Bald zehn Jahre ist es her, dass ein islamistischer Terrorist mit einem Sattelzug in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz im Berliner Zentrum raste. Dreizehn Menschen starben an dem 19. Dezember 2026. Die Serie Breitscheidplatz 19/12 erzählt die Vorgeschichte des Anschlags und wie versucht wurde, diesen zu verhindern. Im Mittelpunkt des Thrillerdramas steht der LKA-Beamte Frank Laudin (Albrecht Schuch), der einen Informanten in die islamistische Szene einschleust, in der Hoffnung, so an die notwendigen Informationen heranzukommen. Anlässlich der TV-Ausstrahlung am 1. November 2026 in der ARD haben wir uns mit Hauptdarsteller Schuch unterhalten. Im Interview zur Serie spricht er über die Begegnung mit der Realität, die Gefahr der Vereinzelung und ein Leben voller Misstrauen.
Warum hast du Breitscheidplatz 19/12 gedreht? Was hat dich an der Serie gereizt?
Ich habe die Serie in erster Linie gedreht wegen David Nawrath, mit dem ich vor vielen Jahren den Kinofilm Atlas gemacht habe. Da habe ich mich gefühlt wie in einer Band, mit der ich eine richtige gute Zeit hatte und die sich zehn Jahre nicht gesehen hat. Da war die Serie ein schöner Anlass für ein weiteres Spiel. Wie es David schafft, in drei verschiedene Kulturen hineinzublicken und davon zu erzählen, das ist sensationell. Das ist so sensibel und fein beobachtet, so uneffekthascherisch, wie ich es aus seiner vorherigen Arbeit kannte. Das ist voll aufgegangen bei einem Thema, das nicht easy ist.
Die Serie erzählt von einem wahren Anschlag, der vor zehn Jahren stattgefunden hat. Seither hat es diverse weitere gegeben. Was macht diesen so relevant, dass man zehn Jahre später darüber sprechen sollte?
Ich glaube, es ist immer relevant, über Hinterbliebene und Opfer zu sprechen. Darüber, wie Gewalt funktioniert, wie Terror funktioniert, wie man ihn verhindern kann. Und es ist relevant Fragen zu stellen. Wie konnte es dazu kommen?
Die letzten Male haben wir uns über fiktionale Filme und Serien unterhalten. Macht es für dich einen Unterschied, ob eine Geschichte wahr oder fiktional ist?
Es macht insofern einen Unterschied, wenn Menschen involviert sind, die ich in meiner Vorbereitung oder auf der Premiere treffe, die einen realen Bezug zu der Geschichte haben. Das geht los mit der Polizeiarbeit und dem LKA-Beamten, der nicht direkt dabei war, aber viele Kollegen und Kolleginnen hatte, die damit zu tun hatten. Der Leute kannte, die auf die Verfolgung angesetzt waren. Bei der Premiere auf dem Filmfest Hamburg habe ich auch Vertreter und Vertreterinnen der Vereinigung Victims of Terrorism getroffen, die selbst jemanden bei dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz verloren haben. Das ist natürlich ein Moment, wo eine Realität ganz anders für mich greifbar wird. Ich war damals auf dem Land und konnte aufgrund der Entfernung und der fehlenden persönlichen Verflechtung relativ schnell weitermachen. Wenn du solchen Hinterbliebenen die Hand reichst, reichst du aber auch einer solchen Realität die Hand. Wenn dir diese Menschen sagen, dass deine Serie, die sich an Tatsachen entlanghangelt, ihnen hilft, eine Geschichte aufzufüllen, die sie selber versuchen aufzufüllen, weil so viele Fragen nie beantwortet wurden, dann ist das ziemlich beeindruckend. Ich hatte selbst nie darüber nachgedacht. Bei fiktionalen Stoffen kann ich selbst etwas entwickeln oder hole mir sogar selbst etwas aus der Realität, was nichts mit der Geschichte zu tun hat.
Es wurde damals ja schon versucht, den Anschlag zu verhindern, mit großem Aufwand sogar. Aber es hat nicht funktioniert. Und auch bei anderen Anschlägen ist das immer wieder ein Thema. Was macht das mit einer Gesellschaft, zu wissen, dass solche Anschläge sich nicht immer verhindern lassen?
Es bewirkt genau das, was wahrscheinlich das Hauptziel solcher Terrorgruppen ist: Es schürt Angst. In der Serie gibt es eine Stelle, an der es heißt, dass die Menschen Angst vor einem allein herumstehenden Koffer haben. Ich glaube, damit können sich ziemlich viele identifizieren. Umso mehr sind wir als Gesellschaft gefordert, solche Taten genau aufzuarbeiten, miteinander im Gespräch zu bleiben und dieses Thema nicht den falschen Leuten zu überlassen.

Du spielst in der Serie jemanden, der aus beruflichen Gründen misstrauisch sein muss. Er muss ja überall potenzielle Gefahren erkennen können. Was macht das mit ihm als Menschen?
Ich war zwei Tage mit einem LKA-Beamten aus NRW unterwegs, der mir von diesem Misstrauen und diesem Druck, den er alltäglich hat, erzählt hat. Dieser Mensch schläft schlechter und träumt permanent von Banden, die man abhört, die man verfolgt, die man beobachtet und auf die man tagelang in einem Banktresor schwer bewaffnet wartet, weil man weiß, dass in den nächsten Tagen ein Raubüberfall stattfinden soll, bei dem auch Maschinengewehre zum Einsatz kommen. Es ist völlig klar, dass man das nicht einfach abstreift, sondern mit nach Hause nimmt zur Familie. Man wird dann verfolgt von diesen Bildern, während man neben der eigenen Partnerin liegt. Der Druck ist so hoch, dass man sich das Zahnfleisch von innen aufbeißt. Man muss in einer solchen Situation richtig daran arbeiten und Psychohygiene betreiben, um gesund zu bleiben. Das können wir uns gar nicht vorstellen.
Gleichzeitig darf man nicht völlig das Vertrauen in andere Menschen verlieren. Deine Figur muss ihrem Spitzel vertrauen, wenn sie etwas erreichen will. Diesen Zweispalt kennen wir alle. Wie hält man die Balance aus Misstrauen und Vertrauen?
Indem man das miteinander hochhält und nicht vereinzelt. Gerade heute ist Vereinzelung viel schneller möglich, weil wir alle an unseren Apparaten sitzen und unsere Antworten lieber in diesen Apparaten suchen als in einem Diskurs mit anderen Menschen. Politischer Diskurs besteht heute nur noch in Anfeindungen und nicht in dem Aushalten von Gegensätzen mit dem gemeinsamen Ziel, eine Demokratie und einen Sozialstaat zu erhalten. Wir dürfen uns nicht in die Einsamkeit drängen lassen.
Aber wann wissen wir, dass wir jemandem vertrauen können? Können wir das je zu hundert Prozent?
Ich glaube nicht, dass das das Ziel sein kann. Egal, wie nahe oder fern einem eine Person ist, sie kann einen immer wieder überraschen. Natürlich passiert das auch bei den Liebsten, dass sie mit etwas um die Ecke kommen, was man nie erwartet hätte, und befindet sich plötzlich in kleinen oder großen Dramen. Aber es ist wichtig, trotzdem dieses Grundvertrauen zu bewahren und sich mit Menschen zu umgeben, die das genauso sehen. Sich eben nicht in die Vereinzelung zu begeben, in der die Gefahr einer Radikalisierung groß ist.
Letzte Frage: Was bleibt für dich von dieser Serie zurück?
Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Wir posaunen gerade diese Serie heraus und ich habe bei der Premiere in Hamburg zum ersten Mal ein Gefühl dafür bekommen, was das bedeutet. Wir haben unsere Arbeit getan und plötzlich ist diese Arbeit auf die Realität getroffen, durch diese Opfergruppe zum Beispiel. Dadurch verändert sich etwas. Die Serie ist ein Gesprächsangebot, und dieses Gespräch müssen jetzt andere führen
Vielen Dank für das Interview!
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