Basierend auf dem gleichnamigen Roman der britischen Autorin erzählt Virginia Woolf’s Night & Day (Kinostart: 9. Juli 2026) die Geschichte von Katherine, die aus gutem Haus stammt und die nun endlich verheiratet werden soll. Daraus hat sie aber gar keine Lust. Sie hat viel mehr Interesse daran, sich mit Mathematik und Astronomie zu beschäftigen anstatt mit Männern. Dummerweise hat im London des frühen 20. Jahrhunderts niemand Verständnis für ihre Ambitionen, weder die wissenschaftlichen Organisationen noch ihr eigener Vater, der wenig mit ihren Wünschen anfangen kann. Wir haben uns bei der Deutschlandpremiere beim Filmfest München 2026 mit Hauptdarstellerin Haley Bennett unterhalten. Im Interview zu der Liebeskomödie spricht sie über Frauenrollen, Erwartungen und die Suche nach sich selbst.
Was hat dich an Virginia Woolf’s Night & Day gereizt? Warum wolltest du diesen Film drehen?
Ich liebe Virginia Woolf! Und liebte, dass es eine Geschichte von ihr ist, bei der du lachen kannst. Die Geschichte ist romantisch und überraschend lustig. Night & Day zelebriert Frauen und bringt die genauen Beobachtungen von Liebe und Gesellschaft zum Leben.
Kanntest du das Buch vorher schon?
Ich habe es tatsächlich erst für den Film gelesen. Es ist ihre unbekannteste Geschichte und sie ist auch anders, als man es von Virginia gewohnt ist. Aber das war für uns großartig, weil es nicht so viele Erwartungen gab, die wir erfüllen mussten. Wir hatten mehr Raum für künstlerische Freiheiten. Uns war es nicht so wichtig, uns genau an den Roman zu halten. Wichtiger war uns, dass du in dem Film den Geist von Virginia Woolf spüren kannst.
Was ist dieser Geist, von dem du sprichst? Wie würdest du ihn beschreiben?
Virginia Woolf stellte spannende Fragen über Frauen und ihren Platz in dieser Welt. Sie war ihrer Zeit bei so vielem weit voraus, etwa was die Rechte von Frauen angeht. Und das fühlst du in dieser Geschichte. Was sie erzählt, ist selbst heute noch relevant, mehr als hundert Jahre später. Wer bist du, wenn du nicht gerade eine Rolle für jemand anderen spielst? Wie findest du ein Gleichgewicht aus Liebe und Karriere? Viele Frauen, mit denen ich gesprochen habe, haben nach dem Film geweint, weil das etwas ist, mit dem wir immer noch zu kämpfen haben. Da ist also etwas, das noch immer bewegt. Ich selbst kämpfe als Mutter jeden Tag damit. Und ich selbst kann mich sehr gut mit Katherine identifizieren. Die Fragen sind in all der Zeit nicht weggegangen.
Aber warum haben wir seither nicht mehr Fortschritte gemacht?
Das weiß ich nicht. Es ist so viel Raum durch Männer besetzt, durch patriarchale Strukturen. Ob es Väter sind oder Partner oder Regisseure oder Produzenten, da sind immer Erwartungen, die du erfüllen musst. Eine Form der Zustimmung, die du brauchst. Das ist nicht einmal als Kritik gemeint, es ist eine reine Beobachtung. Katherine versucht, sich außerhalb dieser Strukturen vorzustellen. Und das habe ich auch versucht.
Als Privatmensch oder als Schauspielerin?
Beides. Im Filmgeschäft sind es immer noch vor allem Männer, die das Sagen haben. Das war etwas, das ich an Virginia Woolf’s Night & Day mochte: Die Geschichte war aus einer weiblichen Perspektive erzählt. Und das nicht nur auf der Leinwand. Regie, Drehbuch, Produktion, an dem Film haben so viele Frauen gearbeitet. Das war wirklich befreiend. Ich habe mich vor Kurzem mit der Autorin Justine Waddell darüber unterhalten, wie anstrengend es ist, dich selbst für andere angreifbar zu machen, verwundbar zu sein und Ablehnung zu riskieren.
Glaubst du, dass ein Film wie Virginia Woolf’s Night & Day da einen Unterschied machen kann in der Welt da draußen?
Das hoffe ich. Wir müssen Filme mit der Überzeugung machen, dass wir andere bewegen können.
Ist euer Film an Frauen gerichtet oder auch an Männer?
An beide. Wenn du dir die Vater-Tochter-Beziehung anschaust, dann kannst du dich damit gut identifizieren. Oder auch, wie Katherine versucht, gegen Konventionen anzukämpfen und einfach sie selbst zu sein. Das sind universelle Themen.
Dann lass uns über Katherine sprechen. Wie würdest du sie beschreiben?
Ich liebte ihre Energie! Ich vergleiche sie gern mit Bridget Jones, nur im viktorianischen Zeitalter. Außerdem ist Katherine nicht von Mr. Darcy besessen, sondern von Mathematik und Astronomie. Ich wurde aber auch von Eloise at a Plaza inspiriert, ein wundervolles, fantasievolles Buch, das ich meiner Tochter vorlese. Ich wollte, dass Katherine einen ganz eigenen Rhythmus hat und nicht im Einklang ist mit der Welt um sie herum. Sie sollte so viel Energie haben, dass sie direkt aus der Leinwand springen und Teil von der Gegenwart werden könnte.
Ist es aber nicht irgendwie ironisch, dass sie nicht in diese Welt passt, während sie mit Mathematik und Astronomie zwei Wissenschaften studiert, welche die Welt beschreiben? Auf gewisse Weise sind sie die Grundlage unserer Welt.
Man muss dabei natürlich immer zwischen dem persönlichen Aspekt und dem Meta-Aspekt unterscheiden. Ich glaube, dass ihr Hang dazu, sich die Sterne anzuschauen, auch daher kommt, dass sie eben nicht in die Welt passt. Es geht darum, sich selbst zu finden und zu verstehen, wer wir eigentlich sind und was unser Platz in diesem Universum ist.
Und hat die Arbeit an dem Film dir geholfen, deinen eigenen Platz zu finden?
Auf jeden Fall! Ich fand es sehr schön, wie ich durch diesen Film so viele Verbindungen zu anderen Frauen aufbauen konnte. Und von ihren Kämpfen zu hören, der Suche nach einer Balance aus Ambition, Kreativität, Familie und Liebe. Wir hatten eine Gemeinschaft, in der wir uns wirklich sicher fühlen konnten. Wir wurden gehört und gesehen, was sehr aufregend war.
Und hilft eine solche Gemeinschaft, das Selbstvertrauen zu haben, das du brauchst in einer Welt, in der du dauernd zurückgewiesen wirst?
Ich denke schon, ja. Du musst lernen, auf dich selbst zu hören und deine innere Stimme zu hören. Nicht zu verschwinden. Da ist die Außenwelt, in der wir uns bewegen, aber auch die Welt in uns drin. Wir müssen uns diese Welt, die in uns ist, anschauen und uns mit dem Teil von uns auseinandersetzen, der Angst hat. Wir müssen den Mut finden, diesen Teil von uns zu zeigen, selbst wenn wir dabei scheitern sollten.
Vielen Dank für das Interview!
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