
Im Sommer 2015 rekrutiert der Islamische Staat auch in Deutschland Menschen, die in Syrien in den Krieg ziehen sollen. Die Behörden befürchten eine zunehmende Radikalisierung im Inland. Vor allem aber ist die Sorge groß, dass es zu Anschlägen kommen wird. Während der LKA-Dezernatsleiter Jakob Friedrich (Bernd Hölscher) den Studenten Baran Soylu (Doguhan Kabadayi) festnimmt, um damit Stärke zu demonstrieren, schlägt Frank Laudin (Albrecht Schuch) einen anderen Weg vor. Er will die Verbindungen des früheren Kriminellen Murat Cem (Tamer Trasoglu) als Informanten nutzen, um mehr über die Entwicklungen in der islamistischen Szene zu erfahren. Dabei erhält er Unterstützung von der Beamtin Isra Al-Husseini (Bayan Layla), die ihm mit ihren Sprachkenntnissen beisteht. Doch die Arbeit ist mühselig, auch weil Laudin von seinen Vorgesetzten wenig Rückendeckung erhält …
Rückblick auf einen historischen Anschlag
Bald zehn Jahre ist es her, dass ein islamistischer Terrorist mit einem Sattelzug in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz im Berliner Zentrum raste. Dreizehn Menschen starben an dem 19. Dezember 2026. Inzwischen spricht man eher selten von diesem tragischen Ereignis. Zum einen sind seither noch diverse andere Anschläge passiert. Zum anderen taumelt die Gesellschaft in dieser Phase von einer Krise in die nächste, kann sich gar nicht alles merken, was da passiert. Da ist es vielleicht nicht verkehrt, wenn mit der ARD-Serie Breitscheidplatz 19/12 wieder an diesen Anschlag erinnert wird, der seinerzeit die Menschen im ganzen Land erschütterte. Nicht nur, weil dieses Leid nicht vergessen werden sollte, sondern auch, weil hier diverse Themen angeschnitten werden, die auch für ein heutiges Publikum sehr relevant sind.
Vordergründig geht es dabei natürlich um den Kampf gegen den Terrorismus. Das ist sehr spannend, wenn wir die Figuren bei dem Versuch begleiten, in diese Parallelwelt zu gelangen. Dabei sind es vor allem die Szenen mit Cem, die für Nervenkitzel sorgen, da er immer wieder auffliegen kann. Breitscheidplatz 19/12 geht da auch als Spionageserie durch, wenn der Informant wie eine Art Geheimagent agiert – falsche Identität inklusive. Aber auch die Sorge vor dem, was passieren kann, was eigentlich sogar unweigerlich passieren muss, trägt zum Nervenkitzel bei. Man kann die Verzweiflung geradezu spüren, wie die Männer und Frauen alles dafür tun, um eine Katastrophe zu verhindern, von der sie nicht sagen können, wie und wo sie eintreten wird.
Spannend und vielschichtig
Dieser handlungsbezogene Aspekt ist aber nur ein Teil der Serie. Ebenso wichtig ist der menschliche. So ist es einerseits natürlich schon frustrierend mitanzusehen, wie das Team immer wieder gegen hausgemachte Hindernisse ankämpfen muss und da einiges nicht so läuft, wie es sollte. Breitscheidplatz 19/12 zeigt gerade auch, welche Auswirkungen das auf die Hauptfiguren hat. Was macht das mit einem Menschen, der aus beruflichen Gründen allen misstrauen und überall Gefahren sehen muss? Wie geht man damit um, dauernd sein Leben zu riskieren und nicht einmal Unterstützung zu erhalten? Cem steht zwischen den Welten, Laudin droht, in seiner eigenen verlorenzugehen. Und auch an Al-Husseini geht das alles nicht spurlos vorbei.
In der Summe ist die Serie, die auf dem Toronto International Film Festival 2026 Weltpremiere hatte, daher auch auf jeden Fall sehenswert. Die Balance aus Historischem und Zeitlosem funktioniert ebenso gut wie die aus dem Thrillerteil und dem dramatischen. An manchen Stellen wird es etwas plakativer. Und natürlich kann die Serie auch die Fragen nicht beantworten, die sich schon vor zehn Jahren gestellt haben und die bis heute im Raum stehen. Aber das schmälert den guten Eindruck kaum. Regisseur und Co-Autor David Nawrath (Atlas) hat mit Breitscheidplatz 19/12 eine packende und erschütternde Zeitreise vorgelegt, die auch nach den sechs Folgen noch nachhallt.
OT: „Breitscheidplatz 19/12“
IT: „Blindspot Berlin“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: David Nawrath
Drehbuch: David Nawrath, David Marian
Musik: Dascha Dauenhauer
Kamera: Tim Kuhn
Besetzung: Albrecht Schuch, Bayan Layla, Tamer Trasoglu, Wael Alkhatib, Jeanne Goursaud, Bernd Hölscher, Hanno Koffler, Dirk Warme, Jakob Geßner, Doguhan Kabadayi, Damir Avdic, Ibtasamm Shah, Karam Jumaa, Thomas Dehler
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