© Beate Nelken / Studio RPK/ Thomas Häntzschel / nordlicht/ Roman Schauerte / Yannick Hasse

Die Klasse von 1990

„Die Klasse von 1990“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Im September 1990 kamen 17 Schauspielschüler*innen in Rostock zusammen. Sie kamen sowohl aus West- als auch aus Ostdeutschland, aber derlei Unterschiede spielten politisch seit einiger Zeit keine Rolle mehr. Wiedervereinigung und Mauerfall waren die Schlüsselbegriffe der Zeit und ebneten den Weg für einschneidende Veränderungen im Leben vieler Menschen, die auch vor den Studierenden nicht haltmachten. Die Rostocker Schauspielschule, eine Außenstelle der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, sollte geschlossen werden, was die Zukunft der jungen Männer und Frauen ernsthaft bedrohte. Natürlich waren viele der Räume der Schule klein und renovierungsbedürftig, genauso wie das Arbeiterwohnheim, in dem sie hausten. Jedoch war die Schauspielschule auch ein demokratischer Raum, mit dem sie – wie auch Generationen von Schauspielern und Schauspielerinnen vor ihnen – wichtige Erinnerungen verbanden. Die Schule als Ort dieser Erinnerungen, aber auch als Ort der Kultur und der Bildung, durfte nicht einfach verschwinden. Ihnen allen war klar, dass sie sich organisieren mussten.

35 Jahre später kommen die Schüler*innen von damals wieder auf der großen Bühne zusammen. Nicht aber, um zu spielen, wie sie es während ihrer Ausbildung viele Male getan haben, sondern um sich an die Zeit um 1990 sowie jenen Prozess zu erinnern, der zur Gründung der Hochschule für Musik und Theater Rostock (hmt) geführt hat. Unter ihnen sind Thomas Arnold, Frank Auerbach, Axel Becker, David Gerlach, Doreen Kähler, Steffi Kautz, Matthias Manz, Angela Schlabinger und Sandra Uma Schmitz. Initiiert wurde die Begegnung von RP Kahl (A Thought of Ecstasy) und Sonja Hillberger, ebenfalls Studierende des Jahrgangs 1990–1994. Der daraus entstandene Dokumentarfilm Die Klasse von 1990, der beim DOK Leipzig 2026 seine Weltpremiere feiert, ist dabei keineswegs ein bloßes Schwelgen in Erinnerungen. Denn mittels der Gespräche, die auf der Bühne entstehen, der unterschiedlichen Biografien und der Erzählungen rund um die Proteste anlässlich der drohenden Schließung entsteht ein mehrstimmiges Narrativ. Die Eröffnung einer Stätte für Bildung und Kultur wird aus dem Band der Geschichte gelöst und um Perspektiven ergänzt, die oftmals in der offiziellen Version keine Rolle spielen.

Wehren gegen die Abwicklung

Die Bühne ist für die Akteure von Die Klasse von 1990 mehr als nur ein Ort der Kunst. Sie sprechen von einer Stätte, die ihnen Freiheit gewährt hat, die sie in ihrem Umfeld so nicht kannten. Es geht auch um Wunscherfüllung, wenn jemand davon spricht, dass man „wie eine Prinzessin“ von allen gesehen werden kann und das Gesagte beachtet wird. 1990 war die Bühne das Kontrastprogramm zum Alltag rund um die Ausbildung an der Schauspielschule, der sich zwischen Arbeiterwohnheim und einem Gefühl des Alleinseins abspielte. Die Angst, von der Staatssicherheit unterwandert worden zu sein, war auch in ihrem Jahrgang sehr präsent, und man berichtet sogar davon, dass man von Mitarbeitern der Behörde befragt worden war. Das Bild der sehr in die Jahre gekommenen Fassade der Schule verursacht unterschiedliche Reaktionen bei den Männern und Frauen, denn hinter dem heruntergekommenen Äußeren verbarg sich immerhin ein Ort, an dem die Ausbildung qualitativ sehr hochwertig war und der ihnen einen kleinen Raum der Freiheit bot.

Wenn wir von Demokratie reden, sprechen wir auch davon, dass man sich Räume der Freiheit erkämpfen muss. In der Theorie wissen dies viele Menschen, doch nicht viele haben dies auch erlebt, wobei die ehemaligen Schauspielschüler*innen in Die Klasse von 1990 eine Ausnahme bilden. Wie vieles nach der Wende sollte auch dieser Ort „abgewickelt“ werden, am besten im Zuge eines politischen Verfahrens, das nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Doch dies ließen die Akteure der Dokumentation nicht zu. Archivaufnahmen der Proteste, die gleichzeitig Performances waren, sowie der darauf folgenden medialen Berichterstattung verweisen auf diesen schwierigen, langwierigen Prozess. Im Kontrast dazu steht die rassistische Gewalt von Rostock-Lichtenhagen 1992 – Bilder, die durch entsprechende Aufmerksamkeit in Funk und Fernsehen wie auch in den politischen Diskussionen eher mit dem Image des Ostens verbunden sind, leider bisweilen bis heute. Die Klasse von 1990 ruft in Erinnerung, dass es auch das Gegenteil gab – und dass dieses sogar nachhaltige Veränderungen bewirkte, ähnlich wie die Straßenproteste vor der Wende.

Credits

OT: „Die Klasse von 1990“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: RP Kahl, Sonja Hillberger
Drehbuch: RP Kahl, Sonja Hillberger
Kamera: Roman Schauerte, Yannick Hasse

Bilder

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Die Klasse von 1990
fazit
"Die Klasse von 1990" ist eine ebenso persönliche wie aufschlussreiche Dokumentation über eine Generation, die während der deutschen Wiedervereinigung für ihre Zukunft und den Erhalt eines kulturellen Freiraums kämpfte. RP Kahl und Sonja Hillberger verbinden Erinnerungen, Gespräche und Archivaufnahmen zu einem vielstimmigen Porträt, das die Geschichte der Nachwendezeit um eine wichtige Perspektive ergänzt. Der Film erinnert daran, dass demokratische Veränderungen nicht allein durch politische Entscheidungen entstehen, sondern auch durch Menschen, die sich organisieren und für ihre Überzeugungen eintreten.
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