
Der Holocaust gehört zu den am besten dokumentierten Ereignissen der Geschichte. Eine Vielzahl an Materialien und unterschiedlichen Medien, die wir in Museen sichten können oder die zum Teil für alle Bürger*innen frei zugänglich sind, klärt uns über die systematische Vernichtung der Juden unter der nationalsozialistischen Diktatur auf. Jedoch sind Quellenlage, Museumskultur und Verfügbarkeit nur drei von vielen Aspekten, die das Funktionieren unserer Erinnerungskultur bestimmen. Darüber hinaus spielt auch die Filmkunst eine wichtige Rolle, da sie für viele Menschen ein wichtiger, vielleicht sogar der erste Berührungspunkt mit dem Holocaust ist, von dem aus man sich weiter informiert oder sich weitere Geschichten über diese Zeit erzählen lässt. Der Filmemacher Claude Lanzmann vertrat eine äußerst kritische Haltung gegenüber der fiktionalen Darstellung der Shoah und der Vorstellung, die Vernichtung ließe sich durch inszenierte Bilder angemessen repräsentieren. Doch gerade der Zugang über Spielfilme schafft für viele Menschen die Grundlage für eine Auseinandersetzung und ist ein signifikanter Bestandteil der schon erwähnten Erinnerungskultur. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen selbst gut dokumentierte Fakten anzweifeln, ist die Fiktion vielleicht sogar noch wichtiger geworden.
Betrachtet man die Zahl der Filme, Serien und Dokumentationen, die jedes Jahr über den Holocaust gedreht werden, ist diese nur schwer überschaubar. Vielen Menschen dürfte es eventuell sogar Probleme bereiten, genau zu differenzieren, ob ein Bild, das sie mit diesem Ereignis verbinden, aus einem Film oder aus einer anderen Quelle wie einem Geschichtsbuch oder einem Museum stammt. Regisseur Michal Kosakowski nahm die These Lanzmanns zum Anlass, genauer über unser visuelles Gedächtnis zum Thema Holocaust nachzudenken und sich die Frage zu stellen, was geschieht, wenn die Fiktion zu unserer Erinnerung an diese Ereignisse wird. Aus diesen Überlegungen entstand die Idee zu Holofiction, einem filmischen Essay, der das Ergebnis von Kosakowskis umfangreicher Recherche über die Darstellung des Holocaust im Film darstellt. Über 3000 Filme – von bekannten Werken wie Schindlers Liste oder Das Leben ist schön bis hin zu Iron Sky oder X-Men: Erste Entscheidung – sichtete er für seine Dokumentation, wobei er einzelne Episoden oder Szenen nach ähnlichen visuellen Codes strukturiert. Holofiction ist eine Dokumentation über unterschiedliche visuelle Erinnerungen an den Holocaust, aber zugleich ein Essay über die Frage, wie unser Verständnis geschichtlicher Ereignisse von fiktionalen Erzeugnissen gelenkt wird.
Kino und Geschichte
Holofiction beginnt mit Bilderfolgen, die unweigerlich Hannah Arendts Konzept von der Banalität des Bösen ins Gedächtnis rufen. Wir sehen Einstellungen aus unterschiedlichen Filmen: Jemand legt eine Platte auf einen Plattenspieler, ein Festbankett findet statt, Frauen häkeln, eine Familie versammelt sich zum Abendessen und Menschen essen oder tanzen. Danach wechselt der Ton des Films, und auch die Musik wird eine andere, als wir plötzlich Szenen sehen, in denen Menschen ein Judenstern übergeben wird, Läden mit der Aufschrift „Jude“ gekennzeichnet werden oder ganze Familien in ein Ghetto umziehen müssen. Auch den bürokratischen Apparat dahinter zeigt Kosakowski in einer visuellen Collage aus unterschiedlichen Filmen und Serien. Es ist die Effizienz eines Systems, das nur auf Vernichtung aus ist und dennoch darüber exakt Buch führen will.
Der Zuschauer kennt viele dieser Aufnahmen. Bedenkt man die Auswahl der Filme und Serien, bei denen sich Kosakowski bedient, wundert es auch nicht weiter, wenn man das eine oder andere Bild auch ohne den Untertitel einem Film zuordnen kann. Interessant dabei ist der Kontext, denn sofern man ein Bild einem bestimmten Zusammenhang zuordnet, funktioniert dies natürlich auch bei der nächsten Einstellung, die eventuell aus einem weniger bekannten Film wie beispielsweise Leszek Wosiewiczs Kornblumenblau oder Wanda Jakubowskas Die letzte Etappe stammt. Man kennt den Titel vielleicht nicht, weiß aber, welchen Teil des Holocaust der Filmemacher darstellen möchte. Unabhängig vom Film oder der Serie weiß man automatisch, wenn sich Soldaten einem jüdischen Geschäft nähern, dass es sich wahrscheinlich um eine Darstellung der Reichspogromnacht handeln wird.
Holofiction baut auf dem Prinzip der Filmcollage auf und versucht aufzuzeigen, wie Geschichte und Erinnerung zusammenhängen. Man denkt über die Hollywoodisierung des Holocaust nach, doch genauso über die Bedeutung solcher Bilder, gerade vor dem Hintergrund, dass es wohl bald nicht mehr viele Zeitzeugen geben wird, die vom Holocaust berichten können. Man ertappt sich auch selbst dabei, wie man meint, ein Bild aus dem Geschichtsunterricht oder einem Museum zu kennen. Dabei handelt es sich um eine Einstellung aus Der Hauptmann oder Der Pianist. Kosakowskis Dokumentation zeigt, wie die Beziehung zwischen Erinnerung und Fiktion funktioniert, deutet deren Möglichkeiten und Potenzial an, bleibt aber auch kritisch, wenn es um Fallstricke oder das Verschweigen von Dingen geht, die ein Filmstudio seinen Zuschauern nicht zumuten will.
OT: Holofiction
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2025
Regie: Michal Kosakowski
Kamera: Michal Kosakowski
Musik: Paolo Marzocchi
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