© Minh Anh Nguyễn / Stefan Stark / Pujan Shakupa.

Onkel Thuân

„Onkel Thuân“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Die Diskussion rund um das Thema Migration verläuft vor allem in den Medien oft sehr eindimensional. Immer wieder ist davon die Rede, wie viel Migrantinnen und Migranten den Staat kosten. Diese Verengung, die leider nicht nur im politisch rechten Lager Anklang findet, lässt die menschlichen Erfahrungen hinter der Einwanderung häufig außer Acht: Entwurzelung, Verlust und die Folgen, die noch das Leben nachfolgender Generationen prägen können. Für viele Angehörige der ersten Einwanderergeneration standen zunächst die Arbeit, der Lohn und das Zurechtkommen in einem fremden Land im Mittelpunkt. Für eine Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen blieb im Alltag oft wenig Raum. Doch mit den Jahren werden Fragen drängender: nach dem Verlassen der alten Heimat und der Entscheidung, in der neuen zu bleiben. Gestellt werden sie auch von den Söhnen und Töchtern, die bei ihren Eltern nach Antworten auf die Frage suchen, woher sie kommen.

Als Tochter vietnamesischer Vertragsarbeiter kennt Minh Anh Nguyên diese Diskussionen sicherlich gut. In ihren bisherigen Arbeiten hat sich die Regisseurin bereits mit der Begegnung zweier Generationen sowie der mangelnden Aufarbeitung der Migrationserfahrungen einer Familie beschäftigt. In ihrem Dokumentarfilm Onkel Thuân, der beim DOK Leipzig 2026 seine Weltpremiere feiert, geht es vor allem um ihren Onkel und ihre Tante Thúy, die im nordrhein-westfälischen Steinfurt das Restaurant „Peking“ betreiben. Anhand von Interviews mit ihrer Familie sowie von Archivmaterial geht Nguyên der Geschichte ihres Onkels und ihrer Tante nach, die zunächst als Arbeitskräfte in die damalige DDR kamen und nach dem Mauerfall nach Westdeutschland übersiedelten. Sie zeigt, welche Rolle die ferne Heimat Vietnam nach wie vor im Leben der Familie spielt und welche Bedeutung sie für deren Identität hat. Darüber hinaus hält die Kamera aber auch die Arbeit und die tägliche Routine Thuâns und Thúys fest und zeigt, wie diese Abläufe vielleicht so etwas wie einen Schutz davor bilden, sich zu sehr mit einem Trauma zu befassen, das nach wie vor die Familie umgibt, über das aber niemand offen reden will.

Der grüne Weg

Wenn im Restaurant alles aufgeräumt ist, widmet sich Onkel Thuân seiner großen Leidenschaft. Er nimmt seine Gitarre und singt Lieder aus seiner Heimat – jedoch nicht nur für sich, sondern per Livestream für viele andere Vietnamesen, die ihm zu- und zuhören. Seine Performance von „Con đường màu xanh“, was übersetzt so viel wie „Der grüne Weg“ heißt, hinterlässt bei Nguyên einen besonderen Eindruck, auf den sie ihren Onkel direkt anspricht. Ihr fällt die Traurigkeit in seiner Stimme auf, die sich nicht allein durch das Thema des Liedes, in dem ein Mensch von seiner großen Liebe Abschied nimmt, erklären lässt. Ihr Onkel denkt nach und erklärt dann, er habe seine Stimme, seinen Rhythmus und seine Haltung beim Singen der Stimmung des Liedes angepasst – ansonsten wäre die Performance nicht überzeugend gewesen. Trotz einer weiteren Nachfrage bleibt Thuân bei seiner Erklärung, doch irgendwie bleibt diese unbefriedigend.

Vielleicht muss man zwischen den Zeilen lesen, um das Lied zu verstehen und zu erkennen, welche Bedeutung es für Menschen wie Thuân hat. Der Schmerz der Trennung wird überspielt durch eine emotionale Kälte, die man sich als eine Art Selbstschutz antrainiert hat. Man hofft irgendwo auf einen neuen Beginn, da einem nur das Weiterleben als Option bleibt. Was in „Der grüne Weg“ das Ende einer Beziehung beschreibt, erlangt durch die Performance eine neue Bedeutung, die Nguyên wohl sehr gut verstanden hat und nun mit der Biografie ihres Onkels und ihrer Tante verbindet. Im Grunde definieren das Lied sowie ihre Interpretation, auf die sie Thuân anspricht, die These ihrer Dokumentation.

Onkel Thuân zeigt die zwei Facetten einer Familie. Die routinierten Abläufe im Restaurant – das Kochen in der Küche, das Befüllen des Buffets und das Reinigen der Tische nach Feierabend – wechseln sich ab mit Eindrücken aus der Vergangenheit der Familie sowie einer Familienfeier im Restaurant selbst. Thuân und Thúy sind konzentriert, behalten den Überblick oder gehen stumm den bekannten Abläufen nach. Betrachtet vor allem Thuân die Familienaufnahmen während der Feier oder spricht mit Verwandten darüber, meint man, immer wieder jenen Blick zu sehen, den er bei der Performance von „Der grüne Weg“ gezeigt hat. Etwas Melancholisches umgibt die beiden in diesen Momenten von Onkel Thuân, und es sagt uns viel über eine Erfahrung und ein Trauma, über das die meiste Zeit geschwiegen wird.

Bei den Interviews formulieren Thuân und Thúy ihre Antworten immer wieder neu, brechen ab oder schweigen. Indem Nguyên sie bei Anlässen wie der bereits beschriebenen Familienfeier filmt, erhält man zwar keine direkte Antwort, aber möglicherweise einen Ansatz zum Verständnis ihrer Erfahrungen. „Der grüne Weg“ beschreibt auch ihren Weg im Leben bis hin zu ihrem Restaurant, genauso wie die Stille, die ihre Vergangenheit und die Gefühle, die sie damit verbinden, andeutet.

Credits

OT: „Onkel Thuân“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Minh Anh Nguyên
Drehbuch: Minh Anh Nguyên, Pujan Shakupa
Musik: Eric Wehner
Kamera: Pujan Shakupa, Stefan Stark

Bilder

Trailer

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Onkel Thuân
fazit
„Onkel Thuân“ ist eine einfühlsame und nachdenkliche Dokumentation über Migration, Erinnerung und das Schweigen innerhalb einer Familie. Minh Anh Nguyên verbindet die alltäglichen Routinen ihres Onkels und ihrer Tante mit Erinnerungen an eine Vergangenheit, die bis heute nachwirkt. Besonders die Musik wird dabei zum Ausdruck jener Gefühle, für die ihre Protagonisten kaum Worte finden. So entsteht ein persönliches Porträt, das gerade durch seine leisen Momente viel über Entwurzelung, familiäre Verbundenheit und die Suche nach einer neuen Heimat erzählt.
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