sich nicht nur Justines Körper, denn zeitgleich mit dem Auftreten des Hautausschlages überkommt sie immer wieder ein unerklärlicher Appetit auf Fleisch. Was zunächst mit kleineren Diebstählen in der Unimensa beginnt, wird schnell zu nächtlichen Fressorgien, wobei ihr Zimmernachbar Adrien (Rabah Naït Oufella) sie bis zum nächsten Imbiss oder zur nächsten Tankstelle begleitet. Als Alexa einen Unfall hat und sich einen Teil ihres Fingers abschneidet, lernt Justine, dass es nicht nur Tierfleisch ist, was ihren Hunger stillt.

Ewiger Hunger

Im Horrorgenre ist der Typ des Kannibalen zu einer festen Größe geworden, ein Monster aus einer anderen Welt, den man konsequent nur an den Grenzen der menschlichen Gesellschaft vorfindet. Vor allem dies verwunderte die französische Regisseurin Julia Ducournau, als sie sich im Rahmen der Recherche für ihr Spielfilmdebüt Raw mit dem Thema befasste, denn während andere Erscheinungen wie Mord oder Inzest in den Geschichten des Genres keinesfalls in diese Randbezirke der Gesellschaft verdrängt werden, wird der Menschenfresser dorthin verbannt. In Raw verbindet Ducournau das Thema mit dem Drama einer jungen Frau um Anpassung und Zugehörigkeit, was dem Werk einen gewissen Sonderstatus innerhalb des Subgenres des Kannibalenhorror einräumt.

Im Kontext der für das Coming-of-Age-Drama typischen Aspekte entfaltet das Konzept des Kannibalismus eine ganz besondere Wirkung und wirft damit einen hintersinnigen Blick auf gesellschaftliche Strukturen. Seit ihrer Kindheit zum Vegetarismus erzogen, scheint alleine die Vorstellung, Fleisch zu verspeisen für Justine undenkbar, ist begleitet von einer schon fast körperlichen Abwehrreaktion, womit man zunächst auch ihren seltsamen Ausschlag nach Verzehr der Hasenniere erklären kann. Jedoch wird schon bald deutlich, dass der von ihr verspürte Hunger tiefer geht und anderer Natur ist, und warum es nötig ist, sich diesen Trieben zu widersetzen. Die Idee der Anpassung und der Zugehörigkeit ist somit gekoppelt an die Repression des eigentlichen Triebes, vor dem sich die Menschen naturgemäß ekeln und den sie keinesfalls unter sich dulden.

Insbesondere das Spiel ihrer beiden Hauptdarstellerinnen Garance Marillier und Ella Rumpf kommt in diesem Aspekt der Geschichte zum Tragen. Nicht nur als jemand, der sie in die Gemeinschaft der Studierenden einführt wirkt Alexa, sondern vielmehr als Initialzündung für jenen ewigen, unstillbaren Hunger, der in ihrer jüngeren Schwester wächst. Es ist auch eine Form der Freiheit, die wir erleben, wenn sich Justine vom schüchternen Erstsemester entwickelt zu einer jungen, selbstbewussten Frau, die eine ganz eigene Liebe zu ihrem Körper (und denen anderer Menschen) entwickelt hat. Speziell Marillier spielt diese Entwicklung sehr eindrucksvoll, vor allem aber die Zweifel, die Unsicherheit und die ersten Schritte hin zu einer Form der Akzeptanz, was diesen Hunger ausmacht und warum er Teil von ihr ist.

Von Tieren und Menschen

Darüber hinaus finden sich in Raw auch Bezüge zu aktuellen Debatten, wie beispielsweise der Diskussion um das Verzehren von Tieren. Ein vielsagender Dialog sieht, wie Justine die Denkmuster ihrer Kommilitonen entlarvt, die, trotz ihres angestrebten Berufes, zwischen bestimmten Arten des Lebens unterscheiden. Die sich wiederholenden Aufnahmen von Tieren, Kadavern oder auch den fast schon abartigen Fleischportionen in der Mensa beschreiben eine Art Kreislauf des Verzehrens, der gesellschaftliche legitimiert ist und über den niemand so recht nachdenkt.

Der Verzehr von Fleisch, wie auch die ständigen Partys, der Sex und der Alkoholkonsum gehören zu den erweiterten Aufnahmeritualen in die Welt, welche Justine betritt, die immer monströser und befremdlicher wird, doch sich letztlich der jungen Frau auch anbietet. Vielleicht liegt hier die eigentliche Provokation eines Filmes wie Raw, der das Monströse nicht nur in die Mitte der Gesellschaft verlagert, sondern das Kannibalische in jedem Menschen betrachtet.

Credits

OT: „Raw“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2016
Regie: Julia Ducournau
Drehbuch: Julia Ducournau
Musik: Jim Williams
Kamera: Ruben Impens
Besetzung: Garance Marillier, Ella Rumpf, Laurent Lucas, Rabah Naït Oufella, Joana Preiss, Bouli Lanners, Marion Vernoux, Jean-Louis Sbille

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2018 Beste Regie Julia Ducournau Nominierung
Beste Nachwuchsdarstellerin Garance Marillier Nominierung
Bestes Original-Drehbuch Julia Ducournau Nominierung
Beste Musik Jim Williams Nominierung
Bester Ton Mathieu Descamps, Séverin Favriau, Stéphane Thiébaut Nominierung
Bester Debütfilm Nominierung
Prix Lumières 2018 Bester Debütfilm Nominierung

Filmfeste

Cannes 2016
Toronto International Film Festival 2016
Sitges 2016
Sundance Film Festival 2017
International Film Festival Rotterdam 2017
Fantasy Filmfest 2017

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Raw
„Raw“ ist eine provokante Mischung aus Kannibalenhorror und Coming-of-Age-Drama. Julia Ducournau gelingt mit ihrem Spielfilmdebüt ein starkes Werk, welches den Typ des Kannibalen von den Grenzregionen in die Mitte der Gesellschaft katapultiert und sich fragt, ob er nicht schon immer dort zuhause war.
8von 10

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