A New Dawn nimmt uns mit an einen kleinen Ort in Japan, welches lange das Zuhause eines traditionsreichen Feuerwerk-Unternehmens war. Doch das ist vorbei: Die alte Fabrik soll abgerissen und durch eine neue Straße ersetzt werden. Keitaro will dabei nicht tatenlos zusehen und verteidigt die Obinata Firework Factory bis zum letzten Tag. Als das Unvermeidliche dennoch immer näher rückt, beschließt er, mit seiner Kindheitsfreundin Kaoru, die vor vielen Jahren nach Tokio gezogen ist, noch ein letztes Feuerwerk vollbringen und damit die Arbeit seines vor Jahren verschwundenen Vaters vollenden. Seit der Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale ist das Animedrama von einem Festival zum nächsten gewandert. Wir hatten anlässlich des Kinostarts am 15. Oktober 2026 die Chance, uns mit Regisseur Yoshitoshi Shinomiya zu unterhalten. Im Interview zu seinem Debütfilm spricht er das Bewahren von Traditionen, die japanische Animationskunst und Feuerwerke.
Könnten Sie uns etwas über die Entstehungsgeschichte von A New Dawn verraten? Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Der Kern der Geschichte hat mit zwei Elementen zu tun. Das eine ist eine Kindheitserinnerung von mir. Ich bin in einer Stadt am Meer groß geworden und der Strand dort verschwand dort auch mit der Zeit als Folge der Landgewinnung. Das andere ist eine Brachwiese, die es mal gab in der Nähe von dem Ort, wo ich wohne. Diese Wiese wurde irgendwann mit Solarpanelen bestückt. Als ich mit meinem Kind mit dem Auto daran vorbeigefahren bin, fragte mich mein Kind, ob das ein Meer ist. Ich hatte also dieses Meer aus meinen Kindheitserinnerungen und dieses Solarpanelenmeer. Dieser Zusammenhang aus diesen beiden Meeren, aus dem damals und dem heute, das war die Kernidee meines Films.
Im Mittelpunkt des Films stehen drei Menschen, die um das Vermächtnis eines Familienunternehmens kämpfen. Warum haben Sie dafür ein Feuerwerkunternehmen genommen? Es hätten sich schließlich viele Handwerke angeboten.
Dafür gibt es zwei Gründe. Der eine ist, dass Feuerwerke in Japan wirklich eine lange Tradition haben. Es gibt in den meisten Orten eigene Feuerwerkfeste. Um 2000 ist dieses Feuerwerk in meinem Heimatort weggefallen, man wollte das nicht mehr machen. Für mich war das ein schockierender Moment, wie etwas, das Jahrzehnte lang fortgeführt wurde, auf einmal wegbrach. Mit dem Wegbrechen einer solchen Tradition bricht eine ganze Landschaft weg, ein Bild von einer Ortschaft. Der zweite Grund ist, dass A New Dawn mein erster Langfilm als Regisseur ist. Und so ein Kino ist erst einmal ein Ort von Licht und Ton. Ein Feuerwerk ist das auch. Und ich wollte im Kino ein Feuerwerk zum Leuchten bringen.
Diese Fabrik wird so oder so geschlossen. Warum ist es den dreien so wichtig, trotzdem noch ein letztes Feuerwerk zu veranstalten, obwohl das am Ausgang nichts endet?
Es geht mir in dem Film auch um die Frage, wie wir solche Traditionen erhalten und fortführen können, vor allem, wenn die Landschaft eine komplett neue geworden ist. Das ist eine Frage, die ich mir als Künstler selbst immer wieder stelle.
Wie hält man die Balance, auf der einen Seite eine solche Tradition zu bewahren, ohne dabei jedoch in dieser gefangen zu sein?
Ich bin von Haus aus Maler in der traditionellen japanischen Malerei. Dort ist es so, dass dieses Bild auf Paravents aufgemalt ist und du damit etwas hast, das zusammengehört. Wenn man diese Paravents zu sehr ausbreitet, dann fallen sie um. Wir können nicht alles beschützen. Wir können aber auch nicht alles öffnen. Du musst also etwas dazwischen finden. Am Ende kommt das dabei immer auf den Einzelfall an. Du kannst dafür kein Gesetz aufstellen, keine Regel, woran du dich dann halten musst. Das ist wie bei zwischenmenschlichen Beziehungen: Es geht immer um Individuen. Nur wenn wir den konkreten Fall betrachten, können wir zu einer Lösung kommen.
Auch die japanische Animationsindustrie hat viele Veränderungen durchgemacht, im Hinblick auf Techniken, aber auch den Markt. Wie würden Sie die aktuelle Situation beschreiben?
Ein großes Thema ist aktuell natürlich das der künstlichen Intelligenz, weil sich das so rasend schnell entwickelt. Ich gehe davon aus, dass dies auch Auswirkungen auf die traditionelle japanische Animationskunst haben wird, die momentan noch von Menschen gemacht wird. Wenn das geschieht, dann muss von Menschen geschaffene Animation eine ganz besondere Bedeutung haben. In Japan ist Animation sehr ausgereift und deshalb auch weltweit sehr verbreitet. A New Dawn ist eine japanisch-französische Coproduktion, was wohl nur deshalb möglich ist, eben weil japanische Animation einen so guten Ruf hat und du dort alles von reiner Unterhaltung bis zu Kunst findest. Wir hatten auch ein internationales Team. Da waren ganz viele dabei, die einmal an einem Anime arbeiten wollten. Das ist eine Situation, für die ich sehr dankbar bin.
Was ist der Vorteil, Ihre Geschichte als Animationsfilm zu erzählen anstatt als Realfilm?
Da ich wie gesagt aus der Malerei komme, war es für mich kein Thema, einen Realfilm zu machen. Grundsätzlich hat Animation aber die Besonderheit, dass du dir vorher vorstellen musst, was du zeigen willst. Du entwirfst die Welt und hast eine ganz eigene Bildkomposition. Natürlich können animierte Charaktere nicht so viel über ihre Mimik und Gestik ausdrücken wie ein realer Schauspieler. Trotzdem werden Animationen transportiert, weil du das weglassen kannst, was nicht nötig ist.
Sie haben bereits gesagt, dass dies Ihr Debüt als Regisseur war. Was waren die größten Herausforderungen für Sie?
Ich war es gewohnt, immer allein oder in einem kleinen Team zu arbeiten. Diesmal gab es ein großes Team, das geht bei einem Animationsfilm nicht anders. Ich musste deshalb bei meiner Arbeit viel Vertrauen an mein Team abgeben, weil ich das allein gar nicht alles hätte machen können. Ich habe dabei viel gelernt und habe auch noch viel zu lernen. Aber es war eine sehr schöne Erfahrung.
Jetzt, da Ihr erster Film beendet ist, wie geht es bei Ihnen weiter? Was sind Ihre nächsten Projekte?
Ich habe kein konkretes Projekt, über das ich sprechen kann. Aber ich thematisch interessieren mich die traditionellen Künste, Landschaften sowie das, was lokal verwurzelt ist. Das sind die drei großen Themen, die ich auch weiterhin verfolgen möchte in meiner künstlerischen Arbeit. Und ich hoffe, dass ich dabei auch in Zukunft international arbeiten kann und über die Grenzen Japans hinaus etwas bewegen kann.
Vielen Dank für das Interview!
(Anzeige)

