Zwischen Mythos, Aktivismus und Zukunftsvision: Sirens Call von Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann entzieht sich konsequent klassischen Kategorien. Der Hybridfilm verbindet dokumentarische Beobachtung mit spekulativer Erzählung und folgt einer modernen Meerjungfrau durch ein von politischen Umbrüchen und ökologischen Krisen geprägtes Amerika. Dabei entstehen ebenso poetische wie politische Bilder von Identität, Gemeinschaft und möglichen Zukünften. Zum Kinostart am 30. April 2026 haben wir mit Regisseur:in Miri Ian Gossing über die Arbeit an der Schnittstelle von Fiktion und Realität, die Begegnung mit der Merfolk-Community und die Kraft utopischer Perspektiven gesprochen.
Standardfrage zum Start: Wie würdest du euren Film jemandem beschreiben, der noch nichts davon gehört hat?
In wenigen Worten ist das gar nicht so einfach. Sirens Call ist ein Hybridfilm – eine Mischung aus Science-Fiction und Roadmovie mit dokumentarischen Elementen über die Merfolk-Community, also Meerjungfrauen, Meermänner und non-binäre Meerwesen aus Portland, Oregon. Im Zentrum steht Una, die als Meerwesen auf die Erde kommt und dort nach Gemeinschaft und einer eigenen Stimme sucht. Das Ganze spielt vor dem Hintergrund der US-Wahlen und den hyperkapitalistischen Lebensbedingungen in den USA.
Wann und wie habt ihr Una bzw. Gina Rønning kennengelernt?
Das war in der Recherchephase. Wir wussten bereits, dass wir uns mit Mythen rund um Sirenen und Meerjungfrauen beschäftigen wollen, und wurden dafür mit dem Wim-Wenders-Stipendium gefördert. Im Zuge dessen sind wir drei Monate durch die USA gereist und haben verschiedene utopisch-futuristische Orte und Communities besucht. Als wir Una getroffen haben, war sofort eine Verbindung da. Besonders spannend fanden wir die Kombination aus ihrer starken Identifikation mit dem Mythos und ihrem politischen Aktivismus. Das hat sie deutlich von anderen Personen in der Szene unterschieden.
Also war von Anfang an klar, dass es um die Merfolk-Community gehen würde?
Es gab zunächst die grundsätzliche Idee, die Figur der Meerjungfrau neu zu denken – jenseits klassischer Erzählungen wie bei Disney oder Hans Christian Andersen. Uns ging es nicht um die Suche nach romantischer Liebe, sondern um existenzielle Fragen: Wie können wir als Menschen auf diesem Planeten überleben? Welche neuen Verbindungen zwischen Mensch, Natur und Technologie sind denkbar? Die Figur sollte neue Formen von Existenz vorschlagen.
War auch die hybride Form des Films von Anfang an geplant?
Ja, absolut. Wir arbeiten immer an der Grenze zwischen Fiktion und Dokumentarischem. Die Meerjungfrau als hybrides Wesen spiegelt sich in der Form des Films wider. Es war uns wichtig, dass man nie ganz sicher ist, was dokumentarisch ist und was Fiktion. Unas Leben, Fiktionen, Träume, emotionale Zustände und politische Geschehnisse sollten im Film nebeneinander stehen dürfen – diese Parallelitäten von Erleben und unterschiedlichen Wahrheiten wollten wir erforschen.
Ihr arbeitet schon lange als Regieduo zusammen. Wie funktioniert eure Zusammenarbeit?
Lina und ich kennen uns seit unserer frühsten Kindheit. Wir treffen normalerweise alle Entscheidungen gemeinsam und haben über die Jahre eine sehr intuitive gemeinsame Arbeitsweise entwickelt – manchmal müssen wir gar nicht mehr viel miteinander sprechen. Beim Langfilm war das aber trotzdem eine Herausforderung, allein wegen der Länge und Komplexität. Besonders im Schnitt mussten wir unsere Perspektiven immer wieder neu synchronisieren. Insgesamt hat unsere Unterschiedlichkeit dem Film aber sehr gut getan und ihn ergänzt.
Una hätte man leicht exotisieren können. Wie seid ihr das umgangen?
Gerade dieses Spannungsfeld hat uns interessiert. Una ist Gefängnispsychologin, Aktivistin und gleichzeitig Meerjungfrau – diese Kombination wirkt für viele erstmal irritierend. Aber wir wollten gar nicht beurteilen, was „wahr“ oder „falsch“ ist. Uns ging es um i-ihren radikal anderen Blick auf die Welt. Wir können nämlich von queeren Perspektiven und Subkulturen sehr viel lernen, gerade auch als Mehrheitsgesellschaft.
Auch die Beziehung zwischen Una und ihrem Kind Moth spielt eine wichtige Rolle.
Ja, Una hat erzählt, dass sie durch ihr Kind wieder gelernt hat zu spielen und sich dem Fantastischen zu öffnen – das war für sie als Person, die Trauma überlebt hat, ein entscheidender Moment. Während der Dreharbeiten begann außerdem die Transition ihres Kindes, das sich als non-binär identifiziert. Gemeinsam haben wir die Idee entwickelt, dass sich beide sich als Mutter und Kind noch einmal ganz neu begegnen. Das war ein sehr berührender Prozess.
Wie wurde der Film in der Merfolk-Community aufgenommen?
Grundsätzlich sehr positiv, obwohl die Community selbst extrem divers ist. Insgesamt war die Resonanz auf den Film euphorisch. Viele Menschen haben uns geschrieben, dass sie sich durch den Film sehr gesehen und berührt fühlen. Auch Una selbst sagte, dass die fiktiven Elemente eine innere Wahrheit von ihr widerspiegeln. Das war für uns das größte Kompliment.
Wann genau habt ihr den Film eigentlich gedreht?
Das war ein längerer Prozess. Die Recherche begann 2018, dann kam die Pandemie dazwischen. Gedreht haben wir letztlich über mehrere Jahre hinweg, etwa von 2018 bis 2024. Wir waren regelmäßig mehrere Monate in Portland und haben dort auch zeitweise gelebt.
Welche Rolle spielte gerade zu dieser Zeit das politische Klima in den USA?
Eine sehr große. Die Pandemie, politische Umbrüche und die Bedrohung von Minderheitenrechten haben den Film stark geprägt. Gleichzeitig war es so beeindruckend zu sehen, wie resilient und solidarisch die Community vor Ort ist im Widerstand gegen ein extrem unterdrückerisches politisches System in den USA. Diese Kraft und Vision hat uns sehr inspiriert und wir hoffen, dass der Sirens Call auch bei den Kinobesuchern noch lange nachhallt.
Der Film hat auch eine ökologische Dimension. War das von vorneherein geplant?
Ja, definitiv. Die Figur der Meerjungfrau ist heute zwangsläufig mit Fragen des ökologischen Überlebens verbunden. Themen wie Klimawandel und Umweltzerstörung sind auch im Aktivismus der Community sehr präsent. Uns war aber wichtig, neben der Krise auch zu zeigen, was bleibt: Gemeinschaft, Solidarität und die Fähigkeit, sich gemeinsam neue Räume zu erschaffen und zu imaginieren.
Sirens Call lief auf vielen unterschiedlichen Festivals. Wie unterscheidet sich die Rezeption auf verschiedenen Festivals?
Interessanterweise kaum. Der Film lässt sich aus sehr vielen Perspektiven lesen – ökologisch, politisch, emotional oder auch aus queerer Sicht. Diese Offenheit spiegelt sich auch in der Rezeption wider. Die Rückmeldungen sind über verschiedene Festival-Kontexte hinweg erstaunlich positiv und ermutigend.
Letzte Frage: Arbeitet ihr schon an neuen Projekten?
Ja, wir entwickeln parallel mehrere Projekte, sowohl Kurz- als auch Langfilme. Uns interessiert weiterhin die Verbindung von dokumentarischen und fantastischen Elementen sowie spekulative Zukunftsentwürfe im Umgang mit den Krisen unserer Zeit. Welches Projekt als nächstes realisiert wird, lässt sich aber wie das Leben selbst nie genau vorhersagen.
Miri Ian Gossing, vielen Dank für das Gespräch.
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