
Marie-Lou (Virginie Efira) leitet eine Pflegeeinrichtung für Senioren und speziell für Menschen, die mit neurologischen Krankheiten wie Alzheimer leben. Ihr Alltag besteht nicht aus Pflege, sondern aus Verwaltung, Bürokratie und Budgetplanung. Ihre Priorität liegt trotz allem darin, die bestmögliche Versorgung ihrer Bewohner zu gewährleisten. Dazu etabliert sie ein Humanitude-Konzept, eine Methode der Pflege, die etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt, den Bewohnern aber gleichzeitig auf Augenhöhe begegnet und ihnen ein Gefühl von Würde und Geborgenheit vermittelt. Durch den größeren Aufwand in Training und Durchführung findet ihr Pilotprojekt jedoch nicht bei allen Mitarbeitern Zuspruch. Als Marie-Lou eines Abends ein Theaterstück besucht und sich danach intensiv mit der krebskranken Regisseurin Mari Morisaki (Tao Okamoto) austauscht, erweitert sich nicht nur ihre Sichtweise, sondern sie findet gleichzeitig eine enge Freundin.
Ein adaptierter Briefwechsel
Nachdem Ryusuke Hamaguchi 2021 Drive My Car premierte, plante er bereits sein nächstes Projekt. Nach eigenen Angaben erreichte ihn eine Fülle an Vorschlägen und Angeboten, bis ihn eine befreundete Produzentin auf die Brieffreundschaft zweier Akademikerinnen aufmerksam machte, die sofort sein Interesse weckte. Die Philosophin Makiko Miyano und die Anthropologin Maho Isono korrespondierten zunächst über Zufall und Risiko, bis sich ihr Gespräch nach Makikos Krebserkrankung ernsteren und intimeren Themen wie Sterblichkeit zuwandte. Inspiriert durch die Novelization ihrer Briefe entschied sich Hamaguchi, ihre Geschichte mit All of a Sudden für die große Leinwand zu adaptieren.
Der Beginn einer philosophischen Freundschaft
Ryusuke Hamaguchi nimmt sich mit einer Laufzeit von über drei Stunden viel Zeit für Exposition durch einen linearen und gleichzeitig sehr didaktischen Ansatz. Nach anfänglicher Etablierung des Handlungsraums der Pflegeeinrichtung und der Vorstellung von Virginie Efiras Figur schlägt der Film durch ihren Besuch eines Rakugos, einer traditionellen japanischen Form des Erzähltheaters mit nur einem Darsteller und minimalen Requisiten auf der Bühne, eine neue narrative Richtung ein. Das Stück thematisiert Patienten mit psychischen Einschränkungen und reflektiert sowie amplifiziert Marie-Lous Einstellung zu humaner Pflege und ihre Kritik am System der Einrichtungen. Der darauffolgende Diskurs und die entstehende Freundschaft mit der Autorin und Regisseurin Mari Morisaki bilden den erzählerischen Kern All of a Suddens. Aus anfänglichem intellektuellen Austausch entwickelt Hamaguchi dabei langsam eine zutiefst persönliche und intime Verbindung zweier Frauen, die trotz unterschiedlicher Lebensrealitäten ähnliche Fragen nach Würde, Vergänglichkeit und Menschlichkeit beschäftigen.
Didaktik als Stilmittel
Im weiteren Verlauf des Films bricht Ryusuke Hamaguchi mit einer fundamentalen Regel des filmischen Geschichtenerzählens. „Show don’t tell“ meint, dass Informationen nicht durch gesprochene Exposition, sondern durch Bilder, Handlung, Verhalten oder Atmosphäre vermittelt werden sollten. All of a Sudden ist jedoch sehr dialoglastig. Um seine konkreten moralischen Fragen aufzuwerfen, greift Hamaguchi auf lange und thematisch intensive Dialoge zwischen seinen beiden Protagonistinnen zurück. Während einer Schlüsselszene diskutieren Marie-Lou und Mari Morisaki Grundsatzfragen und die inhärente Problematik kapitalistischer Systeme, wobei sie sogar auf ein Whiteboard zurückgreifen. Mit dieser unkonventionellen Darstellung schafft Hamaguchi nicht nur eine intellektuelle Ausgangslage, sondern gleichzeitig einen didaktischen Grundstein für Figuren und Zuschauer gleichermaßen. Er beschränkt sich jedoch nicht rein auf Exposition durch Dialog, sondern nutzt sie lediglich als Impuls für eine darauffolgende Darstellung und narrativ-visuelle Einordnung der gewonnenen theoretischen Perspektiven. All of a Sudden dekonstruiert Humanität, Verbundenheit, existenzielle Überforderung und Idealisierung. Trotz des Handlungsraums einer Pflegeeinrichtung und der Thematisierung von Vergänglichkeit, Demenz und terminalen Krankheiten inszeniert Hamaguchi einen langsamen, komplizierten, aber gleichzeitig zutiefst menschlichen und lebensbejahenden Film.
In der Ruhe liegt die Wirkung
Alan Guichaouas Kamera fängt das beständig entschleunigte Tempo des Films passend ein. Beobachtende, distanzierte und ruhige, lange Kamerafahrten geben Zuschauern genügend Zeit, die visuelle Darstellung und gleichzeitig die intellektuellen Fragen des Films aufzunehmen und zu reflektieren. Gleichermaßen subtil setzt Hamaguchi Samuel Andreyevs Filmmusik ein und vermeidet dadurch jegliche Art emotionaler Beeinflussung. Schauspielerisch tragen Virginie Efira und Tao Okamoto den Film durch ihre nahbare Darstellung einer platonischen, gleichzeitig jedoch zutiefst engen Freundschaft und einer permanent im Raum stehenden tragischen Finalität.
OT: „Soudain“
Land: Frankreich, Japan, Deutschland, Belgien
Jahr: 2026
Regie: Ryusuke Hamaguchi
Drehbuch: Ryusuke Hamaguchi, Léa Le Dimna
Vorlage: Makiko Miyano, Maho Isono
Musik: Samuel Andreyev
Kamera: Alan Guichaoua
Besetzung: Virginie Efira, Tao Okamoto, Kyōzō Nagatsuka, Marie Bunel, Marie Denarnaud, Jean-Louis Garçon, Jean-Charles Clichet, Heidi Becker-Babel, Gabriel Dahmani
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