
Als Adriana Alkalaj (Oriana Schrage) in einer Talkshow zum Thema Juden in Deutschland auftritt, hinterlässt das großen Eindruck – auch wenn die Auseinandersetzung mit den anderen Teilnehmenden nicht unbedingt sehr erfreulich war. Einen so großen, dass man ihr anbietet, zum Holocaust-Gedenktag eine Rede zu halten. Die Ehre ist groß, die Herausforderung aber auch. Schließlich hat das auch Auswirkungen auf ihr Familienleben. Während der ältere Sohn David (Yahli Yogev) gerade mitten in der Pubertät steckt und sich regelmäßig mit seinem nichtjüdischen Vater Georg (Mark Waschke) anlegt, hat der jüngere Sohn Sammy (Adam Lukas) unter antisemitischen Anfeindungen zu leiden. Was zuvor eine eingeschworene Gemeinschaft war, droht immer mehr auseinanderzubrechen …
Romanadaption mit viel Diskussionsstoff
Kaum ein Thema hat die Menschen in den letzten drei Jahren vergleichbar entzweit wie der Nahostkonflikt. War die Solidarität gegenüber Israel nach dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 noch sehr groß, kippte das anschließend nach und nach, je länger und brutaler der Krieg in Gaza geführt wurde. Seither stehen sich zwei Seiten unversöhnlich gegenüber, sich dazwischen zu positionieren ist mindestens heikel. Wo hört berechtigte Israelkritik auf, wo beginnt Antisemitismus? So oder so: Das Thema bewegt und polarisiert. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis sich ein deutscher TV-Film desselben annimmt. Nun ist es so weit und die ARD-Produktion Doitscha – Alles geht vorüber wagt sich auf das gesellschaftliche, politische und ethische Minenfeld.
Die eigentliche Geschichte ist dabei deutlich älter. Genauer dient der 2014 veröffentlichte Roman Doitscha. Eine jüdische Mutter packt aus. von Adriana Altaras als Vorlage, die den meisten eher als Schauspielerin bekannt sein dürfte. Die israelische Regisseurin und Co-Autorin Ester Amrami (Fang mich doch!) nahm sich des Stoffes an, aktualisierte ihn jedoch ein wenig. Wobei der Überfall und der anschließende Krieg dennoch keine besonders große Rolle einnehmen. Muss aber auch nicht, da Doitscha – Alles geht vorüber auch ohne dieses Aufregerthema genug hat, worüber gesprochen werden kann und muss. Schon die anfängliche Talkshow liefert reichlich Material, worüber anschließend diskutiert werden kann. Und danach kommt noch einiges mehr.
Zwischen Gesellschaft und Privatem
Manchmal werden diese Diskussionen etwas zu sehr forciert, da ist der Wille zur Auseinandersetzung zu offensichtlich. Dennoch handelt es sich hier um keinen reinen Thesenfilm, bei dem die Zuschauer und Zuschauerinnen fertige Wahrheiten und Ansichten übernehmen sollen – eine Spezialität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Stattdessen versucht man, dieses Thema an einer Familie aufzuziehen, bei der die Frau Jüdin ist, der Mann nicht. Da geht es zum einen um die innerfamiliären Konflikte, die teils universell sind, teils aber auch durch die spezielle Konstellation bestimmt sind. Zum anderen beschreibt Doitscha – Alles geht vorüber, wie jüdisches Leben im derzeitigen Deutschland aussieht. Das legt Vergleiche zur gefeierten Serie Die Zweiflers nahe, auch wegen der Besetzung: Die Hauptrolle spielte dort Aaron Altaras, der auch hier eine kleine Rolle hat und der Sohn der Autorin ist.
Im direkten Vergleich ist der Film jedoch trotz der Gemeinsamkeiten deutlich schwächer. So sind die gelegentlichen Versuche, das Geschehen mit Humor aufzulockern, wenig erfolgreich. Und auch wenn es diverse Momente gibt, in denen Doitscha – Alles geht vorüber mit inhaltlichen Ambivalenzen arbeitet, die Figuren selbst sind nur wenig interessant geworden. Dass man hier unbedingt etwas Versöhnliches haben wollte, auch wegen der der TV-Zielgruppe, ist zwar verständlich und in Zeiten dauernder Konflikte irgendwie schön. Aber es trägt eben dazu bei, dass man hier im Vergleich zur besagten Serie weniger das Gefühl hat, es mit einer realen Familie zu tun zu haben. Statt einer ausgeprägten Persönlichkeit gibt es dann doch viel Formelhaftes. Das reicht für einen netten Film, aber nicht für mehr.
OT: „Doitscha – Alles geht vorüber“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Ester Amrami
Drehbuch: Momme Peters, Ester Amrami
Vorlage: Adriana Altaras
Musik: Can Erdogan-Sus, Beat Sole
Kamera: Omri Aloni
Besetzung: Oriana Schrage, Mark Waschke, Yahli Yogev, Adam Lukas, Samuel Finz, Inge Maux
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