© DOK Leipzig 2026

Haus der Trinker

„Haus der Trinker“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Ein Wohnprojekt in Berlins Stadtteil Kreuzberg bietet Obdachlosen eine Alternative: In der Einrichtung steht ihnen ein Einzelzimmer, ein kleines Taschengeld und die kontrollierte Ausgabe von Alkohol zur Verfügung. Die Zimmer sind begehrt und teils mit langen Wartezeiten verbunden. Denn die dort agierenden Sozialpädagoginnen und -pädagogen setzen sich auf vielfältige Weise für die Bewohner ein: Sie nehmen Arztbesuche mit ihnen wahr, vermitteln Jobs, um den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen, leisten aber auch Sterbebegleitung. Vor allem aber hören sie den Menschen zu.

Leben und sterben lassen

„Du bist mir einfach noch zu jung, um in diesem Haus alt zu werden“, sagt Uli zu Ole. Uli ist Sozialpädagoge, Leiter eines Wohnprojekts für Obdachlose in Berlin und steht kurz vor dem wohlverdienten Ruhestand. Müde wird Uli trotzdem nicht, auch wenn ihm die Beerdigungen verstorbener Bewohner inzwischen mehr zusetzen als noch in jungen Jahren. Ole ist einer der Bewohner und seit er ein Jugendlicher ist, drogenabhängig und auf der Straße.

Die Gründe, weshalb ein Mensch dort landet, sind vielfältig. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, gestiegene Lebenshaltungskosten und bürokratische Barrieren, die verhindern, dass Betroffene die finanzielle Hilfe annehmen, die ihnen zustünde, sind nur ein paar davon. Meist gehen diese strukturellen Probleme mit privaten Hand in Hand: Schicksalsschläge, Lebenskrisen, psychische Erkrankungen, Suchtverhalten. Dass viele der obdachlos gewordenen Menschen lieber „auf Platte“, also draußen auf der Straße bleiben, als sich für die Nacht ein Dach über dem Kopf zu suchen, hat gute Gründe. Denn die meisten Notunterkünfte verfügen lediglich über gemeinschaftlich genutzte Schlafsäle, in denen keine Intimsphäre und häufig Gewalt herrschen.

Die in Haus der Trinker porträtierte Einrichtung in Berlin-Kreuzberg macht einiges anders. In dem Gebäude mit der blau verkleideten Fassade stehen den obdachlosen Männern nicht nur Einzelzimmer zur Verfügung, auch Suchterkrankungen werden akzeptiert. Zwar wird der Alkoholkonsum nicht aktiv gefördert, aber kontrolliert begleitet. Ob beim Mittagessen, einem Schachturnier, einem Bootsausflug auf der Spree oder bei der Weihnachtsfeier: die Flasche Bier ist omnipräsent. Was den hier lebenden Menschen mehr als nur eine Freiheit gewährt, die ihnen in anderen Einrichtungen verwehrt wird. Der Ansatz hat auch zur Folge, dass die von Passanten üblicherweise links liegen gelassenen Menschen sich endlich wieder ernst genommen, wertgeschätzt und gesehen fühlen.

Würde, auch ohne Wohnsitz

Auf Außenstehende mag der Ansatz der Einrichtung befremdlich wirken. Die Kritik daran ist programmiert: Dass hier Steuergelder verschwendet werden würden, um Suchtkranken den Alkoholkonsum zu finanzieren, dürfte so manches konservative Gemüt bemängeln. Doch diese Schlussfolgerung greift zu kurz. Sie sieht die Menschen hinter den Zahlen, Statistiken und Kosten nicht. Sie macht sich keine Mühe, zu differenzieren. Sie verschließt die Augen vor den Folgekosten mangelnder Fürsorge und Prävention. Wer sich ernsthaft für das Thema Wohnungslosigkeit interessiert, sollte sich unbedingt diesen Dokumentarfilm ansehen. Denn dessen Regisseur Janis Westphal hat sich die Mühe gemacht.

Westphal hat über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg in der Einrichtung gefilmt – und ist den dort lebenden und arbeitenden Menschen beeindruckend nahegekommen. Die von ihm selbst geführte Kamera begegnet jedem auf Augenhöhe, weil sich der Filmemacher dem Thema ohne Vorurteile oder gar Vorverurteilungen, sondern mit ehrlichem Interesse und überraschender Offenheit annähert. Im Wechsel der Jahreszeiten entstehen viele kleine Porträts von Bewohnern mit ungewöhnlichen Lebensläufen und ihren Betreuern, die sich mit Sachverstand und Herzblut einem beispielhaften Projekt verschrieben haben. Parteiisch ist Westphals Film indessen nicht. Er blendet das Negative nicht aus.

Sonnenseiten wechseln sich mit Schattenseiten ab. Ehrliche Häute stehen neben Menschen, die sich in die eigene Tasche lügen. Und das bisschen Leben, dass ihnen noch bleibt, ist stets nah am Tod gebaut. „Wer hier im Haus 60 wird, der hat ein biblisches Alter erreicht“, weiß der älteste Bewohner, den alle nur „Eisbär“ nennen. Sein Geheimnis für ein langes Leben: Er hat an seinem 70. Geburtstag mit dem Rauchen und Saufen aufgehört. Einfach so! Andere sind nicht so glücklich. Beerdigungen gibt es in diesem Dokumentarfilm mehr als eine zu sehen – und im Abspann steht hinter vielen Namen ein Kreuz.

Charakterköpfe mit Herz

Großartig ist, wie schnell einem diese Charakterköpfe ans Herz wachsen. Etwa Hille, der als Kind beinahe von seiner eigenen Mutter in der Badewanne ertränkt worden wäre, noch nie eine eigene Wohnung hatte und trotzdem nicht die Hoffnung verliert. Oder Peter, der nach einem Familienstreit von zu Hause ausriss, zur Fremdenlegion ging und später Preisboxer in Kanada wurde. Oder Axel, ein exzellenter Fotograf, der bis heute in Berlin mit der Kamera unterwegs ist und dessen Sohn Noam zum Schachturnier im Wohnprojekt vorbeischaut. Eine verzerrte E-Gitarre auf der Tonspur liefert den perfekten, zwischen Melancholie und Hoffnung oszillierenden Soundtrack dazu ab. Denn dieser sehenswerte Dokumentarfilm zieht emotional alle Register.

Credits

OT: „Haus der Trinker“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Janis Westphal
Musik: Jonathan Dreyfus, Amy Andersen
Kamera: Janis Westphal

Trailer

Filmfeste

DOK Leipzig 2026

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

Haus der Trinker
FAZIT
„Haus der Trinker“ ist ein Dokumentarfilm über ein ungewöhnliches Berliner Wohnprojekt für Obdachlose, das Schule machen könnte. Dem Regisseur und Kameramann Janis Westphal, der sich dem Thema und seinen Protagonisten unvoreingenommen nähert, ist ein Film geglückt, der emotional alle Register zieht. Wer sich für Wohnungslosigkeit interessiert, darf sich diese Doku nicht entgehen lassen!
Leserwertung0 Bewertungen
0
8
von 10