Atlas

„Atlas“ // Deutschland-Start: 25. April 2019 (Kino) // 25. Oktober 2019 (DVD)

Walter Scholl (Rainer Bock) ist es gewohnt anzupacken, ohne große Fragen zu stellen. Wenn andere ihre Wohnung verlieren und er sie mit anderen zwangsräumt, geht ihn das eigentlich alles gar nichts an. Bis es ihn doch was angeht: Als er und die anderen eines Tages anrücken, erkennt Walter in dem Mieter seinen Sohn Jan (Albrecht Schuch) wieder, den er als kleines Kind zurücklassen musste. Einfach seelenruhig zusehen, wie sein auf Zwangsräumungen spezialisierter Chef Roland Grone (Uwe Preuss) und die Schlägertruppe ihn drangsalieren, das kann er nicht. Und so versucht er hinter den Kulissen zu helfen, ohne dass jemand etwas mitbekommt – nicht einmal Jan darf wissen, wer er in Wahrheit ist.

Wer auch nur hin und wieder deutsche Filme schaut, dürfte ihm bereits an der einen oder anderen Stelle begegnet: Rainer Bock ist eine ständige Präsenz im hiesigen Kino, wenn auch eine eher zurückhaltende. Ob zuletzt Der Fall Collini, Rate Your Date oder Werk ohne Autor, er übernimmt meistens eher die kleinen Rollen. Wie ausgesprochen schade das ist nun in Atlas zu sehen, einer der seltenen Titel, bei denen Bock auch mal die Hauptfigur spielen darf. Denn der 64-Jährige schafft es mit scheinbarer Mühelosigkeit, jeder seiner Figuren Gewicht und Tiefe zu verleihen – ohne große Worte und Taten.

Ein Gast in der kalten Welt
Sein Walter beispielsweise steht vorzugsweise still in der Gegend herum. Dann und wann lässt er sich zu einem Satz zwingen, wenn es nicht anders geht. Aber das Sprechen liegt ihm ebenso wenig wie das Pflegen zwischenmenschlicher Kontakte. Wenn er mit anderen feiern oder trinken soll, wirkt er wie ein Fremdkörper im eigenen Körper. Einer, der nur ganz zufällig da ist und eigentlich ganz woanders hin sollte. Auch wenn es das woanders vielleicht gar nicht gibt. Seine spärlich eingerichtete Wohnung, die alte Hantelbank, sie zeigen einen Mann, der irgendwie nie so wirklich in der Welt zu Hause war.

Dafür ist Bock natürlich eine Idealbesetzung. Und ein großer Teil der Klasse von Atlas ist dann auch auf dessen Talent zurückzuführen. Darüber hinaus hat Regisseur und Co-Autor David Nawrath in seinem ersten Kinofilm aber auch ein spannendes Setting ausgesucht. Einfache Bürger, die aus ihren Wohnungen geprügelt werden, weil sich Immobilienhaie und Schlägertrupps zusammenschließen, das ist mal ein sehr bitteres Milieu. Die aktuelle Debatte um billigen Wohnraum und Enteignungen gewinnt hier noch einmal an Gewalt und Dringlichkeit. Es reicht nicht, dass die Leute moralisch verkommen sind. Sie sind auch noch brutal, nutzen neben den legalen Mitteln auch Einschüchterungen, verhindern jede Form von Rechtstaatlichkeit.

Hmm, das glaub ich nicht
Die vielen guten Elemente des Dramas, das sich zunehmend in einen Thriller verwandelt, werden anderweitig jedoch unnötig ausgebremst. Schon die Grundsituation ist ein wenig fragwürdig. Wie kann Walter seinen Sohn, den er mehrere Jahrzehnte nicht mehr gesehen hat, so schnell wiedererkennen? Und auch später ist die Geschichte unnötig umständlich, verlässt sich auf wenig subtile Symbolik und bedeutungsschwangere Dialoge, dazu auch mal Zufälle. Glaubwürdig ist das nicht, geschickt ebenso wenig. Vor allem gegen Ende schlingert der Film, der auf den Hofer Filmtagen 2018 Premiere feierte, unnötig herum, auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Dilemma.

Spannend ist Atlas aber ohne jeden Zweifel, ein atmosphärischer Zwitter, der gleichermaßen von einem Kampf David gegen Goliath wie auch von einer schwierigen Annäherung erzählt. Von Menschen, die sich die Last der Welt auf die Schulter packen, dabei dann auch mal übernehmen, weil sie nicht teilen und mitteilen können. Von großen und kleinen Verlierern, die entweder der Gentrifizierung oder dem eigenen Unvermögen zum Opfer fallen. Gewinner gibt es in der Welt von Nawrath nur wenige, dafür viele Figuren, die in den besten Fällen ambivalent sind, oft auch etwas einseitig böse. Roman Kanonik beispielsweise als unbeherrschter Clanschläger hätte gern noch etwas mehr Charakter vertragen. Andererseits ist man in den düster-dreckigen Bildern einer brutalen Parallelgesellschaft froh, wenn wenigstens an einer Stelle Klarheit in Form eines Feindbildes herrscht, anstatt sich ganz der schattigen Verzweiflung und Ratlosigkeit hinzugeben.



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Atlas
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Atlas
Der Möbelpacker einer zwielichtigen Zwangsräumungstruppe erkennt in einem Opfer seinen Sohn wieder, den er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hat: „Atlas“ ist gleichzeitig Ausflug in ein düsteres Milieu wie auch der Versuch, noch einmal Brücken zu schlagen. Das ist atmosphärisch und darstellerisch stark, zeitweise auch spannend, selbst wenn die Geschichte nicht an allen Stellen wirklich überzeugt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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