Transit Times
Szenenbild aus "Transit Times" (© Javier Palicio/ Filmreederei / Weydemann Bros)

Ana-Felicia Scutelnicu [Interview]

© Rromir Imami pp medium

Mit Transit Times kehrt Ana-Felicia Scutelnicu in das Moldawien der späten Neunziger zurück. Im Mittelpunkt steht eine Künstlerfamilie in Chișinău, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versucht, zwischen wirtschaftlicher Not, gesellschaftlichem Wandel und persönlichen Krisen ihren Platz in einer neuen Zeit zu finden. Der Film feierte seine Weltpremiere beim Filmfest München und startet am 2. Juli 2026 auch in den deutschen Kinos. Wir haben mit der Regisseurin im Vorfeld der Weltpremiere über ihre eigenen Erinnerungen an diese Zeit, die außergewöhnliche Authentizität des Films, die Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann und Kameramann Javier Palacios sowie über die Frage gesprochen, warum Geschichte für sie immer bei den Menschen beginnt, die sie erlebt.

Ana-Felicia Scupelnicu, Ihr neuer Film Transit Times spielt im Moldawien des Jahres 1997. Wie würden Sie den Film jemandem beschreiben, der noch nichts darüber weiß? 

Transit Times erzählt von einer Künstlerfamilie aus Chișinău, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einer völlig neuen Realität zurechtfinden muss. Nach der Unabhängigkeit Moldawiens gab es zunächst eine große Euphorie. Die Menschen hatten das Gefühl, dass nun alles möglich sei, dass Freiheit und Selbstbestimmung vor ihnen lägen. Doch nur wenige Jahre später zeigte sich, wie schwierig dieser Übergang tatsächlich war. 

Gerade für die Intellektuellen und Künstler war diese Zeit sehr hart. Viele verloren ihre Existenzgrundlage oder mussten große Opfer bringen. Mich hat interessiert, was diese Umbrüche mit den Menschen gemacht haben. Deshalb erzähle ich diese Geschichte anhand einer ganz normalen Familie in einem Hinterhof von Chișinău. Über ihre Nachbarn, Freunde und ihr unmittelbares Umfeld entsteht für mich ein Mosaik dieser Gesellschaft. Gleichzeitig schlägt der Film eine Brücke in die Gegenwart. Wenn wir verstehen wollen, warum viele Entwicklungen in Osteuropa heute so sind, wie sie sind, müssen wir auch auf diese Jahre zurückblicken. 

Wie viel von Ihren eigenen Erinnerungen steckt in diesem Film? Sie waren damals ungefähr im Alter der Figur Eva. 

Sehr viel. Eva ist gewissermaßen ein Prototyp meiner Generation. Sie setzt sich aus vielen Erinnerungen zusammen – aus meinen eigenen, aber auch aus denen meiner Freundinnen. Ich bin selbst in einer Künstlerfamilie aufgewachsen. Mein Vater war ebenfalls Filmemacher, viele Menschen in meinem Umfeld waren Schriftsteller, Musiker oder Künstler. Diese Welt kenne ich sehr gut. Deshalb steckt in allen Figuren etwas von realen Menschen. 

Eva trägt vieles von meiner Generation in sich. Auch Zina ist von Frauen inspiriert, die ich kannte – von meiner Mutter und von vielen anderen Müttern, die damals alles getan haben, um ihre Familien durchzubringen. Und Victor hat ebenfalls Züge meines Vaters, auch wenn er natürlich keine direkte Kopie ist. Jede Figur basiert auf unterschiedlichen Vorbildern aus meinem Leben. 

Sie erzählen keine großen historischen Ereignisse, sondern den Alltag einer Familie. Ist das für Sie der bessere Weg, Geschichte erfahrbar zu machen? 

Ja, unbedingt. Geschichte besteht nicht nur aus Politikern oder historischen Daten. Sie besteht vor allem aus den Menschen, die diese Zeit erlebt haben. Mir war wichtig, genau diesen Menschen eine Stimme und ein Gesicht zu geben. 

Wenn ihre Geschichten verschwinden, verschwindet auch ein Teil unserer Geschichte. Deshalb möchte ich zeigen, was sie damals erlebt haben, welche Opfer sie bringen mussten und wie sie versucht haben weiterzuleben. 

Beim Anschauen des Films hatte ich oft das Gefühl, keinen Film über die Neunziger zu sehen, sondern einen Film aus den Neunzigern. Wie haben Sie diese Authentizität erreicht? 

Das war tatsächlich eine große Herausforderung. Zum Glück gibt es in meiner Heimat noch einige wenige Orte, die sich kaum verändert haben. Diese kleinen Inseln mussten wir zunächst finden. Gleichzeitig wurde mir bei der Recherche bewusst, wie sehr sich das Land inzwischen verändert hat. 

Am Ende mussten wir fast alles rekonstruieren: Kleidung, Frisuren, Wohnungen und viele Details des Alltags. Aber es ging nicht nur um die Ausstattung. Entscheidend war auch ein anderes Zeitgefühl. Damals verlief das Leben langsamer. Man hatte das Gefühl, dass einem die Zeit gehörte. Niemand schaute ständig auf das Handy oder war permanent beschäftigt. 

Genau dieses Lebensgefühl wollte ich zurückholen. Das war nur möglich, weil ein unglaublich engagiertes Team mit großer Sorgfalt gearbeitet hat. Umso mehr freut es mich, wenn Zuschauer sagen, sie hätten tatsächlich das Gefühl, in das Jahr 1997 zurückzureisen. 

Der Film besitzt eine sehr melancholische Grundstimmung. War das von Anfang an geplant? 

Diese Melancholie war sicherlich schon im Drehbuch angelegt, hat sich aber auch während der Arbeit weiterentwickelt. Für mich war die Rückkehr in diese Zeit etwas sehr Persönliches. Ich habe dabei auch an meine Eltern gedacht, die damals noch jung waren und mitten in diesen schwierigen Jahren versucht haben, ihre Familie durchzubringen. 

Gleichzeitig erinnere ich mich auch an das besondere Lebensgefühl dieser Zeit. Wir hatten wenig Geld, aber sehr viel Zeit. Ich denke an endlose Sommerferien, an Spaziergänge mit Freunden oder daran, einfach zusammen Musik zu hören. Dieses langsame Tempo des Lebens wollte ich ebenfalls im Film spürbar machen. 

Ihre Schauspieler sind durchweg hervorragend. Wie haben Sie die Besetzung gefunden? 

Das war ein sehr langer Castingprozess. In Moldawien gibt es kaum eine Filmindustrie, deshalb haben viele Schauspieler nur wenig Erfahrung vor der Kamera. Die meisten arbeiten am Theater, und das ist eine ganz andere Art des Spiels. 

Das war zunächst eine große Herausforderung. Deshalb haben wir nicht nur in Moldawien gecastet, sondern auch in Rumänien. Wir haben unzählige Videos gesichtet und viele Schauspieler persönlich getroffen. 

Für die Hauptrolle wollte ich unbedingt jemanden finden, der den gesamten Film tragen kann. Marina Palii hat mich vom ersten Moment an überzeugt. Ursprünglich war die Figur Zina im Drehbuch sogar etwas älter. Als ich Marina kennenlernte, habe ich die Rolle bewusst jünger geschrieben. 

Damals bekamen viele Frauen sehr früh Kinder. Es war also durchaus glaubwürdig, dass eine vergleichsweise junge Mutter bereits eine fast erwachsene Tochter hat. Außerdem bin ich inzwischen selbst Mutter von zwei Kindern und verstehe diese Perspektive heute viel besser als noch vor einigen Jahren. 

Auch Arina Mura, die Eva spielt, war für mich eine wunderbare Entdeckung. Es ist ihre erste Filmrolle. Ich habe sie an einer Musikschule gefunden, sie studiert heute Klavier am Konservatorium. Gerade diese Mischung aus professionellen Schauspielern und Menschen ohne große Filmerfahrung finde ich spannend. Oft bringen unerfahrene Darsteller eine besondere Wahrhaftigkeit vor die Kamera. 

Javier Palicio, der Kameramann des Films, ist Ihr Ehemann. Wie funktioniert eine Zusammenarbeit, wenn man auch privat ein Paar ist? 

Unsere Kinder waren in dieser Zeit bei meinen Eltern und einer Freundin. Fast zwei Monate lang haben wir sie kaum gesehen. Das war nicht einfach. 

Aber die Zusammenarbeit war für mich unglaublich bereichernd. Mein Mann ist Spanier und hat eine Bildsprache vorgeschlagen, die sich deutlich von dem unterscheidet, was man häufig mit osteuropäischen Filmen verbindet. Viele erwarten eher harte, raue Bilder. Er dagegen wollte das Licht und die Farben Moldawien zeigen. Moldawien ist ein sehr sonniges Land mit ausgeprägten Jahreszeiten, viel Grün, Obst und Gemüse. Diese Wärme gehört genauso zu unserer Heimat wie die schwierigen Lebensumstände. 

Gerade dieser Kontrast war uns wichtig. Das Leben der Menschen ist oft von schweren Schicksalen geprägt, aber die Welt, in der sie leben, ist voller Licht und Farben. Dadurch entsteht eine Wahrhaftigkeit, die mir sehr wichtig war. Seine Kamera vermittelt das Gefühl, wirklich mitten in dieser Zeit und in diesem Leben zu sein. 

Natürlich war es auch schön, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der mich so gut kennt. Er war während des gesamten Projekts mein wichtigster Mitstreiter. 

Auch Ihr Bruder spielt im Film mit. War das von Anfang an geplant? 

Ja. Mit meinem Bruder arbeite ich eigentlich bei allen meinen Filmen zusammen. Er ist nicht nur Schauspieler, sondern unterstützt mich auch während der Dreharbeiten. Ich vertraue seinem Blick sehr. Er hat ein ausgesprochen gutes Gespür für authentisches Schauspiel und hilft mir oft dabei, Szenen gemeinsam mit den Darstellern weiterzuentwickeln. 

Gerade bei den großen Szenen mit vielen Komparsen war seine Unterstützung enorm wichtig. Solche Sequenzen wären ohne ihn kaum möglich gewesen. Im Film spielt er den Antagonisten. Da er wie viele andere diese Zeit selbst erlebt hat, konnte er auch viel von seinen eigenen Erinnerungen in die Figur einbringen. 

Erst kürzlich konnte man sie, ihren Mann und ihren Bruder gemeinsam in Volker Koepps Dokumentarfilm Chronos – Fluss der Zeit sehen. Dort geht es – zum Teil jedenfalls – ebenfalls um Moldawien und den Wandel des Landes. Wenn Sie heute an das Moldawien Ihrer Kindheit denken: Was vermissen Sie – und was ganz sicher nicht? 

Das heutige Moldawien ist kaum noch mit dem Land der späten Neunziger zu vergleichen. Damals befand sich das Land in einer tiefen Krise. Es herrschten Korruption, Kriminalität und eine enorme wirtschaftliche Unsicherheit. Viele Menschen sahen keine Perspektive mehr und gingen ins Ausland, um Geld zu verdienen und ihre Familien zu unterstützen. Diese Rücküberweisungen haben das Land über viele Jahre mitgetragen. Dadurch konnten Häuser gebaut, Kinder ausgebildet und neue Existenzen geschaffen werden. 

Wenn ich heute nach Chișinău komme, sehe ich eine ganz andere Stadt. Es gibt schöne Cafés und Restaurants, die Straßen wurden erneuert, vieles wirkt moderner und lebendiger. Auch der Krieg in der Ukraine hat paradoxerweise dazu geführt, dass viele Menschen nach Moldawien gekommen sind und einige geblieben sind. Das hat neue Impulse gebracht. 

Natürlich ist die Lage weiterhin fragil. Solange der Krieg so nah ist, bleibt eine gewisse Unsicherheit bestehen. Aber insgesamt spüre ich heute eine deutlich positivere Stimmung als damals. Vor allem die junge Generation wächst inzwischen in einer völlig anderen Realität auf. Ich glaube sogar, dass sich viele Jugendliche heute kaum noch vorstellen können, wie das Leben Ende der Neunziger tatsächlich war. 

Zwischen ihrem letzten Film Anishoara und Transit Times liegen fast zehn Jahre. Ich hoffe, bis zum nächsten Film müssen wir nicht wieder so lange warten. Woran arbeiten Sie gerade? 

Tatsächlich arbeite ich bereits an einem Projekt. Es geht um eine Mutter, die ihren 23-jährigen Sohn an Krebs verliert. Anschließend besteht Ihr einziger Sinn im Leben, ein Enkelkind aus seinem Samen zu kriegen. Ein modernes Märchen über die Sehnsucht, der Vergänglichkeit zu entkommen. Dabei tauchen wir parallel in das philosophische Märchen Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod, wo wir den Sohn nach dem Tod als einen Prinzen auf seiner Reise erleben.  

Ich möchte Mythos und Moderne auf eine neue Art verweben und dabei die Themen verhandeln, die mir am Herzen liegen: Mutterschaft, Vergänglichkeit, Leben und Tod.“ 

Woran lag es denn, dass die Pause zwischen den beiden Filmen so lang war? 

Das hatte mehrere Gründe. In dieser Zeit habe ich zwei Kinder bekommen, und dann kam die Pandemie. 

Eigentlich wollten wir in Odessa drehen. Wir hatten dort bereits alle Drehorte gefunden und arbeiteten mit ukrainischen Partnern zusammen. Doch mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs mussten wir den gesamten Dreh neu organisieren. Das hat das Projekt noch einmal erheblich verzögert. 

Ich hoffe deshalb sehr, dass der nächste Film deutlich schneller entstehen wird. Nach so vielen Jahren wünscht man sich natürlich, nicht noch einmal so lange auf das nächste Projekt warten zu müssen. 

Frau Scutelnicu, vielen Dank für dieses Gespräch. 



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