Simon Messner – Aus dem Schatten begleitet den Südtiroler Bergsteiger und Sohn von Reinhold Messner auf einer Expedition ins pakistanische Karakorum, erzählt aber weit mehr als die Geschichte einer Erstbesteigung. Regisseurin Veronika Kaserer zeichnet das Porträt eines Mannes, der zwischen Risikoleidenschaft, Verantwortung und der Suche nach einer eigenen Identität steht. Zum Kinostart des Dokumentarfilms am 7. Juli 2026 haben wir mit Simon Messner gesprochen. Im Interview erzählt er von der Herausforderung, selbst vor der Kamera zu stehen, vom Leben als Vater und Bergsteiger, von seiner früheren Höhenangst und davon, warum große Abenteuer nicht zwangsläufig am anderen Ende der Welt beginnen müssen.
Herr Messner, Sie haben selbst viele Jahre hinter der Kamera gearbeitet und Dokumentationen produziert. Wie war es für Sie, diesmal selbst im Mittelpunkt eines Films zu stehen?
Das war für mich überhaupt nicht einfach – und ist es ehrlich gesagt immer noch nicht. Ich habe viereinhalb Jahre lang Filme produziert, ausschließlich hinter der Kamera. Das war eine schöne Zeit, weil Filmemachen etwas sehr Kreatives ist. Jetzt aber erstmals selbst vor der Kamera zu stehen und dabei auch sehr persönliche Seiten von mir zu zeigen, war eine große Herausforderung. Ich tue mich bis heute schwer damit, mich selbst vor der Kamera zu sehen.
Was war schwieriger: über persönliche Themen zu sprechen oder sich bei einer Expedition von einem Filmteam begleiten zu lassen?
Vor allem musste ich lernen, die Kontrolle abzugeben. Ich bin es gewohnt, das Storytelling selbst in der Hand zu haben. Diesmal musste ich Vertrauen schenken. Rückblickend ist das, glaube ich, gut gelungen. Es ist ein sehr hintergründiger und ehrlicher Film geworden.
Am Berg war das Filmen allerdings tatsächlich schwierig. Mein Bergsteigen lebt von Spontaneität. Je nach Wetter, Kraft oder Motivation entscheiden wir unterwegs, wie es weitergeht. Mit einem größeren Team im Hintergrund ist das natürlich nicht so einfach.
Die Expedition im Film war bereits Ihre vierte gemeinsam mit Martin Sieberer. Wie wichtig ist es, seinen Seilpartner wirklich gut zu kennen?
Das kann ich nur für mich beantworten. Mir ist das wahnsinnig wichtig – und Martin geht es genauso. Wir sind längst nicht mehr nur Seilpartner, sondern sehr gute Freunde. Gemeinsame Expeditionen schweißen zusammen. Man teilt Sorgen genauso wie Glücksmomente. Für mich ist es entscheidend, dass man sich am Berg blind versteht.
Ein Satz aus dem Film bleibt besonders hängen: „Bergsteigen ist wahnsinnig egoistisch.“ Gleichzeitig sind Sie inzwischen Vater. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um?
Genau mit dieser Frage hadere ich im Moment. Der Film zeigt einen Ausschnitt aus meinem Leben, in dem sie plötzlich sehr präsent geworden ist. Ich habe sie sicher lange verdrängt. Wir Bergsteiger sind sehr gut im Verdrängen, sonst würden wir wahrscheinlich gar nicht mehr aufbrechen.
Ja, Bergsteigen ist egoistisch. Wenn mir am Berg etwas passieren würde – und das bleibt immer möglich –, dann müssten vor allem die Menschen damit leben, die zurückbleiben. Für die Hinterbliebenen ist das eigentlich nicht verantwortbar. Ob das richtig oder falsch ist, beantwortet der Film nicht. Im Leben gibt es selten nur Schwarz oder Weiß.
Seit ich selbst Vater geworden bin, verspüre ich jedenfalls nicht mehr diesen Drang, immer größere Herausforderungen zu suchen. Ob das irgendwann wiederkommt, weiß ich nicht.
Im Film sprechen Sie und in Archivaufnahmen auch ihr Vater davon, dass Bergsteigen Parallelen zu einer Sucht haben kann.
Ich glaube schon, dass es diese Parallelen gibt. Eine echte Sucht würde ich es jedoch nicht nennen. Aber früher, während meiner Studienzeit, konnte ich bei schönem Wetter kaum drinnen sitzen. Da gab es diesen starken Drang hinauszugehen.
Ich glaube, das hängt mit diesem sogenannten „Natural High“ zusammen – diesem körpereigenen Glücksgefühl, das entsteht, wenn man lange auf ein Ziel hingearbeitet, Unannehmlichkeiten ausgehalten und es schließlich geschafft hat. Dafür belohnt einen der Körper mit einem enormen Endorphinschub. Ich kann mir vorstellen, dass genau das einen gewissen Suchtcharakter entwickelt.
Sie erzählen im Film auch, dass Sie als Jugendlicher unter massiver Höhenangst gelitten haben. Wie haben Sie diese überwunden?
Im Nachhinein erscheint mir das selbst fast skurril. Die Angst war damals so stark, dass ich zeitweise nicht einmal auf einer Leiter stehen konnte. Vielleicht war genau das der eigentliche Antrieb. Ich wollte verstehen, woher diese Angst kommt und warum ich nicht mit ihr umgehen kann. Also habe ich mich ihr immer wieder ausgesetzt. Ohne es bewusst zu planen, war das eine Art klassische Konditionierung. Dabei habe ich unglaublich viel über mich selbst gelernt – vor allem über den Umgang mit Angst.
Im Film hinterfragen Sie sich immer wieder selbst. Gehören Selbstzweifel für einen Bergsteiger dazu?
Das kann ich nicht allgemein beantworten. Ich sehe mich als Teil einer langen Tradition des Bergsteigens, die in den Alpen entstanden ist. Natürlich haben mich auch die Erzählungen meines Vaters geprägt.
Was bei mir dazukommt, ist mein Name. Der macht die Geschichte vielleicht etwas bunter. Aber die Fragen, die der Film stellt, sind eigentlich allgemeingültig. Ich glaube, auch Menschen, die nie einen Berg bestiegen haben, können sich darin wiederfinden.
Vielleicht gehören Selbstzweifel tatsächlich dazu. Bergsteiger sind oft Suchende. Sonst würden sie zu Hause auf der Couch sitzen bleiben und sich nicht immer wieder freiwillig in Situationen begeben, die körperlich und mental an die Grenzen gehen.
Am Ende des Films erfährt man, dass Sie sich nach der Expedition an der Schulter operieren lassen mussten. Wie geht es Ihnen heute?
Zum Glück deutlich besser. Die Verletzung war ernster, als ich zunächst gedacht hatte. Aber kurz vor einer Expedition blendet man so etwas leicht aus. Man steckt so viel Energie und Motivation hinein, dass man es trotzdem versucht.
Die Operation liegt inzwischen ein halbes Jahr zurück. Ich war erst vor wenigen Tagen zur letzten Kontrolluntersuchung in Innsbruck, und alles sieht sehr gut aus. Ich darf meine Schulter langsam wieder belasten und habe sogar schon die ersten Kletterversuche gemacht. Das hat mir unglaublich gefehlt.
Wird schon die nächste Expedition geplant?
Nein, so weit bin ich noch nicht. Ich habe zwar eine lange Liste mit Ideen, aber ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob man unbedingt nach Nepal oder Pakistan reisen muss, um große Erlebnisse zu haben.
Mit der richtigen Einstellung und etwas Gespür für die Geschichte eines Berges bin ich überzeugt, dass wir auch in den Alpen ähnliche Erfahrungen machen können. Dafür muss man nicht immer um die halbe Welt fliegen. Mal sehen, wohin es mich in den nächsten Jahren zieht.
Herr Messner, vielen Dank für das Gespräch
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