
Auf den ersten Blick sehen sie aus wie eine ganz normale Familie, die an einem ganz normalen Tag ganz normale Dinge tut. Das Ehepaar Robert (David Duchovny) und Paige (Hope Davis) sowie die beiden erwachsenen Kinder Aaron (Cooper Raiff) und Emily (Lucy Boynton) werfen den Müll weg, arbeiten im Garten, albern herum. Dabei ist schon länger nichts mehr normal bei den Whistlers. Nicht seitdem die Tochter Leah (Kaitlyn Dever) Suizid begangen hat. Seitdem suchen die vier nach einem Weg, mit dem Schmerz und dem Verlust klarzukommen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie sehr unterschiedliche Ansichten haben, sich andauernd in die Haare kriegen. Nicht einmal bei der Frage, ob die Verstorbene ein Begräbnis bekommen soll oder nicht, kann sich die Familie noch einigen …
Das Leben mit dem Tod
Einen geliebten Menschen zu verlieren, das ist nie einfach, gleich um wen es dabei geht und unter welchen Umständen das geschieht. Die Leere wieder füllen zu können. Damit klarkommen, dass jemand, der ein fester Teil von einem selbst war und ist, nicht mehr da ist, nur noch eine Erinnerung. Wie soll das funktionieren? Das Leben geht weiter, so sagt man. Aber was heißt schon Leben, wenn die eigene Tochter tot ist? Die Schwester? Die beste Freundin? Das weiß in See You When I See You niemand. Am wenigsten Leahs Bruder Aaron, der ihr immer besonders nahestand. Er war es auch, der sie nach der Überdosis Tabletten gefunden hat und der so sehr darunter leidet, dass er sich und sein gesamtes Umfeld in den Abgrund zu reißen droht.
Der Protagonist ist das Alter Ego des Stand-up-Comedians Adam Cayton-Holland, der mit dem Drehbuch seine eigenen Memoiren Tragedy Plus Time: A Tragi-Comic Memoir für die große Leinwand adaptiert hat. Dabei hat er einiges fiktionalisiert und abgewandelt. Doch der Kern ist geblieben: Wir folgen einem jungen Mann, der um seine jüngere Schwester trauert und damit völlig überfordert ist. Verkörpert wird dieser in See You When I See You von Cooper Raiff, der dank seiner preisgekrönten Tragikomödien Shithouse (2020) und Cha Cha Real Smooth (2022) selbst ein spannender Nachwuchsregisseur des US-Independentkinos geworden ist. Hier lässt er sich von seinem bekannten Kollegen Jay Duplass leiten, eine der Ikonen in diesem Bereich. Dieser hat den Mut, den Protagonisten zu einer ambivalenten Figur zu machen. Ein Mann, der so voller Schmerzen ist, dass der bloße Anblick selbst welche bereitet. Aber auch ein Egozentriker, der den Blick auf alle anderen verloren hat und ihnen damit die Möglichkeit nimmt, selbst zu trauern.
Das Ende, der Anfang und alles dazwischen
An der Seite von Raiff stehen David Duchovny, Hope Davis und Lucy Boynton als die übrigen Familienmitglieder, die alle auf ihre Weise versuchen, mit dem Schmerz umzugehen – irgendwo zwischen Konfrontation, Verdrängung, Wut und Alkohol. Dabei dürfen sie hinfallen, dürfen scheitern. Sie müssen es vielleicht sogar, wenn die Aufgabe zu groß ist, zu unmenschlich. Vor allem Aaron kehrt in Gedanken immer wieder zu dem Tag und früheren Szenen zurück, wird verfolgt von Erinnerungen und Vorwürfen, quälenden Fragen und Was-wäre-wenn-Szenarien.
Hätte ich es verhindern können?
Der Film, der 2026 in Sundance Weltpremiere hatte, gibt darauf keine Antwort. Vielmehr zeigt er uns, dass es nicht immer Antworten gibt. Und dass das okay ist. Manchmal müsse man sich erst sehr viel schlechter fühlen, damit es wieder besser werden könne, erklärt an einer Stelle die Therapeutin, die Aaron dabei helfen soll, sein Trauma und die komplizierte Vergangenheit zu verarbeiten. Und es wird besser. Denn das Leben geht tatsächlich weiter, vielleicht nicht heute oder morgen oder auch nicht nächste Woche. Aber irgendwann. Wenn die Familie nach einer emotionalen Tour de Force zusammensitzt, sich gemeinsam erinnert und wieder einen Platz für Leah gefunden hat, kehrt nicht nur ein Lächeln auf die Gesichter der Angehörigen zurück. See You When I See You schickt auch das Publikum mit einem Lächeln zurück in die Welt da draußen – und mit der tröstlichen Erkenntnis, dass das Ende nicht immer das Ende ist.
OT: „See You When I See You“
Land: USA
Jahr: 2026
Regie: Jay Duplass
Drehbuch: Adam Cayton-Holland
Vorlage: Adam Cayton-Holland
Musik: Jordan Seigel
Kamera: Jim Frohna
Besetzung: Cooper Raiff, David Duchovny, Kaitlyn Dever, Hope Davis, Lucy Boynton, Ariela Barer
Sundance Film Festival 2026
Filmfest München 2026
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)

