
Für Rachel (Virginie Efira) ist es ein großes Glück, als sie Ali (Roschdy Zem) kennenlernt. Es funkt schnell zwischen ihnen, die beiden werden ein Paar. Und auch mit Alis Tochter Leila (Callie Ferreira-Goncalves) versteht sie sich sehr gut. Doch während sie so zusammenwachsen und das gemeinsame Leben zum Alltag wird, weckt dies in der 40-jährigen Lehrerin auch ein anderes Gefühl: Sie hätte gern eigene Kinder. Aber geht das noch? Sollte sie wirklich noch ein Kind bekommen? Die Frage wird zunehmend zu einer Belastung für die Beziehung, zumal da auch noch Leilas leibliche Mutter ist. Und plötzlich muss sich Rachel fragen, ob sie wirklich das Leben führt, das sie haben möchte …
Kompliziertes Familienleben
In ihren Filmen rückt die französische Regisseurin und Autorin Rebecca Zlotowski immer insbesondere Frauenfiguren in den Mittelpunkt. In Ein leichtes Mädchen (2019) erzählte sie von den Erfahrungen einer jungen Frau und einer Jugendlichen, die den Sommer in Südfrankreich verbinden. Dabei ging es auch viel um Geschlechterbilder. Zuletzt handelte Paris Murder Mystery (2025) von einer Psychotherapeutin, die nicht akzeptieren will, dass eine ihrer Patientinnen Suizid begangen haben soll – und das auch noch mit ihren Tabletten. Zwischen diesen beiden Filmen war da noch das Drama Die Kinder der anderen, welches es leider nicht wie die anderen in die deutschen Kinos schaffte. Dabei ist auch dieser Film sehenswert geworden.
Darin greift Zlotowski mehrere Themen auf, die alle miteinander zusammenhängen. Zumindest teilweise spielen sicherlich Geschlechterbilder hinein, wenn die Protagonistin sich mit der Frage auseinandersetzen muss, ob sie noch Kinder bekommt bzw. bekommen will. Kann Rachel trotz allem vollständig sein, selbst wenn sie keine eigenen Kinder hat? Dann wird die Problematik des Kinderkriegens angesprochen, ein Thema, das in den letzten Jahren zahlreiche Filme und Serien für sich entdeckt haben. Und natürlich setzt sich Die Kinder der anderen mit dem Konzept einer Familie auseinander, wenn die Lehrerin die Rolle einer Mutter übernimmt, ohne sie wirklich zu sein. Für Leila ist das auch mit Schwierigkeiten verbunden, wenn sie nicht mit ihren beiden Eltern zusammen sein kann. Denn das versteht sie so nicht.
Mehr Fragen als Antworten
Das Drama, das 2022 im Wettbewerb von Venedig Weltpremiere feierte, spricht manche dieser Themen und Gedanken an, manchmal sogar etwas zu explizit, wenn es auch anders gegangen wäre. In anderen Fällen vertraut sie darauf, dass das Publikum auch so alles nachvollziehen kann. Vorgefertigte Antworten braucht man dabei nicht zu erwarten. Es geht dann doch in Die Kinder der anderen mehr darum, diese Probleme zu veranschaulichen, weniger um konkrete Lösungsansätze. Zu zeigen, wie kompliziert so ein Patchwork-Familienleben sein kann und dass es kein Handbuch gibt, mit dem man das alles richtig machen kann. Es ist ja nicht einmal klar, was richtig in diesem Fall bedeutet und ob es ein richtig gibt und geben kann.
Das mag verkopft klingen. Die Kinder der anderen wird jedoch mitunter emotional, ohne die Geschichte zu sehr ausschlachten zu wollen. Gerade zum Ende hin, wenn die Sehnsucht immer größer wird und Rachel ein bisschen ins Schlingern gerät, sind dazu geeignet, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen ordentlich mitfühlen. Das ist natürlich auch ein Verdienst von Hauptdarstellerin Virginie Efira, die hierfür mit einem Prix Lumières ausgezeichnet wurde. Es gelingt ihr, die Protagonistin zu einer Identifikationsfigur zu machen, die mit der Situation und ihren Gefühlen zu kämpfen hat, ohne sie zu einem Opfer zu degradieren, das bemitleidet werden müsste. Das macht den Film zu einem weiteren starken Werk in der Filmografie der Französin.
OT: „Les Enfants des autres“
IT: „Other People’s Children“
Land: Frankreich
Jahr: 2022
Regie: Rebecca Zlotowski
Drehbuch: Rebecca Zlotowski
Musik: ROB
Kamera: Georges Lechaptois
Besetzung: Virginie Efira, Roschdy Zem, Callie Ferreira-Goncalves, Chiara Mastroianni, Yamée Couture
Venedig 2022
Toronto International Film Festival 2022
Zurich Film Festival 2022
Sundance 2023
Filmfest Hamburg 2023
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