
Europas Grenzen interessieren uns Deutsche eigentlich nur dann, wenn sie von Geflüchteten überrannt werden. Ganz anders die Haltung von Filmemacherin Valeska Grisebach: Sie lenkt unseren Blick auf die komplexe Vielfalt und vor allem auch auf die Potenziale der Ränder. So schickt sie in ihrem neuen Film die Bulgarin Veska (Yana Radeva) in das Dreiländereck Bulgarien/Türkei/Griechenland. Die erfahrene Archäologin leitet dort eine Ausgrabung, gibt der örtlichen Bevölkerung Arbeit und trifft zufällig ihren Bekannten Saïd (Syuleyman Alilov Letifov) wieder. Ein entspanntes Gespräch zwischen beiden, oben auf der Ausgrabungsstätte mit fantastischem Blick über die leicht verbrannte Hügellandschaft entzündet einen Funken zwischen beiden, der zuvor nicht da war. Doch plötzlich ist Saïd spurlos verschwunden, vermutlich wegen eines zwielichtigen Treibstoffschmuggels. Veska lässt sich in das Geschäft hineinziehen und gerät in Konflikt mit dem lokalen Mafia-Boss Iliya (Stoicho Kostadinov).
Vereinendes und Trennendes
Wer die Handlung so zusammenfasst, erzählt zwar nichts komplett Falsches, nimmt dem Film aber schon etwas von seinem Zauber. Der Plot ist nie der Ausgangspunkt von Valeska Grisebachs Arbeiten, sondern ein Ort, Menschen, Stimmungen, Recherchen. Der eigentliche Reiz liegt also darin, wie die Kamera auf Gesichter schaut, wie sie den Blick durch Räume schweifen lässt oder wie sie sich unter eine abendliche Runde mischt, in der die Frauen des Ortes zusammensitzen, plaudern und scherzen. Valeska Grisebach hat sicherlich ebenfalls solchen Runden mit Einheimischen beigewohnt. Denn in den Interviews beim Filmfestival Cannes, wo Das geträumte Abenteuer den Preis der Jury gewann, erzählte sie, wie sie sich bei der Arbeit am Vorgängerfilm Western (2017) mit etwa gleichaltrigen Bulgarinnen und Bulgaren über den europäischen Umbruch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in den Jahren nach 1989 austauschte.
Manches habe man geteilt, berichtet Grisebach, vor allem die Freude und die Euphorie über den Anbruch einer neuen, idealerweise friedlichen Epoche. Anderes aber erwies sich als trennend, etwa die Enttäuschungen im Osten, der Schock eines zerstörerischen Turbokapitalismus, die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern. Die Filmemacherin spürte, dass sie – wie wir alle – viele blinde Flecken mit sich trug. Also reiste sie erneut nach Bulgarien, diesmal an die Grenze, unterhielt sich mit den Menschen vor Ort, recherchierte und stieß schließlich auf eine Gruppe von Archäolog*innen.
Das geträumte Abenteuer funktioniert ganz ähnlich wie diese Recherche. Schicht für Schicht zieht der Film das Publikum in einen Sog von Schicksalen und Geschichten, von Sichtbarem und Unsichtbarem, von Geheimnissen und Rätseln. Es wird über die Verfolgung von Minderheiten während der kommunistischen Diktatur gesprochen, die Kamera begleitet Veska zu einem verfallenden Hotel, das einmal Touristen und Devisen anlocken sollte. Der beobachtende Blick der Archäologin trifft auf dicke Autos in einer eigentlich verarmten Gegend. Und irgendwann nähert sich der filmische Sog dem genretypischen Thrill an, wenn sich die verliebte Frau in der Auseinandersetzung mit dem Mafia-Boss eine Waffe besorgt.
Weibliche Aneignung eines männlichen Genres
Der Verweis aufs Genrekino ist also ebenso wie im Vorgängerfilm nicht zu übersehen. Man darf ihn ernst nehmen und auch wieder nicht. Valeska Grisebach hat als kleines Mädchen gern mit ihrem Vater Western und Abenteuerfilme geschaut. Sie ist als Filmemacherin einerseits noch davon geprägt, andererseits aber auch von der Erfahrung, dass Frauen in den männerdominierten Erzählmustern an den Rand gedrängt werden. Während Western noch den Konflikt zweier Männer thematisierte, stellt Das geträumte Abenteuer nun eine Frau ins Zentrum. Und was für eine! Veska, verkörpert von der nicht-professionellen Schauspielerin Yana Radeva, trägt den Film mit ihrer Ruhe, ihrer Neugier, ihrer Zuneigung, aber auch mit ihrer Durchsetzungskraft.
Die Archäologin gibt ihren Mitarbeiter*innen nicht nur Arbeit, sie hat ein offenes Ohr auch für private Sorgen, sie hilft, wo sie kann, und rettet ein junges Mädchen vor den Fängen der Menschenhändler. Veska stammt ursprünglich aus der Grenzstadt Svilengrad, ging dann zum Studium weg, kommt jetzt zu den Ausgrabungen zurück und überlegt, ob sie nicht ganz in der Gegend bleiben könnte. Ihre Spurensuche ist auch die nach der eigenen Vergangenheit, genau wie bei den Menschen, denen sie begegnet. Darin spiegelt sich die Geschichte des ganzen Landes und letztlich die von Europa.
Wobei: Wer so zu interpretieren versucht, schreibt auch wieder ein Stück am Film vorbei. Dessen eigentliche Stärke liegt in der Art, wie er durch seine großzügigen Bilder einen Raum zum Atmen, zum Fühlen und zum Denken öffnet. Jede Zuschauerin und jeder Zuschauer wird dabei, sofern sie sich auf den Rhythmus einlassen, eigene Entdeckungsreisen machen. Und es mag sein, dass man in den Bildern etwas findet, was uns allen guttäte. Etwas, das das Westerngenre, den Konflikt oder das Duell traumwandlerisch unterläuft: Zugewandtheit zwischen den Menschen, Hilfsbereitschaft und das gemeinsame Anpacken von Problemen.
OT: „Das geträumte Abenteuer“
Land: Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Österreich
Jahr: 2026
Regie: Valeska Grisebach
Drehbuch: Valeska Grisebach, Lisa Bierwirth
Kamera: Bernhard Keller
Besetzung: Yana Radeva, Syuleyman Alilov Letifov, Stoicho Kostadinov, Nikolay Shekerdjiev, Denislava Yordanova
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