
Irgendwann vor dem 7. Oktober 2023 bestellen thailändische Gastarbeiter die israelischen Avocodoplantagen und Getreidefelder, direkt an der Grenze zu Gaza. Irgendwann nach dem 7. Oktober 2023 bestellen thailändische Gastarbeiter die israelischen Avocadoplantagen und Getreidefelder, direkt an der Grenze zu Gaza. Dazwischen: Der 7. Oktober 2023, der einerseits die meisten jüdischen Opfer an einem Tag seit dem Holocaust forderte, andererseits zum Startschuss zur endgültigen Vernichtungsoffensive gegenüber den Palästinenser*innen seitens der rechtsextremen Regierung Netanjahus werden sollte – und weiter dazwischen: die thailändischen Gastarbeiter, die israelische Avocadoplantagen und Getreidefelder bestellen, direkt an der Grenze zu Gaza.
Eine falsche Schlange
Eine dystopische Roboterschlange spricht den Feldarbeitern Mut und Sicherheit zu; so finde sie Hamas-Tunnel, und in der Zwischenzeit können die hauptsächlich aus Thailand kommenden Männer in Ruhe weiterarbeiten. Allerdings zu einem ausbeuterischen Hungerlohn, zu unmenschlichen Zeiten, in einer Distanz, die sie zwölf Flugstunden von ihren Familien trennt – dieselbe Zeit, die er mit dem Auto von ihrem Heimatort nach Bangkok bräuchte, sagt ein Arbeiter. Yo, Tom, Yan, Piak und Lee sind nur wenige der Namen derer, die ein Angebot Israels annehmen, an diesem prekären Grenzgebiet für eben diese koloniale Herrschaft zu arbeiten, um mithilfe dieses Geldes ihre Familien in weiter Ferne zu ernähren. Durch beschwichtigende Propaganda werden Thai-Männer angeheuert, an einer der gefährlichsten Grenzen der Welt quasi schutzlos Felder abzuackern, bis schließlich der 7. Oktober 2023 passiert, der auch auf deren Seite Opfer fordert.
Sich der gefährlichen Lage bewusst, praktiziert und provoziert das Land Israel im „Gaza Envelope“, einem Streifen vor dem Gazastreifen, mit militärisch-agrikulturellen Siedlungen und Ansprüchen eine koloniale Landnahme, die sowohl strategisch als auch kontrollierend wirkt. Angefangen vor den noch stehenden Wohnhäusern in Gaza und einem Grenzzaun, bis hin zum Ende, als hinter dem Grenzzaun nur noch Schutt und Asche liegt, zeigt The Snake Charmer des Regisseurs Jonathan Om ohne zusätzliche Kommentare die geballte Hilflosigkeit, die sowohl vor als auch hinter dem Zaun liegt. Israel als einer der Big Player in der Weltpolitik ist hier Geschädigter und Täter in einem, hält jedoch mit dem Wissen, dass thailändische Farmer selbst getötet werden, aufgrund einer fahrlässigen Politik, die in einer genozidalen mündet, die Gastarbeiter als Spielball in der Hand, die Puffer und Werkzeuge in einem sind.
Viele Aussagen ohne viele Worte
So wie Deutschland von seinen vornehmlich rumänischen Spargelstechern abhängig ist, sucht Israel verzweifelt im Ausland nach zu ausbeutender Arbeitskraft, die schließlich in Thailand gefunden wird und ungeachtet der terroristischen Bedrohung von außen sowie des militärischen Drucks im Inneren an eben jene Grenze zu Gaza rekrutiert wird. In kreativen Einstellungen, surrealen Schlangenszenen und bis auf die Knochen ehrlichen Statements der Gastarbeiter bietet Jonathan Om einen Querschnitt durch das Wirken Israels als imperiale Macht in der westasiatischen Region, ohne jemals predigend oder agitatorisch zu werden – um zu sehen, welche Fehler der Staat Israel unter seiner jetzigen Regierung macht, reichen die Bilder der üppigen Felder mit palästinensischen Ruinen im Hintergrund, reichen die Aussagen der Arbeiter, die zwar die Hamas-Gewalt am eigenen Leib zu spüren bekommen, aber eben auch die Vernachlässigung seitens ihrer Arbeitgeber, sie überhaupt beschützen zu wollen.
The Snake Charmer überrascht mit einem weltweit kaum bekannten Thema, mit ästhetischen Bildern, die Ungerechtigkeiten unterwandern, und bloßen Dokumentationen, die genozidale und ausbeuterische Praktiken einer Regierung feststellen, die vielerorts als „einzige Demokratie im Nahen Osten“ angesehen wird. Auch mythologische Erzählungen wie die des Schlangengottes Naga, der am Ufer des Mekongs zwischen Thailand und Laos die Schwelle zwischen den Lebenden und den Toten bewacht, finden hier eine Heimat, denn schließlich arbeiten die Thai-Männer an der Schwelle von Leben und Tod; in genau der Zone, in der entschieden wird, ob ein Leben lebenswert ist, in der Zone, in der Realität und Dystopie eins werden.
OT: „The Snake Charmer“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Jonathan Om
Musik: Jonathan Om
Kamera: Ori Ben Ari, Jonathan Om
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