© Annette Hauschild

Ulrich Köhler [Interview]

Gavagai nimmt uns mit zu einem Filmdreh im Senegal, wo die französische Regisseurin Caroline Lescot (Nathalie Richard) an der Neuinterpretation der griechischen Tragödie „Medea“ arbeitet. Dabei gestalten sich die Dreharbeiten etwas schwierig, da nicht alles so klappt wie erhofft. Dass die deutsche Hauptdarstellerin Maja Tervooren (Maren Eggert) und ihr senegalesisch-stämmige, jetzt in Frankreich lebende Kollege Nourou Cissokho (Jean-Christophe Folly) eine Affäre starten, macht die Sache nicht einfach. Doch richtig kompliziert wird es, als der Film in Deutschland seine Premiere feieren soll und es zu einem Eklat kommt. Wir haben uns zum Kinostart am 30. April 2026 mit Regisseur und Drehbuchautor Ulrich Köhler unterhalten. Im Interview spricht er über die Inspiration der Geschichte, seine Aufgabe als Filmemacher und alltäglichen Rassismus.

In Ihrem Film Gavagai sprechen Sie die unterschiedlichsten Themen an. Wie hat das alles angefangen? Welche Idee stand am Anfang?

Die Entstehungsgeschichte ist für mich selbst ein bisschen verwirrend, weil ich dazwischen zwei Filme gedreht habe. Ausgangspunkt waren die Dreharbeiten zu meinem Film Schlafkrankheit im Jahr 2010 und die Premiere bei der Berlinale, bei der es wirklich diesen Vorfall gab, der in Gavagai geschildert wird. Jean-Christophe Folly sollte ohne Ausweis nicht ins Hotel gelassen werden. Tatsächlich angefangen mit dem Film habe ich 2020, so einen Monat, bevor Corona ausgebrochen ist. Ich habe mich mit Jean-Christophe getroffen, um über das Projekt zu sprechen, erst dann konnte ich anfangen zu schreiben. Für mich war klar, dass ich den Film nur mit ihm drehen würde.

Und wie war es für ihn, wieder zu dieser Erfahrung zurückzukehren?

Da müssen Sie ihn fragen, aber sein Spiel in der Hotelszene spricht für sich, finde ich. Er hatte große Lust auf das Projekt, ihm war aber eine gewisse Distanz zur eigenen Biografie wichtig.  Nourou sollte trotz der Anknüpfungspunkte eine Figur bleiben, damit er das überhaupt spielen konnte. Beispielsweise hatte ich anfangs darüber nachgedacht, die Geschichte in Togo spielen zu lassen, dem Land seines Vaters. Er fand es aber besser, wenn sie in einem Land spielt, das er nicht kennt.

Sie verknüpfen die Geschichte des Schauspielers Nourou mit einem Film im Film, der eine Neuinterpretation der Medea-Sage ist. Warum ausgerechnet Medea?

Zunächst ist das ein Stoff, der mich schon immer interessiert hat, dessen Lesart bei anderen ich aber nicht geteilt habe. Für mich erzählt Medea davon, wie Ausgrenzung Menschen in den Terror treiben kann. Oder anders: Medea ist das Drama einer Frau, die sich der Opferrolle verweigert. Und nicht eine Erzählung davon, dass Frauen emotional und irrational sind und Männer pragmatisch und opportunistisch.

Ein zentrales Thema in Ihrem Film ist der Rassismus, wie dieser aussehen kann, aber auch wie dieser thematisiert wird. Ganz plump gefragt: Darf man als Weißer über einen Rassismus sprechen, der einen selbst nicht betrifft?

Da ich den Film gemacht habe, muss ich die Frage wohl bejahen – ich würde umgekehrt  sagen, Rassismus ist vor allem ein „weißes“ Problem. Aber für mich ist das nicht das einzige Thema des Films. Mich interessiert, wie sich Machtverhältnisse verschieben und was passiert, wenn wir unsere Privilegien verlieren. Außerdem habe ich einen persönlichen Bezug zu dem, was ich erzähle. Aber natürlich kann ich mich nur bedingt in die Perspektive eines Afroeuropäers und Afroamerikaners hineinversetzen. Es wäre vermessen, das zu behaupten. Deswegen war es für mich auch so wichtig, mit Jean-Christophe über den Film zu sprechen. Gavagai soll eine Diskussionsgrundlage sein, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Letztendlich ist es so, dass wir alle irgendwo Vorurteile mit uns herumtragen. Das ist wahrscheinlich unvermeidlich: Um sich in einer komplexen Welt zu orientieren, müssen wir sie vereinfachen. Vorurteile können Entscheidungshilfen sein und einen praktischen Nutzen haben. Wenn wir einen Feldweg überqueren, denken wir nicht darüber nach, bei einer vierspurigen Straße sind wir sehr viel vorsichtiger.

Wenn Vorurteile etwas Natürliches sind: Ab wann werden sie zu einem Problem?

Wenn ich aufhöre Menschen als Individuen zu sehen und sie aufgrund äußerer Merkmale in Kategorien einordne. Im Vorfeld habe ich viele Bücher zu dem Thema gelesen. Besonders beeindruckt hat mich „Kaste. Die Ursprünge unseres Unbehagens.“ von Isabel Wilkerson. Darin beschreibt wie der strukturellen Rassismus in den USA die weiße Unterschicht befrieden soll, indem er eine „Kaste“ schafft, die tiefer steht in der Hierarchie. Wilkerson schreibt für die New York Times, verdient gutes Geld und trägt teure Kleidung. Und dennoch kommt es vor, dass sie im Hotel als Bedienstete angesprochen wird oder dass sie bei Interviews gefragt wird, wann denn der Journalist kommt. Ich glaube, mit das Schlimmste an Vorurteilen ist, dass sie Menschen eine Identität aufzwingen und ihnen die Möglichkeit rauben, selbst zu entscheiden, wer sie sind oder sein wollen.

Können Filme dabei helfen, in dieser Hinsicht zu sensibilisieren?

Ich bin grundsätzlich nicht optimistisch, wenn es darum geht, mit künstlerischer Arbeit konkrete politische Veränderungen zu bewirken. Filmemachen ist für mich keine politische Arbeit im engeren Sinn. Wenn ich etwas gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft tun möchte oder gegen die Rückschritte bei den Frauenrechten, dann sind Filme sicherlich nicht das effizienteste Mittel. Aber ich hoffe schon, dass meine Filme einen neuen Blick auf die Welt möglich machen.

Ganz allgemein, was möchten Sie mit Ihren Filmen erreichen?

Für mich waren Filme, aber auch Literatur und Musik, wichtig, um meine Sicht auf die Welt zu verändern und meinen Horizont zu erweitern. Kunstwerke verbinden uns mit vergangenen Epochen, sie gehören zu dem Wenigen, was bleibt. Nicht alles muss eine erkennbare Funktion haben, es muss in der Gesellschaft einen Ort geben, der sich einer kapitalistischen Verwertungslogik entzieht. Kunst ermöglicht uns, über uns selbst nachzudenken. Ob das für meine Filme gilt, können nur andere beurteilen.

Filme haben, manche zumindest, den Anspruch, ein Spiegel der Welt zu sein. Können sie das überhaupt sein oder sind sie immer ein Spiegel desjenigen, der sie macht?

Das ist eine gute Frage. Sie sind auf jeden Fall immer auch ein Spiegel desjenigen, der sie macht. Das ist unvermeidbar, ich kann mein Hirn und mein Bewusstsein nicht verlassen. Das kann niemand, auch kein Beamter im Einwohnermeldeamt. Aber die Hoffnung ist, dass ich als Filmemacher nicht nur narzisstisch auf mich selbst schaue, sondern auch ein wenig von der Außenwelt mitbekomme. Die Frage ist natürlich besonders tricky, wenn Sie das auf einen selbstreferenziellen Film über das Filmemachen beziehen. Aber ich würde entgegen, dass sich im Filmemachen ganz viele Widersprüche abbilden, die sich auch in anderen Lebenswelten zeigen. Wir werfen Anderen Verfehlungen vor auf Grund von ethischen Grundsätzen, denen wir selbst im Alltag nicht gerecht werden.

Bei einem solchen selbstreferenziellen Film haben Sie sich sicher auch mit sich selbst als Filmemacher auseinandergesetzt. Was haben Sie über sich gelernt?

Auch da bin ich nicht so optimistisch, was die Veränderbarkeit von Menschen angeht. Aber sagen wir mal so: Der Dreh im Senegal war eine ganz andere Erfahrung als damals in Kamerun. Eine sehr positive Erfahrung, ein Arbeiten auf Augenhöhe. Senegal ist ein anderes Land mit einer ganz anderen Kultur. Es ist auch eines der wenigen afrikanischen Länder, die es geschafft haben, seit der Unabhängigkeit mehr oder weniger demokratisch zu bleiben. Außerdem haben sie eine andere filmische Tradition und eine Filmindustrie. Ob es auch an mir lag, dass es diesmal so viel besser lief als damals, weiß ich nicht, will es aber hoffen. Ansonsten kann ich jetzt noch nicht sagen, was ich über mich gelernt habe. Da müssen wir, glaube ich, noch ein paar Jahre warten.

Es gibt in dem Film die Szene mit der Pressekonferenz, die nicht so läuft, wie die Regisseurin das erwartet hat. Ich kenne es selbst aus Pressekonferenzen und Roundtables, welche Fragen sich Filmschaffende teilweise gefallen lassen müssen. Was war in der Hinsicht Ihre schlimmste Erfahrung?

Klar fühle ich mich manchmal von der Presse missverstanden. Aber ich glaube, ich kann damit umgehen, wenn ich kritische Fragen beantworten muss. Meistens ärgere ich mich eher über mich selbst, weil ich es nicht aushalte, eine Frage unbeantwortet zu lassen, vor allem dann, wenn ich einfach nicht der richtige Adressat bin. Ich bewundere Kollegeninnen und Kollegen, die das können. So weit bin ich noch nicht.

Ist das etwas, das Sie grundsätzlich mögen, diese nachträgliche Auseinandersetzung mit anderen über Ihre Filme? Manche reden sehr gern über ihre Werke, andere würden sie lieber für sich sprechen lassen.

Ich sehe es einfach als Teil meines Jobs und hatte oft inspirierende Gespräche, könnte mir aber auch gut vorstellen, mal einen Film zu drehen, bei dem ich keine Interviews gebe. Filmemachen ist ein wahnsinnig langwieriger Prozess. Und der fertige Film ist in gewisser Weise gar nicht mehr Teil meiner selbst. Träume, in einer einsamen Berghütte zu sitzen, während sich andere mit dem Film herumschlagen, habe ich also schon. Wobei: Auf die Premiere würde ich nicht verzichten wollen, weil man den Film da ganz anders erlebt. Ich komme eigentlich aus der Bildenden Kunst und dort werden sehr viel weniger Erklärungen erwartet, das Werk soll für sich selbst sprechen. Filmemachen ist aber von Natur aus ein kommunikativer Prozess, allein deshalb, weil so viele Menschen beteiligt sind. Da ist das noch einmal etwas anderes, als wenn ich in meinem Kämmerlein sitze und male. Außerdem sind Filme Erzählungen, vielleicht ist es natürlicher, darüber zu sprechen. Das geschieht auch schon bei der Entstehung des Films, allein schon, damit ich sicher bin, dass andere meinen Film verstehen. Ich brauche den Blick von Außenstehenden, um zu sehen, ob das so funktioniert.

Waren dann Testscreenings für Sie je ein Thema?

Nicht in der Art, wie man sie bei kommerziellen Filmen findet, wo es darum geht, wie ein Film ankommt. Es wäre vielleicht ganz lustig, so etwas mal auszuprobieren. Aber ich glaube nicht, dass ich mich davon sehr beeinflussen lassen würde.

Ihre Filme sind ja auch keine gefälligen Filme, die ein großes Publikum ansprechen sollen.

Es würde mich freuen, wenn meine Filme ein großes Publikum fänden, aber gefällig im Sinn von erwartbarer Handlung oder so, das interessiert mich wirklich nicht. Ich kann nur Filme machen, die ich selbst gerne sehen würde und von denen ich hoffe, dass sie in irgendeiner Weise etwas Neues versuchen.

Und wie geht es jetzt bei Ihnen weiter? Gibt es Projekte, über die Sie sprechen dürfen oder wollen?

Da ist noch nichts spruchreif, ich habe noch nicht mal eine Seite geschrieben. Da wäre es verantwortungslos, jetzt schon darüber zu sprechen.

Vielen Dank für das Interview!



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