„Drei Kameradinnen“ // Deutschland-Start: 12. November 2026 (Kino)
Saya (Manal Raga a Sabit), Kasih (Bayan Layla) und Hani (Brikena Ray) sind beste Freundinnen. Das darf man für felsenfest sicher halten. Alle drei sind in Deutschland aufgewachsen und kennen sich seit ihrer Kindheit. Auch daran darf man glauben. Mit dem offenen bis tief versteckten Rassismus, der ihnen hier entgegenschlägt, geht jede der drei anders um. Auch an dieser Behauptung ist was dran, aber man sollte sie mit einer gewissen Vorsicht genießen. Ganz schwierig wird es aber mit dem Verdacht, Saya habe ein Mehrfamilienhaus in Brand gesteckt, weil darin ein bekennender Rechtsextremist wohnte, der gegen den Gerichtsprozess wegen rechter Terror-Morde mit braunen Parolen protestierte. Allerdings: Alle Welt und besonders eine TV-Journalistin (Meret Becker) hält die festgenommene Saya für die Täterin. Schlagen Linksextremisten mit Migrationshintergrund jetzt gegen rechte Mordserien, ähnlich der des sogenannten NSU, zurück? In einem furiosen Verwirrspiel führt uns Regisseurin Milena Aboyan in ein ganzes Labyrinth von falschen Fährten.
Unzuverlässige Erzählerin
Die Form des unzuverlässigen Erzählens ist ein gängiges Kinomotiv, vor allem im Thriller oder Krimi. Oft bereitet es dem Publikum Vergnügen, an der Nase herumgeführt zu werden. In Drei Kameradinnen nach der gleichnamigen Romanvorlage (2021) von Shida Bazyar hat die Irreführung jedoch eine weniger angenehme Funktion. Vor allem das Publikum aus der weißen Mehrheitsgesellschaft dürfte sich bei seinen Vorurteilen ertappt fühlen, gerade dann, wenn es nicht um offene Abneigung wie bei den AfD-Wählern geht. Wie man es auch dreht und wendet – würde man nicht bereitwillig glauben, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Plattenbauten groß werden? Dass man den benachteiligten Kindern auch noch den Spielplatz wegnimmt? Ihnen die Bushaltestelle raubt? Andererseits könnte das angesichts grassierender Sparpolitik und strukturellem Rassismus auch genauso gut wahr sein. Man weiß es einfach nicht. Erwischt fühlt man sich trotzdem.
Das Verwirrspiel ist keineswegs der einzige Kniff, die Illusionsmaschine Kino zu sabotieren. Regisseurin Milena Aboyan (Elaha, 2023) arbeitet mit Zeitraffern, Animationen und direkter Ansprache des Publikums, um Distanz zur vermeintlichen Geschichte zu schaffen. Das schafft Raum fürs Nachdenken, für unterschiedliche Sichtweisen und komplexe Gefühle. Nichts ist einfach nur schwarz oder weiß. Trotz ihrer gemeinsamen Erfahrung als Frauen mit sichtbarem Migrationshintergrund haben Saya, Kasih und Hani ganz eigene und durchaus auch widersprüchliche Wege gefunden, sich im Leben durchzuschlagen. Zumindest stellt Kasih, die sich als „eure Erzählerin“ vorstellt, das so dar. Saya zum Beispiel münzt ihre Wut über die ständige Diskriminierung in politische Aktion um. Hani möchte am liebsten nicht auffallen und lässt sich die blondierten Haare glätten. Kasih selbst steht irgendwo dazwischen. Sie hat für beide Haltungen Verständnis, spürt ihre Wut, lässt sie aber nicht raus. Wobei man sofort, wenn man diese Sätze schreibt, auch wieder zur Löschtaste greifen möchte. Ist nicht doch alles irgendwie komplizierter? Stecken nicht in jeder der drei auch die Anteile der beiden anderen?
Momente des Durchatmens
Sicher ist: Auseinanderdividieren lassen sich die drei jungen Frauen nicht. Weder von deutschen Jungs, in die sie sich unglücklich verlieben, noch von einer unfairen Journalistin oder von gutgemeinten, aber ebenfalls strukturell rassistischen Hilfsangeboten. Für Szenen inniger Freundschaft nimmt sich der ansonsten dynamische und schnell geschnittene Film Zeit. Wenn die drei nur für sich sind, legt er Ruhepausen ein. Das sind wohltuende Momente des Durchatmens, frei von doppelten Böden, erzähltechnischen Finten oder dem Hinterfragen vorgefasster Haltungen. Um die Intensität des Zusammenhalts zu beschreiben, spricht schon der Roman nicht von Freundinnen – was quasi der alltäglichere, geläufigere und damit auch abgegriffene Begriff wäre. Ähnlich wie bei Erich Maria Remarque in seinem Roman Drei Kameraden ist von einer tiefer greifenden Verbindung die Rede. Dort geht es um das gemeinsame Erleben des Krieges – hier um das zusammenschweißende Verständnis dessen, was es heißt, mit nicht-weißer Hautfarbe in Deutschland aufzuwachsen.
Die weiße Mehrheitsgesellschaft, zu der auch der Autor dieser Rezension zählt, kommt weder in der Romanvorlage noch im Film gut weg. Das Ertapptwerden bei eigenen Vorurteilen lässt sich kaum vermeiden. „Null Toleranz gegen Rassismus“ ist das Credo einer neuen Generation von Autorinnen und Filmemacherinnen. Zu ihnen zählen etwa auch die Schriftstellerin Mithu Sanyal und die Regisseurin Randa Chahoud, deren Film Identitti ebenfalls beim Filmfest München Weltpremiere feierte, genau wie Drei Kameradinnen. Sich als Mitglied der Mehrheitsgesellschaft zu diesen Filmen zu verhalten, ist tückisch. Selbst die positive Einschätzung, dass es gut ist, wenn die Betroffenen ihre Stimme erheben, kann als gönnerhafte Herablassung entlarvt werden. Trotzdem: Drei Kameradinnen überzeugt, auch wegen seiner inhaltlichen und formalen Komplexität.
OT: „Drei Kameradinnen“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Milena Aboyan
Drehbuch: Milena Aboyan
Vorlage: Shida Bazyar
Musik: Alexander Wolf David
Kamera: Mortimer Hochberg
Besetzung: Bayan Layla, Manal Raga a Sabit, Brikena Ray, Meret Becker, Hadnet Tesfai
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)



