Die Düsteren spielt auf einer idyllischen Nordseeinsel, die zum Schauplatz seltsamer Vorkommnisse wird. Denn der Campingbesitzer Ben Sandmann (Max Riemelt) muss eines Tages feststellen, dass er einem Mann gegenübersteht, der genauso aussieht wie er. Tatsächlich ist es derselbe Mann – und gleichzeitig wieder nicht. Vielmehr handelt es sich um eine alternative Version seiner selbst. Denn während die eine in der Vergangenheit die eigene Frau und deren Liebhaber tötete und dafür ins Gefängnis kam, suchte die andere Hilfe in einer Therapie und führt nun ein glückliches Leben. Und Sandmann ist nicht der einzige Fall, da sind noch weitere Doppelgänger aus dem Nichts aufgetaucht. Anlässlich des TV-Starts der Mysteryserie auf ZDFneo am 21. Oktober 2026 um 21.45 Uhr hatten wir die Gelegenheit, uns mit Riemelt zu unterhalten. Im Interview spricht er über die Arbeit an seiner Doppelrolle, eine notwendige Innerlichkeit und wie Entscheidungen uns zu dem machen, der wir sind.
Warum hast du Die Düsteren gedreht? Was hat dich an der Serie gereizt?
Ich fand die Idee spannend, diese fast schon philosophische Frage: Was würde ich machen, wenn ich die Chance hätte, mein altes Leben wieder zu haben? Meine Figur hat im Affekt ihre Frau und deren Liebhaber getötet und kommt in eine andere Dimension, in der das nicht passiert ist. Ich fand es reizvoll, quasi mit mir selbst zu spielen und einen solchen Extremcharakter zu spielen, bei dem du in mehrere Richtungen gehen kannst. Und dieses Philosophische mag ich schon sehr, wenn man selbst Fragen stellen darf und nicht moralisch zurechtgewiesen wird, was man zu denken hat. Das war für mich ein spannendes Gesamtpaket.
Du hast deine Figur als Extremcharakter beschrieben. Wie hast du dich darauf vorbereitet?
Ich habe keine konkreten Vorbereitungspläne für die Figuren, sondern arbeite eher intuitiv und taste mich langsam an sie heran. Dabei tausche ich mich auch ständig aus und bringe eigene Ideen ein, mit der Regie vor allem, aber auch mit den anderen aus dem Ensemble. Das geschieht dann meist eher vor Ort. Ich habe einfach gemerkt, dass du vieles von dem, was du dir vorher überlegst, gar nicht so umsetzen kannst. Du musst dann improvisieren. Da kommt es mir entgegen, dass ich ein Mensch bin, der gerne mit seiner Fantasie arbeitet und einfach mal etwas ausprobiert. Lea Becker, die Regisseurin der Serie, war dafür auch sehr offen. Das hat alles gut funktioniert beim Austausch.
Du spielst in der Serie eine Art Doppelrolle, wenn du zwei Versionen einer Figur spielst, die prinzipiell identisch sind und dann doch wieder nicht. Wie schwierig war es für dich, Unterschiede herauszuarbeiten und trotzdem das Gefühl zu erzeugen, dass das ein und derselbe Mensch ist?
Wir haben erst einmal ganz allgemein über das Konzept nachgedacht. Lea war es wichtig, dass wir nicht einfach von Zombies erzählen, die seelenlos sind, sondern von echten Menschen, die seelisch belastet sind und sich nach ihrem alten Leben sehnen. Sie sind vielleicht härter im Umgang, weil sie so viel durchmachen mussten. Meine Figur war im Knast und musste durch eine harte Welt, was sie aber vielleicht auch etwas resilienter gemacht hat. Er ist auch ziemlich emotional, weniger der rational-ausgeglichene Typ. Er ist in einem Überlebensmodus, während die andere Version in Therapie war und dadurch reflektierter auftritt.
Denkst du, dass sich ein Mensch durch eine Therapie oder auch auf anderem Weg sich so sehr wandeln kann, dass sie fast ein anderer Mensch ist? Denn die beiden Versionen verhalten sich schon sehr unterschiedlich in manchen Situationen.
Ich glaube, wir haben das Potenzial in beide Richtungen, je nachdem, wie sehr wir uns auch bewusst sind, nach welchen Mustern wir verfahren, welche Eigenschaften wir haben und in welcher Situation wir sind. Je größer dieses Bewusstsein ist, umso größer ist die Chance, dass wir uns verändern. Das ist aber ein längerer Prozess und geht bestimmt auch nur mit Menschen, die einem dabei helfen, alles zu reflektieren und dann umzusetzen. Ich glaube wirklich daran, dass wir alles sein können, je nachdem, in welches Umfeld wir reingeboren werden und wie wir sozialisiert werden.
Eine Idee der Serie ist, dass wir das Ergebnis unserer Entscheidungen sind. Dass uns am Ende also die Entscheidungen, die wir treffen, zu dem machen, der wir sind. Würdest du dem zustimmen?
Der ist unter anderem richtig. Aber es ist noch komplexer. Wir sind auch die Summe unserer Erinnerungen. Wir sind die Summe der Menschen, die wir um uns herum haben. Die Summe von ganz vielem also. Ich sehe das immer wie einen innerlichen Garten, den man pflegen muss. Je nachdem, wie gut wir diesen pflegen, haben wir einen Garten, in dem wir uns wohlfühlen.
Gab es auch bei dir solche Entscheidungen, von denen du im Nachhinein sagen würdest, dass du ohne sie ein anderer Mensch wärst?
Ja, klar. Wenn man Vater wird und eine Verantwortung übernimmt, die über dein eigenes Leben hinausgeht, dann verändert dich das. Du musst dann Kompromisse eingehen. Ich wollte nie Teil einer kapitalistischen Gesellschaft sein. Mir ist es wichtiger, einen gewissen Rahmen zu haben, in dem ich mich wohlfühle. Ich schaffe mir dann lieber meine eigene Kategorie, das war mir schon immer wichtig. Dazu gehört auch, dass du an etwas glaubst, da es besser ist, wenn du im Leben etwas hast, woran du glaubst, anstatt als Pessimist durchs Leben zu gehen. Das sind alles Entscheidungen, die mich prägen. Zu diesen Entscheidungen gehören aber auch solche, die du gar nicht allein triffst, sondern die für dich getroffen werden. Und es liegt dann an dir, wie du damit umgehst.
Wir merken dabei oft nicht im Moment der Entscheidung, wie wichtig diese ist. Das sehen wir erst im Nachhinein, wenn wir darüber nachdenken, so wie es auch die Figuren in der Serie tun. Bist du selbst jemand, der viel über die Vergangenheit nachdenkt?
Ich versuche sogar immer wieder, mir ganz bewusst die Zeit dafür zu nehmen. Denn wir es nicht reflektieren, können wir es auch nicht richtig abspeichern und uns später nicht richtig daran erinnern. Wie eben gesagt: Wir sind auch die Summer unserer Erinnerungen. Deswegen ist dieser Prozess so wichtig, darüber nachzudenken, was du getan hast und was das bedeutet. Dabei hat bestimmt jeder seine eigenen Rituale, wir das aussehen kann. Und ich denke, dass das ein Problem unserer Zeit ist, dass diese Prozesse ständig unterbrochen werden durch Ablenkungen von außen. Dadurch kann es glaube ich bei manchen zu großen Identitätsstörungen kommen, weil sie ständig nach etwas suchen, was sie eigentlich nur in sich selbst finden können. Durch diese Prozesse wissen wir, wer wir sind. Deswegen versuche ich, bei mir zu bleiben. Das ist auch ein Grund, warum ich beispielsweise so wenig über mein Privatleben poste. Das ist mir zu heilig. Manches ist vielleicht auch zu abstrakt, um sie mit der Außenwelt zu teilen.
Aber ist es nicht schwierig, sich diese Innerlichkeit zu bewahren, wenn man berufsbedingt ständig jemand anderes sein muss?
Ich bin es ja nicht ständig. Es kann auch eine Befreiung sein, zumal wir ja nicht nur eine Person sind. Wir tragen immer mehrere Persönlichkeiten in uns. Wenn wir Menschen begegnen, rufen die sehr unterschiedliche Gefühle in uns hervor. Wir verhalten uns dann auch anders. Ich sehe Menschen manchmal wie chemische Elemente. Sie können sich anziehen oder auch abstoßen. Und das unterliegt dann auch nicht der Rationalität. Dadurch habe ich akzeptiert, dass da mehrere Seiten in mir sind. Die können auch durch die Arbeit ausgelöst werden, wenn ich mich bewusst entscheide, etwas anderes auszuprobieren, um dann wieder zu mir zurückzukommen und die Seite auszuleben, die meine Freunde und meine Familie in mir auslösen.
Ist diese Innerlichkeit etwas, wofür du allein sein musst? Oder braucht es auch andere Menschen?
Sowohl als auch. Deswegen geht man auch zur Therapie. Dabei geht es nicht nur darum, etwas loszuwerden, das dich belastet, sondern auch, Techniken zu lernen, damit du das allein für dich meistern kannst. Genauso ist es wichtig zu lernen, wie du mit anderen kommunizierst und wie du diese Gedanken mit anderen teilst. Denn manchmal brauchst du die Bestätigung von außen und diese Reflektion, damit ich wirklich existiere. Der Mensch ist das einzige Tier, das seine Gefühle unterdrückt. Ich finde, dass wir unsere Rationalität und unsere Ideologien manchmal zu wichtig nehmen.
Und wie sieht es mit der Innerlichkeit von anderen aus? Wie schaffe ich es, ihnen diese zu lassen?
Das ist eine Sache der Zeit würde ich sagen. Eine Begegnung reicht dafür nicht aus. Das geht erst, wenn man einander eine längere Zeit beobachtet und zuhört. Wir sind widersprüchliche Wesen, weil wir das eine denken und das andere fühlen. Das ist ein Prozess. Und dieser kann nur funktionieren, wenn man ehrlich ist und offen ist, also kein konkretes Ziel hat.
In der Serie ist es so, dass eine Version der Figuren oft die bösere Variante ist. Denkst du, dass wir alle dieses Böse in uns tragen?
Ich habe ein Problem mit dem Wort „böse“, genauso mit dem Wort „richtig“ oder „falsch“. Aber wir haben alle sicherlich das Potenzial, in die eine oder andere Richtung zu gehen. Das hätte bei mir auch alles ganz anders laufen können. Aber ich hatte das Glück, diese Passion Film für mich zu entdecken. Ich habe einen Beruf, der mich ausfüllt, der mir Bestätigung gibt – auch durch die Menschen. Das kann sich alles auch immer ändern, du bist nie im Leben so arriviert, dass etwas konstant bleiben muss. Du bist nie davor gefeit, dass sich das wieder anders entwickelt. Du musst da wachsam bleiben.
Und denkst du manchmal darüber nach, wer du geworden wärst, wenn du kein Schauspieler geworden wärst?
Das ist eine schwierige Frage. Ich hatte schon immer Menschen um mich herum, die mir wohlgesonnen waren, was ein großes Glück ist. Die mir auch ehrlich sagen, wenn sie etwas nicht gut finden. Insofern hätte ich sicherlich auch etwas anderes gefunden. Aber das schnelle Geld kann schon verführerisch sein in dieser kapitalistischen Welt, gerade wenn man wir ich aus einer Familie kommt, wo es nie viel Geld gab. Keine Ahnung, ob ich dann Drogendealer geworden wäre oder in die Werbung gegangen wäre. Koch hat mich einmal interessiert. Ich fand auch die Idee spannend zu studieren. Philosophie und Psychologie interessieren mich wahnsinnig. Aber ich war nie gut genug in der Schule und nicht oft genug in der Schule, um die Noten zu haben, die ich dafür gebraucht hätte.
Aber über das Leben nachdenken kann man immer, unabhängig vom Beruf.
Das meine ich auch. Wenn du dir ein Bewusstsein erarbeiten willst, gibt es heute genug Informationen, die alle verfügbar sind. Das ist das Paradoxe: Je mehr Informationen es gibt, umso dümmer scheinen die Leute zu werden. Denn eigentlich könntest du dich immer weiter aktiv weiterbilden.
Vielleicht haben wir auch einfach schon zu viele Optionen.
Genau, die Leute sind überwältigt. Das ist in der Psychologie so, dass es heißt, dass zu wenige Optionen problematisch sind, zu viele aber auch problematisch sein können, weil man dann gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Deswegen ist die AfD gerade auch so stark, weil sie einfache Antworten hat auf komplexe Fragen. Die nutzen die Ängste der Menschen gezielt aus.
In der Serie ist es auch so, dass die Figuren Angst haben, als sie ihren Doppelgängern begegnen. Woher kommt diese?
Mich würde es auch schocken, wenn jemand haargenau so aussieht wie ich. Vor allem, wenn dieser jemand auch noch die Energie aufbringt, mich loswerden zu wollen. Aber in dem Fall war es auch einfach so, dass die Serie in sich geschlossen sein sollte und eine Dramaturgie brauchte. Man hätte das alles natürlich noch komplexer erzählen können. Man hätte auch den Guten noch länger zeigen können, da wäre für mich besser gewesen. Aber wir hatten nur sechs Folgen.
Ich habe mich nur gefragt, ob ich in dem Moment Angst hätte oder neugierig wäre.
Es verunsichert einen auf jeden Fall und du fragst, ob das ein Scherz ist. Vielleicht würde ich auch lachen. Aber die Verunsicherung ist schon größer. Wenn du etwas nicht verstehst, kann dich das schon sehr verunsichern. Deswegen haben wir auch Religionen, die für uns das Chaos des Universums vereinfachen. Ich glaube, der Mensch hat schon grundsätzlich Angst vor solchen starken Veränderungen. Vor Dingen, die jenseits von dem sind, was er bisher gelernt hat. Als Kind bist du bestimmt noch ein bisschen neugieriger. Aber wenn du einmal entschieden hast, wie die Welt funktioniert, dann wird es schwierig, wenn etwas passiert, das alles durcheinanderbringt. Ich glaube, wenn ein Alien auf die Erde kommen würde, würde das die Menschen auch mehr verängstigen als neugierig zu machen. Denn das würde auch uns selbst in Frage stellen und unser Selbstverständnis.
Wenn du tatsächlich deinem Doppelgänger begegnen würdest, was würdest du zu ihm sagen?
Ich würde ihn glaube ich schon ausfragen. Denn nur dann kannst du verstehen, was das für ein Phänomen ist. Klar wäre ich misstrauisch und würde ihn wohl auf Abstand halten. Ich habe schon als Kind an die Matrix-Theorie gedacht: Was, wenn das alles nur ein Experiment ist? Das sind Themen, die mich beschäftigt haben oder immer noch beschäftigen.
Die Düsteren ist eine Serie, die einen über all diese Themen nachdenken lässt. Was hast du für dich selbst aus dieser Serie für dich mitgenommen?
Dass es sich lohnt, auch mal etwas Neues auszuprobieren. Ich habe keine Lust darauf, immer wieder die Kopie einer Kopie zu sehen. Ich mag es lieber, immer wieder neue Gedanken zu kreieren. Für mich bedeutet Kunst, mehr Fragen zu stellen als zu beantworten.
Wobei es in Deutschland nicht einfach sein dürfte, damit ein Publikum zu finden. Warum haben deutsche Genreproduktionen bei uns so einen schweren Stand?
Da beißt sich ein wenig die Schlange in den Schwanz. Das fängt schon an mit der Mentalität: Deutschland ist das Land der Versicherungen, wo wenig Risiko eingegangen wird. Da bleibt nur wenig Raum für Kreativität. Es wird dem Publikum auch wenig zugetraut und man wiederholt lieber das, was es vorher schon gab. Dadurch wird das Publikum erzogen, dass es überfordert ist. Wenn du erst einmal mehrere Generationen hattest, die gar nichts anderes kennen, wird es schwer, ein Publikum zu finden, das Spaß daran hat, gefordert zu werden und vielleicht einmal Antwort selbst suchen zu müssen. Und das sind Phänomene, die beim Geschichtenerzählen eigentlich ganz wichtig sind.
Aber besteht nicht auch beim Schauspiel die Gefahr, dass man sich zu sehr auf dem Bekannten ausruht, gerade wenn man das schon so lange macht wie du?
Auf jeden Fall, ja. Das Schauspielen kann mechanisch werden, wenn man sich dauernd wiederholt. Deswegen suche ich immer neue Sachen und neue Menschen, mit denen ich arbeite. Neue Herausforderungen.
Und wonach suchst du dabei? Welche Art Rollen?
Ich bin nicht der große Techniker, bin also zum Beispiel nicht gut darin, andere zu imitieren. Meine Stärke sehe ich eher darin, eine Figur mit Leben zu füllen und emotionale Brücken zu bauen, damit sich das Publikum vielleicht auch in der Figur findet.
Das bedeutet, dass du auch selbst einen emotionalen Zugang zu der Figur brauchst?
Genau. Denn darin siehe ich auch eine Stärke des Mediums Film: Du kannst die Welt aus einer anderen Perspektive sehen.
Letzte Frage: Welche Projekte stehen als nächstes bei dir an?
In Hof feiert der Film Holidays von Sven Gielnik Premiere, wo ich einen alkoholkranken Vater spiele. Dann habe ich im Frühjahr einen Film gedreht über den Fall Mykonos. Da ging es um einen Anschlag auf ein griechisches Restaurant in Berlin kurz nach der Wende, bei dem iranische Oppositionelle getötet wurden. Ich spiele darin einen Staatsanwalt. Außerdem habe ich mit Andreas Kleinert Zeit der Wunder gedreht, wo ich einen Naturschützer spiele, den es auch wirklich gibt und der nach der Wende dafür gesorgt hat, dass es Nationalparks gibt, so wie wir sie kennen. Das war auch ein schönes Projekt.
Vielen Dank für das Interview!
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