Glaube
© 2025 - David Herranz

Glaube

„Glaube“ // Deutschland-Start: 29. Oktober 2026 (Kino)

Kritik Peter Gutting

Ainara (Blanca Soroa) besucht im nordspanischen Bilbao ein katholisch geführtes Gymnasium, auf das auch schon ihr Vater Iñaki (Miguel Garcés) und dessen Schwester Maite (Patricia López Arnaiz) gingen. Die 17-Jährige steht kurz vor dem Abitur. Gerade war sie eine Woche mit anderen Mädchen bei einer „Einkehr“ im Kloster, einer traditionellen Schulveranstaltung. Dort alberte sie bei nächtlichen Trinkgelagen mit ihren Mitschülerinnen herum wie jedes andere Mädchen dieses Alters. Aber etwas ist anders bei Ainara. Sie war die einzige, die sich frühmorgens in die Klosterkirche schlich, um den Nonnen beim Morgengebet zuzusehen. Und das nicht ohne Grund. Wieder zu Hause, bittet Ainara ihren Vater, erneut zu den Nonnen gehen zu dürfen. Dieses Mal, um zu testen, ob das Leben als Braut Jesu‘ vielleicht das richtige für sie ist. Der allein erziehende Vater will darüber nachdenken, die Tante ist entsetzt und die ganze Familie gerät bei der Aussicht, Ainara ans Kloster zu verlieren, aus den Fugen.

Innigst geliebt

Mit 17 sprechen die wenigsten gern mit Erwachsenen über ihre Zukunftspläne. Unausgesprochene Erwartungen führen oft zu Peinlichkeiten und enden im Gefühl, nicht verstanden zu werden. In der Aussprache zwischen Ainara und ihrer Tante Maite, der engsten weiblichen Bezugsperson seit dem frühen Tod von Ainaras Mutter, läuft es anfangs ähnlich. Doch dann, als die Frage nach dem Warum des Klosterwunsches auftaucht, blüht die sonst zurückhaltende 17-Jährige regelrecht auf. Ihre Augen strahlen, ihr Gesicht leuchtet, als sie davon erzählt, dass es kein anderer als Jesus selbst ist, der den Menschen solche Wünsche ins Herz legt – und dass sie sich vom Begründer des Christentums innigst geliebt fühlt. Tante Maite, bekennende Atheistin, spricht einfühlsam und liebevoll mit ihrer Nichte. Sie möchte das bald erwachsene Mädchen nicht durch offenen Widerspruch verlieren und rät lediglich, mit der endgültigen Entscheidung noch zu warten. Trotzdem entgeht ihr völlig, wie radikal das Mädchen sich ihr gegenüber geöffnet hat, wie verletzlich es in diesem Moment ist. Tante Maite mag es gut meinen, aber sie begeht im Anschluss an die Aussprache einen großen Verrat und schmiedet hinter Ainaras Rücken eine Intrige.

Das intensive Gespräch am Wohnzimmertisch ist eine der Schlüsselszenen des Films. Sie legt einerseits die Zerbrechlichkeit der Familie seit dem Tod von Ainaras Mutter offen. Andererseits verkörpert die lange Sequenz das erzählerische Prinzip des Films, das sich auch in weiteren ausgiebigen Gesprächen zeigt. Wichtig ist, was gesagt wird, aber noch wichtiger sind die mimischen Reaktionen, in denen sich spiegelt, was nicht ausgesprochen werden darf. Zum Beispiel die Dinge, die man sich aus den Leerstellen zusammenreimen mag: Der Vater stürzt sich nach dem Tod der Ehefrau in seine Arbeit und sucht sich eine Freundin, die Tante möchte gerne eine Art Ersatzmutter sein, hat aber eigene Probleme und verhält sich dadurch halbherzig. Ainara bleibt viel zu jung ohne Bezugsperson zurück und muss sich stattdessen um den Haushalt und die beiden jüngeren Schwestern kümmern. Solche psychologischen Deutungen liegen irgendwie in der Luft, aber der Film ist weit davon entfernt, sie explizit zu behaupten oder gar als Erklärungen für Ainaras Entschluss heranzuziehen.

Sicher gibt es nicht viele junge Menschen, die heutzutage den Wunsch verspüren, sich in eine klösterliche Einsamkeit zu verkriechen, bevor das Leben überhaupt angefangen hat. Doch die baskische Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa (Lullaby, 2022) wurde tatsächlich von einem realen Fall zu ihrer Geschichte inspiriert, wie sie im Regiekommentar des Presseheftes schreibt. Nicht der Glaube als solcher hat sie daran fasziniert, auch nicht ein kritischer Blick auf die Kirche, sondern die familiären Verwerfungen, die der Klosterwunsch auslöst. Tatsächlich möchte man nicht in der Haut von Vater Iñaki und Tante Maite stecken. Wie auch immer Erziehungsberechtigte in einer solchen Situation agieren – ob tolerant, offen repressiv oder heimlich die Pläne hintertreibend -, sie können eigentlich immer nur alles falsch machen.

Haarkleine Bruchstellen

Mit einer guten Portion Realismus (auch visuell) seziert Glaube das komplexe Beziehungsgefüge aus familiären Abhängigkeiten, Eitelkeiten, Eifersüchteleien und dem unabweisbaren Gefühl, dass man doch irgendwie zusammengehört und die Nerven der anderen nicht überstrapazieren darf. Der Film tut das ohne Besserwisserei, aber mit viel Feingefühl und einem untrüglichen Gespür für haarkleine Bruchstellen, die sich unter dem Druck äußerer Entscheidungen und Zwänge zu veritablen Rissen weiten. Dabei geht es weniger um Entlarvung als um ein vorurteilsfreies Verständnis für die Probleme in allen lebenslangen Bindungen, geprägt von der tiefen Einsicht, dass wir als humane Wesen immer angewiesen sein werden auf liebevolle, nicht-egoistische Beziehungen, egal ob zu Gott oder zu unseren Mitmenschen.

Getragen wird Glaube nicht zuletzt von den schauspielerischen Leistungen. Hauptdarstellerin Blanca Soroa, die zum ersten Mal vor der Kamera stand und zum Zeitpunkt der Dreharbeiten tatsächlich 17 war, beeindruckt mit einer spannungsvollen Mischung aus Undurchsichtigkeit und Durchlässigkeit. Sie verleiht ihrer Figur eine Aura von Zurückhaltung, Schüchternheit und Verschlossenheit, lässt aber zugleich einen starken Willen, intensive innere Glücksmomente und die Entschlossenheit einer früh Erwachsenen spüren. Eigentlich hätte sie dieses Jahr bei den „Goyas“, den wichtigsten spanischen Filmpreisen, ebenfalls einen Preis verdient gehabt. Den sicherte sich allerdings Patricia López Arnaiz in der Rolle der Maite als beste Darstellerin. Außerdem räumte der Film in den Kategorien bester Film, beste Regie, bestes Originaldrehbuch und beste Nebendarstellerin (Nagore Aranburu als Mutter Oberin) ab.

Kritik Markus Solty

Ainara (Blanca Soroa) ist 17, klug, musikalisch begabt und wächst behütet in Bilbao auf. Sie hat als Kind ihre Mutter verloren und lebt seither mit ihrem Vater Iñaki (Miguel Garcés), der ein Restaurant besitzt und selten zu Hause ist. Eigentlich stünde für sie jetzt eine typische Schwellenphase bevor: Abitur, Studienwahl, erste Liebe, Ablösung vom Elternhaus. Doch Ainara interessiert sich zunehmend für den katholischen Glauben und erklärt ihrer Familie, dass sie sich vorstellen kann, Ordensschwester in einem kontemplativen Kloster zu werden. Für die Familie ist das ein Schock, vor allem für Tante Maite (Patricia López Arnaiz), eine überzeugte Atheistin, die in der vermeintlichen Berufung ihrer Nichte eher das Symptom einer verletzten, orientierungslosen jungen Frau sieht als einen freien Willen. Ainara besucht das Kloster und lernt dessen Alltag und Regeln kennen, während sie aber auch in der Welt außerhalb des Klosters präsent bleibt: Sie hat Freundinnen, geht auf Partys und erlebt eine erste, vorsichtige Liebesbeziehung zu Mikel (Guille Zani), ihrem Partner im Schulchor.  

Spanische Filmpreise im Fünferpack 

Alauda Ruiz de Azúa, die sich mit ihrem gefeierten Debüt Cinco lobitos und der Serie Querer bereits als eine der genauesten Beobachterinnen familiärer Machtverhältnisse im spanischen Kino etabliert hatte, gewann mit „Glaube“  die Goldene Muschel von San Sebastián, die dritte in Folge für einen spanischen Film, und bei den wichtigsten spanischem Filmpreis, dem Goya, 2026 nach 13 Nominierungen fünf Trophäen: Bester Film, Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch sowie die Preise für die Darstellerinnen Patricia López Arnaiz und Nagore Aranburu. Rui de Azúa ist damit erst die dritte Frau überhaupt, die den Regie-Goya gewinnen konnte. 

Die Regisseurin hätte es sich in Glaube leicht machen können. Ein Film über eine Jugendliche, die ins Kloster will, verlangt geradezu danach, Partei zu ergreifen: für die Selbstbestimmung des Individuums gegen eine bevormundende Institution – oder vielleicht sogar umgekehrt, für spirituelle Tiefe gegen eine oberflächliche Gegenwart. Der Film verweigert sich beidem, und das ist sein größtes Kunststück. Niemand in diesem Film hat vollständig recht, aber auch niemand ist einfach nur der Bösewicht. Das gilt für alle vier Parteien: Ainara selbst, ihre Tante, die Kirche – und auch ihren Vater. 

Überall Ambivalenz 

Am eindrücklichsten zeigt sich diese Ambivalenz an Tante Maite, von Patricia López Arnaiz mit einer Präzision gespielt, die den Goya vollauf rechtfertigt. Maite ist die rationale Stimme im Film: Sie glaubt an Aufklärung, an die freie Entscheidung des Individuums, an ein Leben ohne religiöse Bevormundung. Und ausgerechnet sie ist es, die im Lauf des Films zunehmend paternalistisch wird – die ihrer Nichte genau jene Freiheit verweigert, für die sie eigentlich kämpft: die Freiheit, sich falsch zu entscheiden. Ihre Sorge ist nachvollziehbar, ihre Argumente sind klug, ihre Liebe ist echt – und trotzdem schießt sie in ihrem Eifer, das Kloster als Fluchtpunkt zu entlarven, immer wieder über das Ziel hinaus. López Arnaiz spielt diesen Widerspruch nicht als Charakterschwäche, sondern als das, was er ist: die zutiefst menschliche Unfähigkeit, jemanden loszulassen, den man liebt. 

Genauso wenig kommt die Kirche ungeschoren davon, auch wenn der Film sie nie plakativ anklagt. Wie die Priorin Isabel und der junge Pfarrer Txema mit Ainara sprechen, ist auf seine eigene, leise Art hochmanipulativ: Beide wissen exakt, mit welchen Worten, welcher Ruhe und welchem aufrichtig wirkenden Interesse man eine verunsicherte 17-Jährige für sich gewinnt. Es gibt keine Drohgebärden, keine Klischees vom Gehirnwäsche-Kloster – nur geduldiges Zuhören, das gleichzeitig Seelsorge, Prüfung und, man kann es nicht anders nennen, Werbung ist. Gerade weil diese Szenen so warm und einladend inszeniert sind, wird die Frage, ob hier eine Berufung erkannt oder geschickt kultiviert wird, zur eigentlichen Nervenprobe des Films. 

Die traurigste Figur des Films 

Und dann ist da Iñaki, der Vater. Die Großmutter nennt ihn gegenüber Ainara einmal unverblümt einen Idioten – und auf den ersten Blick scheint sie recht zu haben: Ein Mann, der die folgenreichste Entscheidung im Leben seiner Tochter im Grunde einfach geschehen lässt, wirkt zunächst wie das schwächste Glied der Familie. Doch Miguel Garcés spielt diese Passivität so genau, dass aus vermeintlicher Gleichgültigkeit etwas anderes wird: der oft hilflose Versuch eines überforderten Mannes, ein guter Vater zu sein, ohne genau zu wissen, wie das eigentlich geht. Iñaki ist kein Gegenspieler der Kirche und kein Komplize der Nonnen – er ist schlicht jemand, der seine Tochter nicht verlieren will und trotzdem nicht weiß, wie er sie halten soll. Das macht ihn zur vielleicht traurigsten Figur des Films. 

Getragen wird all das von einem Ensemble, das man sich kaum stimmiger vorstellen könnte. Blanca Soroa, für die Glaube der erste professionelle Film überhaupt ist, spielt Ainara mit einer Zurückhaltung, mit minimale Regungen und einer fast entwaffnenden Gelassenheit, die offenlässt, ob das innere Gewissheit oder bereits Rückzug ist. Nagore Aranburu gibt der Priorin eine beunruhigende Ruhe, Mabel Rivera verleiht dem Film als Großmutter eine zusätzliche  Generationenebene. Und auch die Bildsprache von Kamerafrau Bet Rourich verweigert sich jedem religiösen Kitsch: gedämpfte Farben, natürliches Licht, eine fast beobachtende, kaum bewegte Kamera. Und die Chormusik, die sich durch weltliche wie sakrale Szenen zieht und in einer wundervollen Chorversion von Nick Caves „Into My Arms“ gipfelt – verwischt genüsslich die Grenze zwischen romantischer, familiärer und religiöser Liebe.  

Es geht um Familie 

Wer Ruiz de Azúas bisheriges Werk kennt, erkennt in „Glaube“ die konsequente Fortsetzung des Familenthemas: Nach der erschöpften jungen Mutter in Cinco lobitos und der Frau in Querer, die ihrem Mann jahrelangen sexuellen Missbrauch vorwirft, fragt sie nun, wie frei ein Teenager innerhalb von Familie und Religion überhaupt sein kann. Man kann dabei als Vergleich gerne große Namen der Filmgeschichte bemühen – Yasujirō Ozu oder Hirokazu Kore-eda für den beobachtenden Blick auf die Familie, Carl Theodor Dreyer oder Robert Bresson für die asketische Bildsprache, mit der sich unsichtbare, spirituelle Erfahrung überhaupt erst darstellen lässt. Aber es ist nicht nötig, diese Referenzen zu kennen, um von Glaube ergriffen zu werden – doch lässt sich so leichter erklären, warum der Film so kontrolliert, so wenig larmoyant wirkt, obwohl sein Thema geradezu nach großem Gefühlskino schreit. 

Einen Einwand habe ich dennoch: Das Kloster wird visuell und akustisch deutlich freundlicher inszeniert als das laute, konfliktbeladene Familienumfeld – helles Licht, große Fenster und Stille gegen Streit, Schulden und Enttäuschung. Man könnte darin so etwas wie Werbung für die katholische Kirche sehen. Ich lese diese Asymmetrie aber dann doch anders: Der Film behauptet nirgends, das Kloster sei die bessere Wahl – er zeigt nur, dass Ainara dort in diesem Moment etwas findet, das ihre Familie ihr gerade nicht geben kann. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied, der aber dafür sorgen kann, dass man nach dem Abspann noch lange kontroverse Diskussionen führen könnte. 

Die Sonntage gehören der Familie – oder der Kirche 

Bezeichnend ist am Ende sogar der deutsche Titel selbst: „Glaube“ lenkt den Blick sofort auf die Religion, während das Original „Los domingos“ – die Sonntage – viel offener bleibt. Der Sonntag ist zwar der Tag des Herrn, aber auch der Tag, an dem sich Familien an einen Tisch setzen, selbst wenn sie sich längst nichts mehr zu sagen haben. Beide Institutionen, Familie wie Kirche, versprechen Zugehörigkeit, verlangen Loyalität und geben Halt – und beide können genauso gut einengen. Dass Ruiz de Azúa diese Parallele nie ausspricht, sondern nur zeigt, ist die eigentliche Kunst dieses Films. 

Credits

OT: „Los domingos“
Land: Spanien, Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Aluada Ruiz de Azúa
Buch: Aluada Ruiz de Azúa
Kamera:
Bet Rourich
Besetzung: Blanca Soroa, Patricia López Arnaiz, Miguel Garcés, Juan Minujin, Mabel Rivera, Nagore Aranburu, Irina Robledo Espinosa

Bilder

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Glaube
Peter Gutting
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Markus Solty
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Peter Gutting
„Glaube“ ist entgegen seinem Titel kein in erster Linie religiöser oder antireligiöser Film. Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa spürt in ihrer zweiten Arbeit fürs Kino vielmehr den familiären Irrungen und Wirrungen nach, die aus dem Wunsch einer 17-Jährigen entstehen, ins Kloster zu gehen. Dabei verteilt der Film keine Haltungsnoten für die Akteure, sondern betrachtet jede Figur in ihrer Widersprüchlichkeit, mit Respekt und Wohlwollen.
Markus Solty
„Glaube" ist großes, leises Kino: eine Familie am Rand des Zerbrechens, eine Kirche mit sanfter Verführungskraft, eine junge Frau, die sich keinem von beiden ganz hingibt. Ruiz de Azúa urteilt nicht – sie beobachtet. Genau darin liegt die stille Radikalität dieses zu Recht preisgekrönten Films.
8.5
von 10