Wer profitiert vom Fortschritt, und welchen Preis zahlen die Menschen dafür? Diese Fragen beschäftigen den 1971 in Bonn geborenen Dokumentarfilmer Jens Schanze seit vielen Jahren. Der Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film München begleitete in Otzenrather Sprung die Umsiedlung von Dörfern im Rheinischen Braunkohlerevier. Mit Plug & Pray widmete er sich den Möglichkeiten und ethischen Grenzen künstlicher Intelligenz, während La Buena Vida – Das gute Leben von einer indigenen Gemeinschaft in Kolumbien erzählt, deren Heimat dem Kohleabbau weichen soll.
In seinem neuen Dokumentarfilm Materia Prima – New Energy. Old Powers?, der am 22. Oktober 2026 in die deutschen Kinos kommt, führt ihn die Auseinandersetzung mit Rohstoffen und globaler Gerechtigkeit nach Bolivien. Dort treffen internationale Interessen an den begehrten Lithiumvorkommen auf Hoffnungen auf wirtschaftlichen Aufstieg und die Sorge vor einer Fortsetzung kolonialer Ausbeutung. Wir haben mit Schanze über seine persönliche Verbindung zu dem Land, unterschiedliche Vorstellungen von Fortschritt, die Schönheit der Landschaft und seine Verantwortung gegenüber den Menschen vor der Kamera gesprochen.
Du bist nahe dem Rheinischen Braunkohlerevier aufgewachsen und hast in den 1990er-Jahren ein Jahr in Bolivien gelebt. Wie haben diese Erfahrungen deinen Blick auf die Geschichte von Materia Prima geprägt?
Das Jahr, das ich 1993/94 in Bolivien verbracht habe, war der Anfang meiner Beziehung zu diesem Land. Seitdem verfolge ich, was dort passiert. Damals habe ich auch angefangen, mich mit postkolonialen Themen zu beschäftigen.
Aufgewachsen bin ich im Siebengebirge. Von dort kann man die Schlote der Kraftwerke sehen, die hinter Köln liegen und in denen die Braunkohle verfeuert wird. Schon als Kind habe ich diese Tagebaugruben gesehen. Das hat mich sehr beeindruckt, und deshalb habe ich auch diese Entwicklung immer mitverfolgt.
Das Rohstoffthema beziehungsweise der Extraktivismus hat sich inzwischen in mehreren meiner Filme niedergeschlagen. Ich würde nicht sagen, dass Materia Prima eine zwangsläufige Folge daraus war. Aber als das Thema Lithium in Bolivien so virulent wurde, hat das bei mir etwas ausgelöst. Da gibt es schon eine Kontinuität.
Was war der konkrete Ausgangspunkt für die Recherche zu Materia Prima?
Der Ausgangspunkt war das Ende der Regierung von Evo Morales im Jahr 2019. Ein Vertrag zwischen einem deutschen Unternehmen und der bolivianischen Regierung über die exklusive Nutzung des bolivianischen Lithiums für einen Zeitraum von 70 Jahren hat dabei eine Rolle gespielt. Der Vertrag war bereits 2018 abgeschlossen worden. Nach und nach wurden in der bolivianischen Öffentlichkeit immer mehr Details bekannt. Die Bedingungen waren für die Bolivianer sehr ungünstig. Zunächst gab es lokale Proteste, die sich zu regionalen und schließlich landesweiten Protesten ausweiteten. Die politische Opposition hat das natürlich ebenfalls genutzt.
Aufgrund dieser Proteste kündigte Evo Morales den Vertrag einseitig wieder. Trotzdem verließ er eine Woche später das Land, und seine Regierung war beendet. Dieser Vertrag war nicht der Grund dafür, aber ein nicht unwesentlicher Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Daraufhin habe ich angefangen zu recherchieren, welche Rolle europäische und insbesondere deutsche Unternehmen im Zusammenhang mit dem Lithium in Bolivien spielen. Mich interessierte, welchen Einfluss ihr Handeln auf das Leben der Menschen in den potenziellen Abbaugebieten hat.
Welche deiner anfänglichen Vorstellungen haben sich während der Recherche verändert?
Zwei Dinge haben sich im Laufe der Arbeit verändert. Zum einen meine Einschätzung der Rolle von Evo Morales. Als er 2006 gewählt wurde, war das ein Meilenstein in der Geschichte des Landes und mit sehr viel Hoffnung verbunden. Diese Hoffnung habe ich, wie viele andere, geteilt. Sie war sicherlich auch berechtigt.
Nach vier oder fünf Jahren begann sie sich allerdings aufzulösen. Je länger seine Regierungszeit dauerte, desto mehr verflüchtigte sie sich. Als ich vor Ort war und mit vielen Menschen gesprochen habe, ist bei mir die Erkenntnis gereift, dass sich seine Regierung leider zu einer linken Autokratie entwickelt hatte.
Die zweite Veränderung betraf die indigenen Dorfgemeinschaften, die wir während der Recherche und der Dreharbeiten besucht haben. Auch innerhalb dieser Gemeinschaften gibt es sehr unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Haltungen zur Industrialisierung und zum Rohstoffabbau sowie zu den möglichen Chancen und Risiken. Wie vielstimmig diese Gemeinschaften sind, war für mich neu.
Welche Vorstellung von Fortschritt haben die europäischen Vertreter im Film, und wie unterscheidet sie sich von den Erwartungen der Menschen vor Ort?
Die europäischen, zum Teil auch nordamerikanischen und australischen Unternehmen, die sich für das Lithium interessieren, sehen Bolivien möglicherweise am Anfang eines Zeitalters der Industrialisierung. Beginnend mit dem Lithium würde dort Infrastruktur aufgebaut: Straßen, Energieversorgung und alles, was man braucht, um ausländische Fachkräfte unterzubringen und zu versorgen sowie Menschen und Material zu transportieren.
Diese Infrastruktur würde dann natürlich auch für andere Bereiche genutzt. Bolivien hat schließlich noch sehr viele weitere Rohstoffe. Die Vorstellung ist, das Land für den Weltmarkt zu erschließen, auf einem technischen Niveau, das dem anderer Länder angeglichen ist. So habe ich die Perspektive der Unternehmen wahrgenommen.
Diese Vorstellung wird von manchen Bolivianern, auch innerhalb der indigenen Gemeinschaften, durchaus geteilt. Sie hoffen auf qualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze vor Ort. Es gibt dort eine starke Arbeitsmigration nach Chile und Argentinien. Die Hoffnung ist, dass die Menschen nicht mehr auswandern müssen, weil sie in ihrer Heimat Arbeit finden.
Gleichzeitig gibt es Menschen, die diese Entwicklung vollständig ablehnen. Aus ihrer Sicht haben die Industrialisierung und insbesondere der Rohstoffabbau langfristig keine nachhaltige Lebensform ermöglicht. Deshalb gibt es in demselben Dorf Menschen, die große Hoffnungen mit dem Lithium verbinden, und andere, die sagen: Es sollte lieber im Boden bleiben.
Wieder andere sagen: Damit lässt sich vielleicht viel Geld verdienen, aber die Geschichte hat uns gelehrt, dass wir nichts davon haben werden. Gemeint ist die Kolonialgeschichte. Bolivien ist seit rund 200 Jahren unabhängig. Aber in den Wirtschaftsbeziehungen und im Umgang mit den Rohstoffen des Landes setzt sich die Kolonialgeschichte letztlich bis heute fort. Auch deshalb sagen manche: Lieber nicht anfassen, wir werden ohnehin nichts davon haben. Diese unterschiedlichen Perspektiven wollten wir im Film sichtbar, hörbar und erfahrbar machen.
Gab es eine konkrete Beobachtung, an der besonders deutlich wurde, wie wenig gegenseitiges Verständnis bei den Verhandlungen vorhanden ist?
Was mich tatsächlich sehr überrascht hat: Sowohl die europäischen Unternehmer als auch die Verantwortlichen der Europäischen Union, die auf diplomatischer Ebene den Boden für solche Projekte bereiten, und die Vertreter nationaler Botschaften waren zum großen Teil noch nie in den betreffenden Dörfern oder überhaupt in der Region am Salar de Uyuni gewesen.
Viele von ihnen waren bei der Erkundungsreise, mit der unser Film beginnt, zum ersten Mal dort. Aus meiner Sicht ist das eines der grundlegenden Probleme: Wie bei früheren Projekten wurden die Dorfgemeinschaften nicht von Anfang an einbezogen. Und sie werden nach wie vor nicht ausreichend einbezogen.
Dadurch entsteht dort berechtigterweise der Eindruck, dass etwas mit ihnen und ihrem Land gemacht wird, von dem sie nichts wissen. Das führt zu großer Unsicherheit und letztlich zu Misstrauen.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der junge Mann, der in einer Mine weiter nach Rohstoffen sucht. Wie habt ihr ihn kennengelernt, und was hat er dir über seine Zukunftspläne erzählt?
Miguel war 19, als wir ihn kennengelernt haben. Er ist einer von vielen Tausend Minenarbeitern, die am Cerro Rico nach den Resten der Erze und Mineralien suchen, die die Spanier und alle, die nach ihnen kamen, übrig gelassen haben. Das geschieht unter sehr prekären und lebensgefährlichen Bedingungen.
Kennengelernt haben wir ihn über einen ehemaligen Minenarbeiter namens Johnny. Er hatte diesen Beruf aufgegeben, nachdem sein Onkel bei einem Felssturz in der Mine ums Leben gekommen war. Seine Mutter hatte daraufhin gesagt: Jetzt reicht es, du gehst da nicht mehr hinein.
Johnny hatte dort lange gearbeitet und kennt fast alle Stollen und viele der Menschen. Miguel kennt er seit dessen Kindheit. Den Kontakt zu Johnny bekamen wir über unsere Produktionsleiterin in Bolivien. Als wir ihm erzählten, welchen Film wir machen und wonach wir suchen, sagte er: Ihr solltet Miguel kennenlernen.
Wir haben uns getroffen, Miguel war einverstanden, und wir beschlossen, mit ihm und seinem Trupp in die Mine zu gehen. Dort wird immer in Gruppen gearbeitet. Wir wollten erzählen, was er eigentlich macht.
Von Anfang an war das Konzept, dass sich der Film zwischen zwei Orten bewegt: dem Silberberg als Symbol für die koloniale Ausbeutung und die dadurch angerichtete Zerstörung einerseits und dem Salar de Uyuni, der Salzebene mit dem Lithium, andererseits.
Miguel hatte, wie viele andere, den Plan, so lange in der Mine zu arbeiten, bis er genügend Geld für eine andere berufliche Laufbahn hätte. Er besuchte die Abendschule. Sein Tagesablauf war wirklich krass: Morgens um sechs fing er an, abends um sechs kam er nach Hause, und anschließend ging er noch zur Schule. Er lernte Buchhaltung und wollte ein eigenes Unternehmen gründen, eine Werkstatt.
Du hast bereits von einem schweren Unfall eines jungen Bergmanns aus dem Film berichtet. Ist damit Miguel gemeint?
Ja, leider. Ein halbes Jahr nach unseren Dreharbeiten ist er schwer verunglückt. Er hat es Gott sei Dank überlebt, aber seine Füße wurden so schwer verletzt, dass er nicht mehr im Berg arbeiten können wird. Soweit ich es verstanden habe, wird er körperlich nicht mehr entsprechend belastbar sein.
Vor ein paar Tagen habe ich in Berlin einen Bolivianer getroffen, der mir erzählt hat, dass allein in diesem Jahr schon 150 Menschen in dem Berg ums Leben gekommen seien. Im Prinzip stürzt dort jeden Tag irgendwo etwas ein.
Wir haben dort auch gedreht, um zu erzählen, warum die Hoffnung auf eine bessere Zukunft durch das Lithium so groß ist. Lithium wird auf eine ganz andere Weise gewonnen: Es wird als Sole an die Oberfläche gepumpt. Dafür ist keine Untertagearbeit unter diesen lebensgefährlichen Bedingungen notwendig. Deshalb verbinden viele mit diesem neuen Rohstoff die Hoffnung auf sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze.
Wie wurde die Chronik von Guamán Poma de Ayala zu einer Stimme in Materia Prima?
Als ich zum ersten Mal für die Recherche in Bolivien war, entstanden meine ersten Kontakte über die Universität in La Paz. Verschiedene Menschen erzählten mir von dieser Chronik. Ich las außerdem zwei oder drei Bücher, die sich mit postkolonialen Fragen beschäftigten, und immer wieder wurde daraus zitiert.
Daraufhin habe ich weiter recherchiert. Dabei stellte sich heraus, dass diese Chronik seit einigen Jahrzehnten an vielen Universitäten in Lateinamerika und Nordamerika, an denen postkoloniale Studien betrieben werden, intensiv erforscht wird. Sie ist die einzige bekannte Chronik aus indigener Perspektive aus der Kolonialzeit und deshalb auch für die Gegenwart von großem Wert.
Als ich anfing, Passagen daraus zu lesen, war es erschütternd zu sehen, wie groß die Parallelen sind zwischen dem, was Guamán Poma vor rund 400 Jahren beschrieben und beobachtet hat, und dem, was wir heute dort erlebt haben. Da war klar, dass diese Chronik eine Rolle im Film spielen würde.
Die Landschaft erscheint in Materia Prima zugleich als Lebensraum, spiritueller Ort und begehrte Ressource. Wie hast du mit deinem Kameramann Börres Weiffenbach eine Bildsprache entwickelt, die diese Bedeutungen vermittelt?
Wenn man dort ist, ist man zunächst überwältigt von dieser Weite, der Schönheit und der Unberührtheit. Mir geht es zumindest so, und das teile ich mit Börres. Angesichts dieser Landschaften empfindet man unwillkürlich eine gewisse Demut.
Aus meiner subjektiven Sicht sehen sie zum Teil so aus, als wäre der Moment der Schöpfung noch nicht lange her. Mir fallen dafür kaum andere Wörter ein als „erhaben“ und „unberührt“.
In den Gesprächen mit den Menschen merkten wir, dass viele, die dort leben, ähnliche Adjektive benutzen, wenn sie die Landschaft beschreiben. Natürlich kommen sie aus einem ganz anderen Hintergrund. Aber ihre Beschreibungen ähnelten dem, was wir empfunden hatten. Dadurch wurde für uns deutlich, dass diese Schönheit offenbar universell empfindbar ist.
Uns war wichtig zu vermitteln, was für die Menschen vor Ort auf dem Spiel steht. Dass der Grundwasserspiegel möglicherweise sinkt, dass die Trockenheit durch den Rohstoffabbau zunimmt oder dass mit verunreinigtem Wasser gerechnet werden muss, lässt sich schwer sichtbar machen. Aber die Schönheit, die auf dem Spiel steht, kann man zeigen. Das haben wir versucht.
Welche Verantwortung ergibt sich für dich gegenüber den Menschen, die du filmst – gerade wenn ihre Mitwirkung für sie auch politische Folgen haben kann?
Dazu kann ich eine Geschichte erzählen: Der Bauer in unserem Film, der sagt, das Lithium sollte im Boden bleiben, weil es ohnehin nichts Gutes hervorbringen werde, ist in seinem zweiten Beruf Lehrer an einer öffentlichen Gemeindeschule.
Er sagte uns: Ich mache nur mit, wenn gewährleistet ist, dass der Film in Bolivien nicht im Fernsehen ausgestrahlt wird und dort nicht online verfügbar sein wird. Er hatte bereits erlebt, dass er politisch unter Druck gesetzt wurde, weil er sich so offensiv gegen die damalige Regierungslinie geäußert hatte. Ihm war unter anderem mit einer Versetzung gedroht worden.
Das ist ein Aspekt, den man nicht außer Acht lassen darf. Wir werden den Film auch in Bolivien zeigen, aber das müssen wir sehr gut vorbereiten und mit viel Bedacht tun, in einzelnen Veranstaltungen. Es ist ein politisch sehr aufgeladenes Thema.
Du bist gerade mit dem Film auf Kinotour und beantwortest viele Publikumsfragen. Gibt es eine Frage, die du dir nach den Vorführungen häufiger wünschen würdest?
Bei den bisherigen Vorführungen habe ich festgestellt, dass die Frage nach unserer eigenen Rolle selten ausgesprochen wird. Unser Lebensstandard, unser Wohlstand und unser Energiebedarf sind letztlich der Auslöser dafür, dass Unternehmen überhaupt dorthin gehen und es für sie lukrativ sein könnte, diesen Rohstoff abzubauen. Wir brauchen ihn schließlich.
Ich glaube, die meisten, die den Film sehen, spüren diesen Zusammenhang. Aber selten spricht ihn jemand aus. Ich versuche deshalb, das im Gespräch irgendwann zu thematisieren.
Das war für mich auch ein Motiv, diesen Film zu machen, und eine Legitimation dafür, als Europäer nach Bolivien zu gehen. Wir haben sehr viel Zeit in die Vorbereitung investiert und ein Netzwerk von Mitarbeiter*innen und Gesprächspartner*innen in Bolivien geknüpft, um keine eurozentrischen Stereotype zu reproduzieren. Denn natürwlich kommen auch wir als mitteleuropäisches Team zunächst als Fremde dorthin.
Meine Legitimation besteht auch darin, bei uns ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass wir Verantwortung für das tragen, was beispielsweise in Bolivien passiert. Dieses Land beziehungsweise diese Region steht stellvertretend für sehr viele andere auf der Welt. Meistens sind es ehemalige Kolonien im sogenannten Globalen Süden, die sich in ähnlichen Situationen befinden. Das sollte uns als ehemalige Kolonialmacht sehr zu denken geben, und es sollte unser zukünftiges Handeln prägen.
Vielen Dank für das tolle Gespräch.
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