„Wurzeln und Flügel“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt
Die vierjährige Maja (Gaia Aljona) hat eine Mama, von der andere Kinder nur träumen können. Mutter Marie (Lisa Charlotte Friederich) ist nämlich ein Straßenclown. Weiß geschminkt, mit schwarzem Hut und schwarzer Weste, bringt sie mit ihren Pantomimen Passanten zum Lachen, foppt sie, flirtet mit ihnen. Maja schaut dabei zu, mal belustigt, mal ein wenig sorgenvoll, welche Schnapsidee Marie denn als nächste einfallen wird. So frei wie ein Clown will Marie nicht nur selber leben. Das gesteht sie auch ihrer Tochter zu, die sie innig liebt und deren Wünsche und Bedürfnisse ihr über alles gehen, solange sie sie nicht an Haus und Herd zwingen. Doch eines Tages ist Marie verschwunden. Als Erwachsene macht sich Maja (jetzt: Lena Urzendowsky) auf die Suche nach der Stelle, an der Marie tot aufgefunden wurde. Es beginnt eine zärtlich-melancholische Reise zu den Erinnerungen der frühen Jahre in Anatol Schusters berührend schönem Film über eine ungewöhnliche Kindheit.
Sehnsucht nach der Balance
Die Lehrerin spricht von Herzen: Wurzeln und Flügel wünscht sie ihren Schützlingen bei der Einschulung. Es ist eine Sehnsucht, die wir wohl alle in uns tragen, obwohl sie nur wenigen in harmonischer Balance zuteilwird. Auch die kleine Maja erlebt zunächst eine eher einseitige Kindheit, mit viel Fantasie und Flügeln. Denn die alleinerziehende Mutter Marie lebt unstet, stets auf der Suche nach einem Schlafplatz für die nächste Nacht. Nach einem Abstecher nach Italien landen Tochter und Mutter schließlich bei Majas liebevollem Opa Friedrich (Wolfram Koch). Der ist ebenso fantasiebegabt wie seine Enkelin und bietet der kleinen Maja erstmals ein richtiges Zuhause.
So zusammengefasst, klingt die Handlung recht altklug und betont nach pädagogischen Floskeln. Doch Anatol Schuster (Frau Stern, 2019) umschifft in seinem vierten Langfilm sämtliche Klischees. Weder erzählt er von einer unzuverlässigen Mutter noch von einem vernachlässigten Kind. Ganz im Gegenteil: So viel Wärme, Zuneigung und Zärtlichkeit würde sich wohl mancher wünschen. Auch wenn der Film Widersprüche im realen Leben nicht ausklammert, legt er den Fokus doch auf etwas ganz anderes: auf den Versuch, sich zu erinnern, die Leichtigkeit der frühen Kindheit wieder in sich aufkommen zu lassen und zugleich ihren Verlust zu betrauern. Davon erzählt allein schon der von einer Trompete dominierte, mal folkloristisch beschwingte, mal in Moll schwelgende Soundtrack (Rike Huy).
Vom bitter-süßen Mix der Gefühle erzählt auch die Montage des Films, den Schuster selbst geschnitten hat. In tranceartiger Leichtigkeit tanzen Gegenwart und Vergangenheit einen Tango, schreiten mal parallel vorwärts, mal überschneiden sie sich in inniger Umarmung. Immer wieder begegnen sich das junge und das erwachsene Ich buchstäblich, nicht im selben Bild, aber durch einen sanft gesetzten Schnitt. Man kann deshalb Wurzeln und Flügel mit gutem Recht mehreren Genres zuordnen, wie es auch das Filmfest München getan hat, als es den Film gleich zwei Sektionen zuordnete: der Kinderfilmreihe „CineKindl“ und dem „Neuen Deutschen Kino“. Dennoch trifft die Einordnung in solche Muster nicht den einzigartigen Charakter des Filmes, der wie sämtliche Arbeiten von Anatol Schuster ein perfekt passendes formales Kleid für eine nicht minder eigenständige Geschichte schneidert.
Gründliches Feilen
Fünf Jahre habe die Reise des Films gedauert, erzählte der Regisseur beim Filmgespräch in München. Die Idee, auch die Perspektive der erwachsenen Maja zu schildern, sei erst in eine der späteren Drehbuchfassungen eingeflossen. Das gründliche Feilen hat sich gelohnt. Der Film besticht durch die Zärtlichkeit und Wärme seiner Bilder, die die kindliche Darstellerin wie in eine kuschelige Decke hüllen. Er überzeugt aber ebenso durch das, was er weglässt, nämlich sämtliche Versuche, einen vermeintlich objektiven Blick auf das Geschehen zu werfen. Stattdessen nimmt er konsequent zwei Perspektiven ein, je nachdem, ob die kindliche oder die erwachsene Maja im Bild ist. Ebenso konsequent verschmilzt er beides zu einer Einheit, wie es auch im realen Leben geschieht. An die Kindheit erinnern wir uns eben als Erwachsene.
Nicht genug loben kann man die vier Hauptdarsteller*innen. Sie tragen durch den Film nicht nur als reale Personen, sondern auch als Projektionsfiguren für unser aller Sehnsüchte. So eine freizügige Kindheit hätte man gerne erlebt, eine solch großzügige Mutter gerne gehabt, einen derart liebevollen Opa gerne erlebt. Gaia Aljona als kindliche Maja hat das natürlich nicht „bewusst“ gespielt. Aber man muss den Hut davor ziehen, wie geduldig und präzise ihr natürliches Agieren von Kamera, Schnitt und Regie eingefangen wurde.
OT: „Wurzeln und Flügel“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Anatol Schuster
Drehbuch: Anatol Schuster
Musik: Rike Huy
Kamera: Adrian Campean
Besetzung: Gaia Aljona, Lisa Charlotte Friederich, Wolfram Koch, Lena Urzendowsky, Maria Spanring
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