© Rebecca Horn

Rebecca Horn – Die Seele der Dinge

„Rebecca Horn – Die Seele der Dinge“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Eine automatische Trommel, ein Tango tanzender Tisch oder ein maschineller Pfau, der Rad schlägt – eigenwillige Objekte bevölkern die Welt der Künstlerin Rebecca Horn, die zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts zählt. Die 2024 verstorbene Grenzgängerin zwischen den Medien Skulptur, Performance und Film prägte die Gegenwartskunst nachhaltig, gerade weil viele ihrer Arbeiten ebenso schön wie verstörend, ebenso einfach wie rätselhaft daherkommen. Wie sich Horns vielschichtiges Lebenswerk in Auseinandersetzung mit ihrer Biografie und mit der Gesellschaft entwickelt hat, welche Einflüsse prägend waren und welche Motive sie antrieben, das erkundet Dokumentarfilmerin Claudia Müller mit großem Einfühlungsvermögen. Und mit dem offensichtlichen Bemühen, das zunächst Fremdartige nahbarer erscheinen zu lassen.

Identifikation mit einem einsamen Komiker

Buster Keaton, der legendäre Stummfilmschauspieler und Regisseur, war eines von Rebecca Horns großen Idolen. Sie liebte seinen unbewegten Gesichtsausdruck, seine unbeholfene Art, in der Welt zu sein und sich das Leben mit Hilfe von Dingen und Maschinen zu erobern. „Rebecca identifizierte sich regelrecht mit ihm“, sagt einer der Experten, die im Film eher spärlich vorkommen. Meist lässt Regisseurin Claudia Müller die Künstlerin selbst sprechen, aus dem Off oder in Archiv-Interviews, mit ihrer eigenen Stimme oder eingesprochen von einer fremden. Das ist gut so, denn so kommen wir der Frau mit den rötlichen Haaren viel näher als über die Distanz des Klassifizierens. Und verstehen, warum sie sich Buster Keaton und seiner Einsamkeit so nahe fühlte. Wie er brachte sie Dinge in Bewegung, erkundete Räume, suchte das Zusammenspiel zwischen den Menschen und ihrer Umgebung.

Seit den 1970er Jahren faszinierte die 1944 Geborene die Kunstszene mit einer ganz eigenen Handschrift, mit einer so noch nie gehörten weiblichen Stimme. 1972 stellte sie erstmals bei der Documenta aus, lebte lange in New York und Paris, lehrte an der Hochschule der Künste in Berlin, zeigte ihre Werke in allen großen Museen der Welt, gewann unzählige Preise und schuf an ihrem Geburtsort in Bad König im Odenwald eine Stiftung in den Räumen der ehemaligen elterlichen Textilfabrik. Nach dem Willen des Vaters hätte sie das Unternehmen weiterführen sollen. Doch ein anfängliches Studium der Volkswirtschaft brach sie bald ab und schrieb sich – zunächst ohne Wissen des Vaters – ab 1963 an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg ein.

Dort ereignete sich ein Unglück, das für ihre ersten künstlerischen Schritte prägend werden sollte. Die Studierenden arbeiteten ohne Schutzmaske mit dem Werkstoff Polyesterharz – in Unkenntnis über die Vergiftungsgefahr. Rebecca Horn musste mit einer schweren Lungenverletzung ins Krankenhaus und brauchte mehr als zwei Jahre, um wieder gesund zu werden. Aus der Erfahrung des Ans-Bett-gefesselt-Seins schuf sie eine spektakuläre Körperkunst, die mit Bändern, mit Unbeweglichkeit, aber auch mit Verlängerungen von Körperteilen und Gliedmaßen arbeitete. Das berühmteste Werk aus dieser Zeit ist das „Einhorn“ (1970), eine meterlange Spitze auf dem Kopf einer Frau, die wie in Trance durch Felder und Wiesen spaziert – aufgenommen auf Super-8-Film. Später ging sie von Körperskulpturen (oft mit Federn) zu Maschinen über, die sich selbst bewegen, in Innenräumen oder in Interaktion mit der Natur. Ab den 1980er Jahren folgten große Rauminstallationen, die unter anderem die deutsche Nazi-Vergangenheit thematisierten.

Biografische Einflüsse

Rebecca Horn – Die Seele der Dinge macht den Entwicklungsweg der Künstlerin anhand von biografischen Einflüssen nachvollziehbar, ohne das Werk auf das Leben zu reduzieren und ihm damit seinen Zauber zu nehmen. Ähnlich wie in ihrem Vorgängerfilm Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen nähert sich Regisseurin Claudia Müller einem Œuvre, das als schwer zugänglich gilt. Durch die eigenen Erzählungen der Künstlerin und eine geschickte Montage gelingt es dem Film aber hier wie dort, sozusagen die „harte Nuss“ zu knacken und sich einen besser verdaulichen Zugang zu bahnen – und das, ohne „Fast Food“ zu produzieren. Claudia Müller, die für verschiedene TV-Reihen schon eine ganze Reihe von Künstlerinnen vorgestellt hat, beweist einmal mehr ihr glückliches Händchen für ebenso kenntnis- wie facettenreiche, ebenso tiefgründige wie eingängige Frauenporträts.

Im Falle von Rebecca Horn kommen ihr dabei nicht nur deren Performances und die bewegten Skulpturen zu Gute, die sie ausgiebig zitiert und in aller Ruhe auf das Publikum wirken lässt. Es sind vor allem die Filme von Rebecca Horn selbst (zwei lange und ein mittellanger), die für Humor und Unterhaltung sorgen. Hier gewinnt die Bemühung Horns um ein immer wieder fragiles Gleichgewicht zwischen Mensch, Maschine und Natur eine neue, wunderbar leichtfüßige Dimension. Und wieder ist es der Komiker Buster Keaton, der sie zu ihren surrealistischen Fantasien inspiriert hat.

Credits

OT: „Rebecca Horn – Die Seele der Dinge“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Claudia Müller
Drehbuch: Claudia Müller
Musik: Eva Jantschitsch
Kamera: Christine A. Maier

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Rebecca Horn – Die Seele der Dinge
fazit
Rebecca Horn – Die Seele der Dinge“ porträtiert eine der wichtigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Claudia Müller nutzt die große Leinwand, um dem Publikum die bedeutendsten Werke der Grenzgängerin zwischen (Körper)Skulptur, Performance und Film nahe zu bringen. Dabei setzt die Regisseurin fremdartig Wirkendes mit der Kindheit und dem jungen Erwachsenenalter von Rebecca Horn in Beziehung. Der Dokumentarfilm macht die Objekte und Performances dadurch auch für künstlerische Laien zugänglicher, ohne ihnen ihren rätselhaften Zauber nehmen zu wollen.
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