
Eine Tragödie bedeutet einen Einschnitt im eigenen Leben und manchmal auch eine Wiederbegegnung mit der eigenen Vergangenheit. Als Haiguang Li am 25. Mai 2024 von seiner Mutter per Videocall vom Tod seines Onkels erfuhr, war dies ein solches Ereignis, das nicht nur mit Erinnerungen an den Verstorbenen verbunden war, sondern zugleich mit Bildern seiner Heimat und seiner Familie. 2018 war er von Peking nach Leipzig gezogen, um an der Hochschule für Grafik und Buchkunst zu studieren und seinen Werdegang als Künstler fortzusetzen. Für ihn als Künstler war dies sicherlich ein wichtiger Schritt, doch es bedeutete zugleich eine radikale Veränderung in seinem Leben. Eventuell waren ihm die Folgen dieser Veränderung nicht bewusst, vielleicht hatte er sie in seinem Alltag aus Studium und Arbeit verdrängt, doch mit einem Mal kamen die Erinnerungen zurück, und sie sollten den jungen Mann auch so schnell nicht wieder verlassen.
Diesen Moment nennt Li als wichtige Inspiration für seine Dokumentation Cold River: I Am in Leipzig, die nun beim DOK Leipzig 2026 ihre Weltpremiere feiert. „Dokumentation“ ist jedoch nicht unbedingt der treffende Begriff für Lis Projekt, denn neben dokumentarischen Aspekten greift er auf Bildmontagen, Performances und andere Elemente zurück. Cold River wirkt eher wie eine Installation, bei der es schwerpunktmäßig um Themen wie Migration, Familie, Fremdheit und Gesellschaft geht. In acht Vignetten setzt sich Li mit Ereignissen oder Personen auseinander, die für sein Leben in Leipzig, aber natürlich auch für seine Erinnerungen an Lěng Shuǐ Jiāng eine wichtige Rolle spielen. Es ist ein persönlicher Film, der bisweilen an Installationen erinnert, wie man sie aus Museen kennt, und dessen poetisch-assoziative Ästhetik nachdenklich macht, aber auch vor den Kopf stößt.
„Weigere dich, ein Gefängnis deines Selbst zu sein.“
Ein Mann liegt auf einem Weg inmitten eines Parks. Der Nebel deutet an, dass es wahrscheinlich noch recht früh am Tag ist. Ein Jogger kommt vorbei, schaut den Mann kurz an, doch nach einem kleinen Ausweichmanöver setzt er seinen Weg fort. Im Hintergrund erkennen wir einzelne Menschen, die in der Frühe spazieren gehen, und sogar ein paar Kinder. Ein Hund läuft ins Bild und beschnuppert den am Boden liegenden Mann, wird dann aber von seiner Halterin zurückgerufen, die sich zugleich etwas besorgt an den Liegenden wendet und fragt, ob mit ihm alles in Ordnung sei. Die Szene ist unterlegt von einem Monolog des Liegenden – es ist Haiguang Li selbst –, und dieser handelt von einem Schwebezustand zwischen der Sehnsucht nach Befreiung und dem Stillstand, den man in sich und um sich herum wahrnimmt. Die Welt erwacht, doch der Mensch bleibt liegen.
Die ersten Minuten von Cold River dienen als Einleitung zu jenem Konflikt, der das thematische und ästhetische Zentrum des Films bildet. Deutschland ist das Gegenstück zu China – man befindet sich in einem freien Raum, doch der Blick ist vernebelt, und man fühlt sich so, als komme man nicht weiter. Später erhält der Betrachter das Gegenstück zu dieser Szene, wenn wir zuschauen, wie der Regisseur einen Autoreifen durch Peking schleppt. Er kommt voran, wird aber gleichzeitig ausgebremst. Die Performances in Cold River kann man als Bilder unterschiedlicher Gesellschaften und deren Mentalitäten deuten, doch sie sind genauso Einblicke in die Gefühlslage eines Menschen, der zwischen diesen beiden Polen wechselt und nirgendwo sich selbst wiederfindet. Man soll sich weigern, „Gefangener seines Selbst“ zu sein, heißt es im Monolog zu Beginn, aber dies ist leichter gesagt als getan, wenn man immer wieder von dem einen in das andere Extrem wechselt – oder vielmehr wieder in das jeweilige Gegenteil zurückgeholt wird.
Ein Projekt wie Cold River mag abstrakt und befremdlich wirken, doch mit vielen seiner Beobachtungen trifft Li den Kern eines sehr komplexen Themas. Auf dem Weg zu seiner Arbeit in einem Warenlager erzählt er davon, dass er sich fühlt, als würde er auf der sonnigen Seite eines Weges gehen, doch plötzlich auf eine Landmine treten. Er ist ein Wanderer zwischen den Welten, der leisten und abliefern muss, nur um dann wieder in Unsicherheiten und Fantasien abzudriften, die er nur mit wenigen teilen kann. Er spricht von den Erfahrungen seines verstorbenen Onkels als Arbeiter in einer Kohlemine, während wir Aufnahmen sehen, wie er abermals ein großes Paket in eines der vielen Schwerlastregale des Lagers hievt. Man erkennt, wie Li Widersprüche und Gemeinsamkeiten miteinander verbindet, Freiheit und Unsicherheit – und natürlich Sonne und Landminen.
OT: Lěng Shuǐ Jiāng: Wǒ Zài Lái Bǐ Xī
Land: China, Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Haiguang Li
Drehbuch: Haiguang Li
Kamera: Haiguang Li
(Anzeige)

