
Die Schauspielerin Charlotte (Lilith Stangenberg) lädt Helena (Mücke) und Oskar (Chang Wang) zu einem gemeinsamen Urlaub am Meer ein. In ihrer Jugend hatten sie eine Experimentalfilmgruppe gebildet, waren aber im Streit auseinandergegangen. Charlotte machte Karriere und hat Geld, Helena lebt von Sozialhilfe und ist bei den Anonymen Alkoholikern, Oskar ist auch arm und hat sich von der Kunst abgewandt. Im Urlaub wollen sie wie früher einen Undergroundfilm drehen. Charlotte möchte die männermordende Dementia spielen. Ihre Opfer soll der Nachbar Rudolph (Twiggy) darstellen, in den sich der queere Oskar verliebt. Das Projekt steht unter keinem guten Stern: Charlotte und Helena liegen sich ständig in den Haaren, Oskar versucht zu schlichten, hat aber allen Grund zur Eifersucht.
Fröhlich subversives Filmemachen
Das Spielfilmdebüt des Regisseurs Brezel Göring erzählt eine Film-im-Film-Handlung, die absichtlich dilettantisch inszeniert wirkt. Mit den drei fiktionalen Freund*innen, die wie einst mit 16 einen eigenen Film drehen wollen, verbindet den Regisseur ein fröhlich-subversives Kunstverständnis. Mainstream liegt ihm fern, was sich auch in der Wahl des Filmmaterials zeigt: Gedreht wurde im analogen Super-8-Format. Punkiger Synthie-Pop der einstigen Berliner Band Stereo Total mit ihrer Sängerin Françoise Cactus sorgt für eine energiegeladene Atmosphäre. Göring hatte die Band Anfang der 1990er Jahre mit der Künstlerin gegründet, die 2021 verstarb. Mit diesem Film würdigt der Regisseur seine Partnerin, auf deren unvollendetem Romanmanuskript sein Drehbuch basiert. Göring – der 1967 als Hartmut Richard Friedrich Ziegler zur Welt kam – stellte den Roman mit einer Mitarbeiterin fertig und veröffentlichte ihn zusammen mit anderen Texten von Cactus im Sammelband Oh Oh Mythomanie.
Die renommierte Schauspielerin Lilith Stangenberg (Sterben) und Göring kennen sich nicht erst seit dem Filmdreh. Sie machen gemeinsam in seiner neuen Band Psychoanalyse Musik. Stangenberg verleiht Charlotte die selbstsichere Lässigkeit einer Diva, und wenn sie in schwarzem Lackleder die Männermörderin spielt, ähnelt sie einer Femme fatale aus dem Noirfilmgenre. Charlotte raucht unentwegt, nimmt Tabletten, reklamiert mehr oder weniger offen die Führung im Trio für sich. Stangenberg wirkt herrlich verspielt in dieser Rolle. Charlotte kann spontan, aber auch unendlich gleichgültig sein, als wäre sie immer noch die Jugendliche von einst. Helena, der alles missfällt und die Charlotte ständig kritisiert, hat die rebellische Wut einer Pubertierenden nie abgelegt. Oskar ist queer, auf Ausgleich bedacht und kleidet sich bunt, Helena bevorzugt punkiges Schwarz.
Nichts als Flausen im Kopf?
Twiggy spielt Rudolph als Love Interest und als Komparse, dem es vor der Kamera in vielen Varianten buchstäblich an den Kragen geht. Aber auch sein tänzerisches Talent kann Rudolph ausgiebig beweisen. Dass er eigene Ziele verfolgt, ahnen die Freund*innen nicht. Die Drei ziehen ihren von Streit begleiteten Dreh mal ernst, mal wurstig durch. Dabei wirkt ihre achselzuckende Amateurhaftigkeit wie eine Persiflage auf das Filmemachen. Ist es wichtig, Charlottes Filmfigur Dementia ein psychologisches Motiv für ihre Serienmorde zuzuschreiben? Nein, findet Helena. Doch, meint Charlotte. Hinter der Kamera kochen die Emotionen hoch und aus dem fiktionalen Krimi könnte bald ein echter werden…
Göring macht sich einen Spaß daraus, gegen die Sehgewohnheiten des Publikums zu verstoßen. Die Dialoge der Charaktere werden aus dem Off gesprochen über die Szenen gelegt, in denen sie die Lippen oft unpassend oder gar nicht bewegen. Im Presseheft schwärmt Göring nicht nur für den „rauen, grobkörnigen Charme“ und die „traumgleiche Unschärfe“ des Super-8-Materials. Sondern er lässt auch etliche seiner erhellend-witzigen Einstellungen zum Filmemachen zitieren, wie beispielsweise: „Mit viel Fleiß und Geld könnte ich eine perfektere Kinoillusion als diesen Film herstellen. Aber ich halte das für sinnlos.“ Es macht Spaß, diesen augenzwinkernden Klamauk anzuschauen und darüber zu sinnieren, ob Mainstreamfilme wirklich Relevanteres zu erzählen haben, oder das nur glatter verpackt behaupten.
OT: „Für immer 16“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Brezel Göring
Drehbuch: Brezel Göring
Musik: Brezel Göring, Stereo Total
Kamera: Stephan Holl
Besetzung: Lilith Stangenberg, Chang Wang, Mücke, Twiggy, Anton Garber
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