
Als der ecuadorianische Fotograf Misha Vallejo Prut von seinem Onkel zwei alte Kameras und zahlreiche Fotografien seines verstorbenen Großvaters Estuardo erhält, beginnt er sich für einen Mann zu interessieren, den er nie kennengelernt hat. Estuardo war ebenfalls Fotograf, doch von seiner eigenen Familie hinterließ er kaum Bilder. Seine vier Söhne, die er mit Mishas Großmutter Luz hatte, erkannte er niemals an. Warum, darüber wird in der Familie bis heute kaum gesprochen. Misha beginnt nachzuforschen, befragt seine Angehörigen und fotografiert sie mit den Kameras des Großvaters. Dabei stößt er nicht nur auf die Geschichte einer Frau, die ihre Kinder allein großziehen musste, sondern auch auf schmerzhafte Erinnerungen an seine eigene Kindheit. Denn sein Vater Jorge war für ihn ebenfalls lange Zeit nicht da. Aus der Suche nach einem unbekannten Großvater wird zunehmend die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater.
Ein Familienalbum mit großen Lücken
Es ist schon eine merkwürdige Sache: Da hinterlässt ein Fotograf unzählige Bilder, aber ausgerechnet die Menschen, die ihm am nächsten stehen sollten, kommen darauf kaum vor. Misha Vallejo Prut macht aus dieser Leerstelle den Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms Light Memories. Und er belässt es nicht dabei, alte Aufnahmen durchzusehen und die Verwandtschaft nach längst vergangenen Ereignissen auszufragen. Er nimmt die Kameras seines Großvaters selbst in die Hand und holt nach, was dieser versäumt hat. Besonders eindrucksvoll ist eine Art Ausstellung im ehemaligen Haus Estuardos, bei der historische Fotografien und die Bilder der heutigen Familienmitglieder aufeinandertreffen, und die Personen damit konfrontiert werden.
Das sieht nicht nur ausgesprochen schön aus, sondern hat auch etwas zu erzählen. Die Fotografien sind hier keine bloße Illustration des Gesagten, sondern treiben die Geschichte voran. Dazu kommen sorgfältig komponierte Einstellungen, Projektionen und Aufnahmen des Chimborazo, der für die Familie auch wegen ihrer indigenen Herkunft eine besondere Bedeutung besitzt. Die Bilder dürfen dabei durchaus schön sein, selbst wenn sie von einer schmerzhaften Vergangenheit erzählen. Dass Leid dadurch gelegentlich ästhetisiert wird, lässt sich allerdings kaum bestreiten. Der zurückhaltende Einsatz der Musik und die gelungene Montage sorgen aber dafür, dass die Inszenierung nicht ins Überwältigende kippt.
Was Väter ihren Kindern hinterlassen
Wer bei Light Memories an Stories We Tell von Sarah Polley denkt, liegt nicht ganz falsch. Auch dort wird aus unterschiedlichen Erinnerungen mühsam eine Familiengeschichte zusammengesetzt. Doch Vallejos Film nimmt eine unerwartete Wendung. Irgendwann geht es weniger darum, wer Estuardo gewesen ist, als um die Frage, weshalb Mishas eigener Vater dessen Verhalten zumindest teilweise wiederholt hat.
Dieser Perspektivwechsel kommt überraschend, erweist sich rückblickend aber als ausgesprochen schlüssig. Vallejo nähert sich seinem Vater vorsichtig, fast widerwillig. Die Distanz zwischen beiden ist anfangs deutlich zu spüren. Als es schließlich zu einer Aussprache kommt, gibt sich Jorge Mühe, aber befriedigende Antworten findet er kaum. Seine Scham ist ebenso erkennbar wie die Verletzungen seines Sohnes. Der Film macht dabei nicht den Fehler, das Verhalten des Vaters durch dessen eigene Kindheit entschuldigen zu wollen. Die Vergangenheit mag manches erklären, von Verantwortung entbindet sie niemanden.
Überhaupt ist das Schweigen fast ebenso wichtig wie das Gesagte. Die Angehörigen lassen sich nicht alles entlocken, was Misha wissen möchte. Seine Mutter Inna zieht klare Grenzen, und auch seine Großmutter Luz behält vieles für sich. Vallejo respektiert das, lässt aber durchaus erkennen, was er davon hält. Er bekommt eben keine vollständige Familiengeschichte geliefert. Und aus den nach und nach aufgedeckten Geheimnissen erwächst längst nicht immer Verständnis.
Die Frau im Mittelpunkt
Die vielleicht interessanteste Figur ist ohnehin Mamita Luz. Als junge Frau verliebte sie sich in den rund zwanzig Jahre älteren Estuardo, bekam vier Söhne mit ihm und zog diese weitgehend allein groß. Wie sie damit zurechtkam, unmittelbar neben dem Mann zu leben, der seine Kinder nicht anerkennen wollte, bleibt ebenso offen wie manches andere. Die Familie bewundert ihre Lebensleistung. Wirklich nahe kommt man ihr als Zuschauer allerdings nicht.
Hinzu kommt ihr zunehmender Gedächtnisverlust. Hier wird Vallejo bisweilen etwas deutlich. Der Kontrast zwischen der einst so starken Frau und ihrer heutigen Hilflosigkeit wird recht plakativ herausgestellt. Immerhin zeigen die Angehörigen im Umgang mit ihr jene Fürsorge, die in der Familiengeschichte zuvor so häufig fehlte. Man mag dabei gelegentlich an die stillen Begegnungen zwischen Mutter und Kind in Chantal Akermans No Home Movie denken.
Dass hinter dieser Familiengeschichte auch patriarchale Strukturen, Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung stehen, lässt Light Memories immer wieder durchscheinen, ohne daraus eine große Abrechnung zu machen. Schon der spanische Originaltitel Eco de luz ist aussagekräftiger: das Echo des Lichts, zugleich eine Anspielung auf Mamita Luz. Was einmal geschehen ist, wirkt weiter, auch wenn die Erinnerungen daran verblassen.
Eine versöhnliche Lösung hält der Film nicht bereit. Das abschließende Gespräch zwischen Vater und Sohn ist allenfalls ein Anfang. Ob daraus mehr wird, muss sich ohne Kamera zeigen. Dass Vallejo diesen Ausgang offenlässt, gehört zu den Stärken seines sehr persönlichen Films.
OT: „Eco de Luz“
Land: Ecuador, Deutschland
Jahr: 2024
Regie: Misha Vallejo Prut
Drehbuch: Andrés Cornejo Pinto, Mayfe Ortega Haboud, Misha Vallejo Prut
Musik: Christian Mejía García
Kamera: Isadora Romero Paz y Miño, Misha Vallejo Prut
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